| Urlaub in Rumänien - abseits der Küsten am Schwarzen Meer zeigt sich das EU-Beitrittsland noch als touristisches Entwicklungsgebiet. JOSEF THONHAUSER
Die Straße führt schnurgerade von Nyirbator im Nordosten Ungarns zur Grenze im äußersten Nordwesten Rumäniens. Die Beamten sind freundlich, registrieren die mitgebrachten Schäden am Auto, damit einem nicht am Ende bei der Ausreise ein Unfall mit Fahrerflucht angelastet werden kann, verzichten jedoch auf genauere Kontrollen. Aus einem Fenster im Hochparterre des nebenstehenden Hauses lächelt eine Dame. Ein Holzpodest an der Hausmauer ermöglicht, sich auf Augenhöhe mit ihr zu unterhalten. Sie nimmt uns den Gegenwert von drei Euro für zehn Tage Straßenbenutzung ab.
Aber schon nach wenigen Metern wird klar, dass die Straßen mit solchen Summen nicht saniert werden können. Reifentiefe Löcher graben ein unregelmäßiges Muster in den unebenen Asphalt. Da ist große Vorsicht geboten, glauben wir. Die Einheimischen kümmern sich darum wenig und gehen forsch zur Sache; auch bei Ortsdurchfahrten, obwohl man dort allerlei Hindernisse gewärtigen muss: spielende Kinder, Viehherden, Pferdefuhrwerke und viele Anhalter vom Schul- bis ins Greisenalter. Letztere kämpfen gegen den schlecht entwickelten Nahverkehr an, zum Beispiel, wenn sie nach einem Einkauf oder einem Arztbesuch beizeiten wieder in ihr Dorf zurückkehren wollen. Was uns gleich auffällt: Viele ältere Menschen haben offensichtlich gesundheitliche Probleme, sind geh- oder sehbehindert, manche deutlich übergewichtig.
Wir verlassen die Ebene und nähern uns den östlichen Karpaten mit ihren waldreichen, hügeligen Bergformen. Die Passstraße ist so angelegt, dass sie Schwerfahrzeuge im Schritttempo um die Kehren zwingt. Zu Staus kommt es dennoch kaum; dafür ist das Verkehrsaufkommen in dieser Region zu gering.
In Sighet, hart an der ukrainischen Grenze, machen wir Station. Das kleine Museum im Geburtshaus des Schriftstellers und Friedensnobelpreisträgers Elie Wiesel ist schon geschlossen. Der Besuch des jüdischen Friedhofs scheitert an den überzogenen Forderungen der Schlüsselgewaltigen: 30 US-Dollar pro Person wollen Mutter und Sohn des benachbarten Hauses für den Eintritt. Sie halten uns womöglich für amerikanische Nachfahren von Bestatteten.
Geburtsstätte von Elie Wiesel Wir vergewissern uns, dass ihr Ansinnen nicht in Umrechnungsschwierigkeiten begründet ist, und verzichten dann. Das Angebot zu handeln, nehmen wir in diesem Zusammenhang nicht an. Wir werden genug andere Gelegenheiten haben.
Die Dörfer, alle ausgedehnt entlang der Straße, bestehen mehrheitlich aus Blockhäusern, die hinter mehrteiligen, mit Schnitzereien verzierten Holzportalen liegen. Die Sonne als Symbol für das wiederkehrende Leben und das Seil als Symbol für den endlichen Lebensfaden sind die häufigsten Motive.
In vielen Dörfern stehen alte, zum Teil freskengeschmückte Holzkirchen, oft neben großen neuen Gotteshäusern in neobyzantinischem Stil. In Sapanta hat sich ein Künstler in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts in besonderer Weise des Friedhofs angenommen: Alle Grabstelen weisen gemalte Bilder der Verstorbenen auf, dazu die Legende ihrer mehr oder minder "menschlichen" Schwächen, für die sie in der Dorfgemeinschaft bekannt waren. Der "Fröhliche Friedhof", wie er im Führer bezeichnet wird, lockt immerhin so viele Besucher an, dass sich einige Andenkenstände etablieren konnten und für Fremdenverkehrsatmosphäre sorgen. Doch der Schein trügt. Nicht selten trifft man - auch in Hotels - auf Personal, das kein einziges Wort in einer Fremdsprache spricht oder versteht. Das kann Missverständnisse provozieren, zum Beispiel, dass anstelle der bestellten Vorspeise nacheinander drei Hauptgerichte aufgetragen werden.
