| Erst verdunkelt er sich im Feuer. Dann wird es hell am Ofenhimmel und Zeit, das Brot einzuschießen. Elementares Wissen vermittelt Bäuerin Roswitha Huber zum Anfassen. Nun ist das erste Buch der Gründerin der Rauriser "Schule am Berg" erschienen. ANDREA MAURER
Nachdenklichkeit und offenherziges Lachen gehören zu Roswitha Huber wie der große Aktionsradius, den sich die fünffache Mutter geschaffen hat und der inzwischen bis nach Afrika reicht. Roswitha, die als junge Lehrerin ins Salzburger "Innergebirg" geschickt wurde, um sich dort ihren zukünftigen Arbeitsplatz auszusuchen, kam an einem Tag mit postkartenblauem Himmel nach Rauris. Sie verliebte sich in das Tal und den Pirchnerbauern Andreas Huber und blieb. Seitdem sind dreißig Jahre vergangen, in denen sie immer wieder ausgetretene Wege verlassen hat.
Sieht sie, die Lehrerin, sich eigentlich als Bäuerin? Eine Frage, die Roswitha nicht ohne Ironie zurückgibt: "Wann ist man eine richtige Bäuerin? Entscheidet darüber das Dirndlkleid, das man trägt oder der Viehbestand?" Auch in gemeinsamen Schreibwerkstätten mit Bäuerinnen habe man keine kategorische Antwort gefunden. Warum auch? Das althergebrachte Korsett wie es für eine Milchbäuerin, eine Schweinebäuerin oder sonst eine Bäuerin noch immer bereitliegt, ist zu eng geworden für Frauen, die ihr Leben heute mit Landwirtschaft verbinden.
Wenn sie selbst jemals korsetttauglich war, so legte Roswitha Huber diese Eigenschaft spätestens dann ab, als sie die "Kalchkendlalm" für sich entdeckte. Über Generationen war diese ganzjährig bewirtschaftet worden. Auch Getreide wurde angebaut. 1956, als der Bergbauernhof zum Verkauf stand, erwarb ihn Schwiegervater Josef Huber. Fast vierzig Jahre lang diente das auf 1200 m Höhe gelegene "Kalchkendl" dem Pirchnerhof rein für Almwirtschaft. Für Roswithas feine Nase lag bereits die Gefahr von Nostalgie in der Luft.
Begreifen - statt nur konsumieren Seitdem sie aus Oberösterreich ins Tal gekommen war, zogen die Lehrerin die vielen freistehenden Brotöfen förmlich an. "Wie Marterln, die ihre Bedeutung verloren haben."
Wo noch gebacken wurde, geschah das fast unsichtbar. Als müsse man sich entschuldigen, in heutigen Zeiten auf derart archaische Mittel zurückzugreifen.
Sie fängt an, nachzufragen. Ihr Interesse öffnet Türen und Küchen. Roswitha beginnt darüber zu schreiben, was man ihr erzählt. Über Brot- und Lebensgeschichten, Rezepte und Rituale. Über das Aufstehen um halb fünf Uhr morgens. Über die präzisen, immer selben Handgriffe, die ein Brot hervorbringen, das seit Generationen gleich duftet und nach Verlässlichkeit schmeckt. Sie sammelt Brotgeschichten und kleidet sie ohne Sentimentalität in die eigene Sprache. An ein Buch denkt sie damals noch nicht. Sie schreibt, damit wertvolles Wissen nicht in Vergessenheit gerät. Stoff, der auch in ihren Unterricht einfließt.
Zeituhr am schwarzen Ofenhimmel Als Biobäuerin ist Roswitha Huber eine Realistin, die sich dafür einsetzt, dass Bergregionen als eigenständige Mikrokosmen überleben können. Dass man nicht am Tropf des Transitverkehrs hängt, der selbst elementare Lebensmittel wie Brot als Massenware auf die Dörfer bringt. Großen Themen begegnet sie mit kleinen, kontinuierlichen Schritten: Auch wenn es im Tal schon lange kein eigenes Getreide mehr gibt und seit fünf Jahren auch keine Bäckerei, so wird doch in sechs Rauriser Brotöfen heute wieder regelmäßig traditionelles Holzofenbrot gebacken.
Auf zehn Jahre "Schule am Berg" blickt Roswitha inzwischen zurück. Und sie ist stolz darauf, mit geringen Mitteln einfach begonnen zu haben. Eine Fähigkeit, die sie an Afrikanern so bewundert. Heute ist die Kalchkendlalm runderneuert. Ehemann Andreas Huber, ein Künstler in Sachen Holz, legte jahrelang Hand an.
