Pongauer und Pinzgauer Zwiehof

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Denkmalgeschützter Zwiehof Ferchlern
Hoferbichlgut in Saalfelden
Ehemalige Flachsbrechelhütte
Edtgut Viehtränke

Der Pongauer und Pinzgauer Zwiehof - auch Paarhof genannt - ist eine der traditionellen Bauernhofformen in den Salzburger Gebirgsbezirken. Im Zwie- oder Paarhof liegt auch der Ursprung des Mehrseit- und des Gruppenhofes in seiner Mischung mit dem Einheitshof.

Einführung

Unter dem Begriff Bauernhof sind alle zu einer Hofstatt gehörenden Bauten zu verstehen, die dem Menschen zum Wohnen, dem Vieh als Unterstand, der Einlagerung und Verarbeitung der Ernte und zur Bergung der für die Arbeit benötigten Gerätschaften dienen. Diese Gebäude sind stets in einer bestimmten Anordnung gruppiert. Heutige Bauernhöfe in den Gebirgsbezirken reichen oft in das 18. Jahrhundert, manche in das 17. Jahrhundert und vereinzelt sogar in das 16. Jahrhundert zurück. Die Erhaltungsdauer von Holzblockbauten erreicht bei entsprechender Bedachung und sonstiger Instandhaltung 350 bis 400 Jahre.

Pongauer und Pinzgauer Zwiehöfe

„Zur Zeit der Reformation bestand ein Zwiehof aus dem Wohnhaus, dem Stall mit aufgesetztem Bergeraum, dem Getreidekasten, dem Brechelbad und dem Hausbrunnen.“ Bis zur Protestantenemigration 1732 kamen zu diesen Gebäuden noch der freistehende Backofen und bei den meisten Höfen seit dem 16. Jahrhundert eine Hausmühle als >Gmachlmühle<, die am nächstgelegenen Bach stand, dazu. Hier durfte nur hauseigenes Getreide, das überall zur Eigenversorgung angebaut wurde, vermahlen werden. Größere Höfe verfügten manchmal auch über eine Hausschmiede und im Pinzgau stand häufig ein abgesonderter Futterstall oberhalb des Heimgutes. Kraut- und Kuchlgarten, Bienenhütte und Obstgarten waren ebenfalls bei jedem Hof zu finden. Darüber hinaus gehörten zu jeder Hofstatt die Hof-, Feld- und Weidezäune, die auf den Gründen verstreuten Heustadel und bei Höfen mit Almbesitz die dort befindlichen Gebäude wie Almhütte und Viehunterstände (>Scherm<).

Das Wohnhaus

Die Einteilung des Wohnhauses

Das Wohnhaus der Zwiehöfe war zweigeschossig und meist als durchgängiges Mittelflurhaus erbaut. In ebener Lage war das Wohnhaus mit einem giebelseitig aufgeschlossenen Längsflur, in Hanglagen auf einem mächtigen Natursteinunterbau mit einem traufseitig aufgeschlossenen Querflur versehen. Kleine Wohnhäuser weisen auch Seitenflur- und Eckflurgrundrisse auf. An der Talseite liegen im Erdgeschoß Stube und Küche, früher in Form einer Rauchkuchl, an der Bergseite die Kammern und Vorratsräume. Die meisten Wohnhäuser sind unterkellert. Im Keller wurde der Käse aufbewahrt, der im Mittelalter den Hauptteil des dem Grundherrn abzuliefernden Naturalzinses ausmachte.

Das Obergeschoß weist den gleichen Grundriss wie das Erdgeschoß auf und enthält beiderseits des ober dem Hausflur liegenden >Söllers< die Schlafkammern. Im darüber liegenden Dachgeschoß ist meist eine Firstkammer eingebaut, die der Lagerung von Vorräten (Werkzeug, Pferdegeschirre, Lebensmittel etc.) diente. Großen Wohnhäusern wurde manchmal ein weiteres Geschoß aufgesetzt, das zur Unterbringung der Dienstboten diente. Dadurch entstanden dreigeschossige Wohnhäuser, die im Pongau selten aber im Pinzgau häufig anzutreffen sind. Im Pongau waren auf mittelgroßen Bauerngütern vier bis fünf männliche Dienstboten (Bauknecht, Werfer, Stadler, Pirscher) und ebenso viele weibliche Dienstboten (Baudirn, Garber, Melkerin, Pirscherin oder Kuchldirn) zu beherbergen und bei Almbauern noch zusätzlich die Sennerin und der Hüter. Auf den großen Höfen des Pinzgaus lebten noch bis in das 20. Jahrhundert bis zu 16 Dienstboten.