Jenseits der Karpaten erstreckt sich - umsäumt von sattgrünen Hügeln - das Tal der Moldava, berühmt für seine Klöster. In dichter Folge, manche legendenhaften Ursprungs, erscheinen sie wie Relikte einer versunkenen Welt.
Den Mittelpunkt, immer auf einem großen, von Klostergebäuden umsäumten Platz, stellen jeweils die Kirchen dar, mehrheitlich im spätgotischen Stil erbaut und im 16. Jahrhundert außen und innen mit eindrucksvollen Szenen einer Altes und Neues Testament umfassenden Armenbibel überzogen.
In wenigen Jahren, zum Teil von denselben Künstlern, entstanden diese Monumente einer figurenreichen, farbenfrohen byzantinischen Malerei. Die Motive und ihre Anordnung sind oft gleich; an den satten Grundfarben sind sie von Ort zu Ort zu unterscheiden. Nonnen und Brüder der rumänisch-orthodoxen Kirche hüten dieses Weltkulturerbe und bieten sich - meist polyglott - für Erklärungen an. Die Vermarktung hält sich einstweilen noch in Grenzen, was dem beschaulichen Kunstgenuss zugute kommt. In der Hauptsaison mag das anders sein; erst recht, wenn westliche EU-Bürger auch dort "Heimatrecht" beanspruchen werden.
Spuren ehemaliger Bevölkerungsgruppen Einst war die Gegend eine kleine Einheit des österreichisch-ungarischen Vielvölkerstaates: Rumänen, Ukrainer, Ungarn, Polen, Juden, Roma und Deutsche lebten nebeneinander, ohne mit großen Reichtümern den Neid ihrer jeweiligen Nachbarn zu erwecken.
Geblieben sind nur Rumänen, einige Ungarn und Roma. Von den Deutschen gibt es in der Moldau kaum noch Spuren; an die einst großen jüdischen Gemeinden erinnern zahlreiche Friedhöfe. In Siret, kaum 40 Kilometer vom nördlich gelegenen Czernowitz entfernt, liegen deren drei. Die in den ungemähten Wiesen oder auf Hügeln unregelmäßig verteilten grauen Grabstelen mit Symbolen und Namen vermitteln auf eigenartige Weise Vertrautheit.
Die allermeisten Namen kennt man von irgendwoher; als Besucher von Gedenkstätten zumeist freilich in tragischen Zusammenhängen. Der letzte Jude aus Siret ist vor wenigen Jahren gestorben. Ein junger Automechaniker, der davon träumt, einige Jahre lang im Westen das große Geld zu verdienen, um sich dann in seiner Heimat eine eigene Existenz aufbauen zu können, ist als Anrainer durch Zufall zum Beschließer des Areals geworden. Zur Geschichte des Judentums hat er keine nennenswerte Beziehung. Als ein verrostetes Vorhängeschloss seinem Schlüssel trotzt, zerschlägt er es mit einem schweren Hammer. Von unserem Trinkgeld wird er ein neues kaufen.
In Siebenbürgen, das wir auf einer abenteuerlichen Straße durch die berühmte Bicaz-Schlucht erreichen, erinnert kaum mehr als die außer Gebrauch geratenen Städtenamen - Kronstadt, Hermannstadt, Klausenburg - an die einstige Besiedlung aus deutschen Landen.
Ungarn trifft man hingegen häufiger an, zum Beispiel in Rimetea, einem Gebirgsdorf in der Nähe von Turda. Es verdankt sein schmuckes Aussehen den großzügigen Zuwendungen der österreichisch-ungarischen Monarchie nach einer Erdbeben- und nachfolgenden Brandkatastrophe Mitte des 19. Jahrhunderts, mit denen das Dorf einheitlich im Biedermeierstil wieder aufgebaut werden konnte.
Die Besitzerin eines - sehr gut besuchten - Beherbergungsbetriebes klagt allerdings, dass die rumänischen Behörden ihnen heute kaum eine Infrastruktur gönnen. Die Qualität der Zufahrtsstraße macht ihre Aussage glaubhaft.
© SN.
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