Unter dem Motto "Ich mache mir ein Butterbrot" haben allein dieses Jahr mehr als tausend Kinder und Erwachsene auf der Alm geknetet und gebacken - die Lebendigkeit eines Brotteiges kennengelernt. Sie haben gewartet, bis die Temperatur zum Backen passt: Bis der Ruß, der den "Ofenhimmel" geschwärzt hat, verglüht ist. Sie haben sich bemüht, den Holzofen gut zu säubern, um die selbst geformten Laibe "einzuschießen", wie das Platzieren der Brote im Ofen im Fachjargon heißt. Und sie haben Wesentliches gelernt über die Erfahrung, die notwendig ist, um Bergregionen landwirtschaftlich zu nutzen. Ein Wissen, das nur überleben wird, wenn es zur Anwendung kommt.
Menschen, die ihre Anliegen teilen, hat Roswitha Huber inzwischen an vielen Plätzen der Welt gefunden. Durch Mut zu Begegnung. Von einem Bäcker in Paris, der ein spezielles Holzofenbrot backe, hatte ihr die Mutter eines Freundes erzählt. Mit diesem Bäckermeister, in der Straße der alten Dame, wollte Roswitha natürlich sprechen. Im beschriebenen Geschäft wird sie an eine Sekretärin verwiesen. Die erklärt am anderen Ende des Telefonhörers höflich, dass Monsieur Poilâne ein sehr beschäftigter Mann sei. Für Roswitha noch kein Grund zur Irritation. Aufgefordert, ihr Anliegen zu Papier zu bringen, pinselt sie ein Fax in englischer Sprache. Die Antwort folgt prompt. Wenn sie in einer halben Stunde in seinem Büro sein könne, dann habe Poilâne kurz Zeit. Etwas atemlos und verschwitzt trifft sie ein.
"Hätte ich eine Ahnung davon gehabt, wie berühmt Sie sind, ich hätte es nicht gewagt, Sie um ein Treffen zu bitten", beschreibt sie die ersten Sekunden des Treffens in ihrem Buch. Pain Poilâne ist eine Institution in Paris. Die Brotmanufaktur liefert zwei Prozent des täglichen Brotbedarfs der Metropole - handgefertigt. Eigentlich habe sie bisher nur "einfache" Leute befragt, stellt Roswitha angesichts ihres Gegenübers in den Raum. Doch genau dieses Stichwort passt.
"Im Einfachen liegt die Genialität", entgegnet der zierliche "Brotkünstler" im Maßanzug. Bei Törtchen und Kaminfeuer dreht sich dann eine Stunde lang alles um den Kosmos Holzofenbrot. Dass ein solches Gespräch einer bekannten amerikanischen Journalistin mehrmals verwehrt wurde, erfährt Roswitha erst später. Poilâne wird sie trotz anderer Vereinbarung nicht wieder sehen. Ein halbes Jahr später stürzt er mit seinem Helikopter über dem Atlantik ab.
Afrika erleben und beschreiben Details über Poilânes Brotmanufaktur finden sich in Roswitha Hubers jüngst erschienenem Buch neben eindringlichen, dokumentarischen Texten über regionale und individuelle Besonderheiten des Brotbackens: Kleine literarische Belege alter Brotkultur, verwoben mit 150 Rezepten samt wertvollem Wissen und Humor, so präsentiert sich "Das Buch vom Brotbacken".
Reine Rezepte sind zwar mehr eingeflossen als die Autorin es sich gewünscht hätte. Aber ein erstes Buch ist eben eine erste Erfahrung, gibt sich Roswitha pragmatisch - das nächste Herzensthema schon im Kopf.
Und mit einem Fuß bereits unterwegs Richtung Afrika. Zehn Bäuerinnen werden es sein, die im Jänner nach Burkina Faso und Ghana reisen. Begleitet werden sie von der bekannten Kinderbuchautorin Renate Welsh. Denn Afrika soll nicht nur bereist, sondern auch beschrieben werden. Spannende Begegnungen hat die "Österreichische Bergbauernvereinigung" als Veranstalter vorbereitet.
Für Roswitha wird es eine Rückkehr nach Afrika. Eine weitere Begegnung mit einem faszinierenden "Freund", dem Alternativen Nobelpreisträger Bernard Lédéa Ouédrago und ein neuer Schritt vorwärts in eine Welt, deren Frauen sie schon vor vier Jahren tief berührt haben. Wie Oumou, die Krapfenbäckerin am Straßenrand von Ouahigouya, mit der sie den Tag verbrachte. Die gemeinsame Sprache war das Feuer, der Teig, das Frausein, die Lebensfreude.
© SN.
|