Die Bauform des Wohnhauses

Die Bauweise des Wohnhauses war im 18. Jahrhundert und oft noch heute die in europäischen Nadelholzgebieten übliche Blockbauzimmerung, wobei der Blockbau nach und nach durch Natursteinmauerwerk ersetzt wurde. Zuerst wurden feuerstättennahe Wände gemauert und erst nach der erzbischöflichen Bauordnung von 1795 das ganze Erdgeschoß. Im Pinzgau gibt es allerdings wesentlich mehr Bauernhäuser, die – wie die Haustüren, die in Form von spätgotischen Kielbogenportalen errichtet wurden, belegen – bereits im 16. Jahrhundert aufgemauert wurden. Die Eckverbindungen der Block- oder Schrotwände verfertigte man in Form des Kopfschrotes mit vorstehenden Balkenenden oder als Schließschrot ohne Eckvorstöße. Mittelwände des 18. Jahrhunderts weisen häufig die Form des Zierschrotes oder des Malschrotes auf.

Die Stallscheune

Stall

Die Stallscheune als Hauptwirtschaftsgebäude des Zwiehofes stellt nach Kurt Conrad „eines der großartigsten Bauwerke der alpinen Streusiedlungslandschaft dar. Sie ist aus baumwälzig belassenen Rundstämmen gezimmert, weshalb der Scheunenteil über dem Stall im Pongau einfach >Zimmer< genannt wird. Im Pinzgau heißt der befahrbare Scheunenteil >Brucken<. Das Erdgeschoß mit dem Stall heißt >Hof<, es wird quer zur Firstrichtung von einer breiten Durchfahrt, dem >Leerhof< geteilt.“ Talseitig befinden sich die Stallungen, die bis ins 19. Jahrhundert als Grubenställe ausgebildet waren. Der darin entstehende Dauermist wurde im Winterhalbjahr mit Schlitten und sog. >Schleipfen< auf die Wiesen und Felder ausgebracht. Die Futterbarren waren beweglich an den Wänden angebracht, wodurch sie je nach Anwachsen der Dunghöhe mit der >Barrnhebleiter< hochgehoben werden konnten. Bergseitig gelangte man vom Leerhof in den Erd- oder Tiefstadel, „der als >Tiefbansen< vom Obergeschoß aus mit Heu beschickt wird, in den daneben befindlichen >Streustadel<, der die Aststreu aufnimmt, und manchmal auch in einen kleineren Stallraum für Schafe, Jungvieh oder Pferde, sofern diese nicht in eigenen Stallgebäuden untergebracht sind.“

Scheune

Vom Leerhof gelangt man über eine Stiege ins Obergeschoß. Dieses wird bergseitig durch eine breite Auffahrt erschlossen. Sie führt als >Zimmerbruckn< in das >Vorzimmer<, von dem aus die Tiefbansen beschickt werden. Es folgt die über dem Leerhof gelegene Vortenne, die „als >Kreuztenn< das Obergeschoß querschiffartig teilt und als Abstellraum für Fahrzeuge, auch als Schnitz- und Werkraum dient.“ Von der Vortenne gelangt man durch das >Tenntor< in die über dem Stall gelegene Dreschtenne, „den eigentlichen >Tenn<, der von der Giebelseite her durch das >Tennstürl< belichtet wird und beiderseits die >Kare< als Behälter für das einst reichlich angebaute Getreide aufweist.“ Hier befanden sich manchmal kleine Tennkasten zur Aufbewahrung des frisch ausgedroschenen Getreides. Diese Körner wurden erst nach der Reinigung mit der >Putzmühl< oder >Windmühl< in den freistehenden Getreidekasten geschüttet. Über der Tenne finden sich auf den Bundtramen weitere Bretterböden und Bühnen, >Bamaritzen< genannt. Auf ihnen wurde Roßheu, Bohnenstroh oder Gerätschaften gelagert. Das die Stallscheune deckende Pfettendach war ein Schwerdach, unter dessen ausladendem Vordach giebel- und traufseitig ein Gang mit einem Stangen- oder Stabgeländer lief, Laub- oder Schaubgang genannt. Auf diesem wurde das als Beifutter für die Schafe, Ziegen oder das Jungvieh verwendete Ahorn- oder Eschenlaub und die Strohschauben des ausgedroschenen Getreides, im Pongau auch die häufig angebauten Bohnen, zur Trocknung gelagert.

Die Entstehungszeit der Stallscheune des Pongauer und Pinzgauer Zwiehofes ist nicht geklärt. Es wird vermutet, dass das Gebäude in der frühen Neuzeit „aus ursprünglich freistehenden kleineren Einzweck-Stall- und Stadelbauten zusammen gewachsen ist.“ Das brachte neben der Holzeinsparung auch den Vorteil, dass „die Stall- und Fütterungsarbeiten und viele andere Arbeitsvorgänge nun im >Hofzimmer<, wie das Gesamtgebäude im Pongau heißt, auch bei Schlechtwetter ungestört stattfinden konnten, was angesichts der schon erwähnten Klimaverschlechterung betriebswirtschaftlich besonders erwünscht war.“

Getreidekasten

Neben der Stallscheune hat der Getreidekasten eine besonders wichtige Funktion. Wird das Getreide in Kleinhöfen auf dem Söller, im Dachgeschoß und anderen Räumen in Getreidetruhen aufbewahrt, besteht in größeren Höfen Bedarf nach einem eigenen Getreidespeicher. Er stand von den Hauptgebäuden so weit entfernt, dass er im Brandfall nicht gefährdet war. In diesem >Kasten<wurde das ausgedroschene Getreide gelagert, bevor es zur Mühle gebracht wurde. Besonders wichtig war der Getreidespeicher für die Lagerung des Saatgutes und zur Vorratshaltung von Brot, geräuchertem Fleisch und anderen Lebensmitteln und auch zur Sicherung wertvoller Gebrauchsgegenstände. Aus all diesen Gründen besaß der Getreidekasten ein besonders sorgfältig gearbeitetes und daher einbruchssicheres Riegelschloss. Außerdem ist er zum Schutz vor Ungeziefer fugendicht gezimmert. Zum Schutz vor Feuchtigkeit wurde der Kasten durch Steinsetzung vom Erdreich abgehoben. Die heute meist zweigeschossigen Getreidekasten sind wenig älter als 200 bis 300 Jahre. Ältere Kasten waren eingeschossig ausgeführt. „Die Speicherbauten der alten grundherrschaftlichen Maierhöfe (curtes), die in erster Linie Kornhöfe gewesen sind, waren das Vorbild für die Getreidekasten der ursprünglich nur zur Viehzucht verwendeten Zinshufen (mansi) in den Einödblockfluren der hochmittelalterlichen Streusiedlungslandschaft.“ Die kunstreiche Ausformung der Lungauer und Kärntner Speicher werden im Pinzgau und Pongau nicht erreicht.

Brechelbad

Das Brechelbad, ein eingeschossiges, einräumiges blockgezimmertes kleines Gebäude wird auch >Haarstube< oder >Badstube< genannt. In diesem wurde der Flachs auf einem Stangengerüst ausgebreitet und geröstet (gebäht), wobei ein steingemauerter Ofen die Hitze lieferte. Dieser wurde als Hinterlader von außen beheizt. Der Flachs wurde solange geröstet, bis die Stengel brüchig wurden, „worauf unter dem weit vorgezogenen Satteldach der >Badstube< das Grob- und Feinbrecheln stattfand, das die zum Spinnen tauglichen Flachsteile , den >Haar< , aus den Stengeln löste.“ Der Begriff Badstube weist auf die zweite Aufgabe des Kleingebäudes hin: das Schwitzbad, das allwöchentlich oder jedenfalls zu Ostern, Pfingsten und Weihnachten bis ins späte 18. Jahrhundert von den Hofleuten aufgesucht, bis es aus Sittlichkeits-, Gesundheits- und Holzeinsparungsgründen von der Obrigkeit untersagt wurde.

Quellen

  • Kurt Conrad, „Der Bauer und sein Hof“ in „Reformation - Emigration, Protestanten in Salzburg“, Ausstellungskatalog zur Ausstellung 21. Mai bis 26. Oktober 1981, Eigentümer, Herausgeber und Verleger: Amt der Salzburger Landesregierung – Kulturabteilung, Salzburg
  • Kristian Sotriffer, "Die verlorene Einheit, Haus und Landschaft zwischen Alpen und Adria", Edition Tusch, Wien