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In Afghanistan überschlugen sich die Ereignisse


Nach Kabul auch Taliban-Hochburg Kandahar gefallen. UNO legt einen Fünf-Punkte-Plan vor.

ISLAMABAD (dpa). Gut zwei Monate nach den Terroranschlägen von New York und Washington steht die Herrschaft der Taliban in Afghanistan offensichtlich vor dem Ende. Nur einen Tag nach dem Fall von Kabul hat die Nordallianz am Mittwoch auch die Taliban-Hochburg Kandahar im Süden des Landes eingenommen. Das berichteten übereinstimmend der afghanische Botschafter in Tadschikistan und der arabische TV-Sender El Dschasira. Von unabhängiger Seite gab es dafür zunächst keine Bestätigung. Mit dem Fall Kandahars hätten die seit fünf Jahren herrschenden Taliban ihr geistiges und politische Machtzentrum verloren.

In überraschend schnellen Vorstößen waren der Nordallianz seit Dienstagnacht die meisten der bisher von den Taliban gehaltenen Provinzen in die Hand gefallen. Dabei dürften auch Aufstände der Bevölkerung gegen das Taliban-Regime mitgeholfen haben. Flüchtlinge berichteten, immer mehr Menschen lehnten sich gegen die Taliban auf. Nach der Lage am Mittwoch beherrschten die Taliban nur noch sechs der insgesamt 29 Provinzen des Landes. Damit ist mehr als die Hälfte Afghanistans in der Hand der von den USA massiv unterstützten Nordallianz.

Unter dem Druck der sich überstürzenden Ereignisse dringt die internationale Gemeinschaft auf die schnelle Bildung einer breit angelegten neuen Regierung. Damit soll verhindert werden, dass die Nordallianz ohne Rücksicht auf die anderen Volksstämme vollendete politische Tatsachen schafft. Die Vereinten Nationen schlugen einen Fünf-Punkte-Plan vor.

Die Taliban griffen am Mittwoch offensichtlich zu einer neuen Taktik. Sie warteten in der östlichen Stadt Dschalalabad nicht auf einen Vorstoß der Nordallianz, sondern übergaben die Macht an den paschtunischen Mudschahedin-Anführer Mohammed Junis Chalis. Chalis warnte die Nordallianz vor einem weiteren Vormarsch.

Zum dramatischen Machtverlust der Taliban an lokale paschtunische Milizen gehört nach Angaben der Nachrichtenagentir AIP unter anderem Orusgan, die Heimatregion von Taliban-Anführer Mullah Mohammed Omar. Damit wird auch die Region, in der sich Omar und der von den USA gesuchte Terroristenführer Osama bin Laden verstecken könnten, immer kleiner. Bin Laden wird von den USA für die Anschläge vom 11. September verantwortlich gemacht.

Die Machtübernahme von paschtunischen Milizführern deuten mögliche Konflikte mit der Nordallianz an. Die Paschtunen bilden mit 40 Prozent die größte Volksgruppe in Afghanistan. Die Nordallianz besteht dagegen aus Milizen, die zu den tadschikischen, usbekischen und schiitischen Minderheit gehören. Nach Ansicht von Beobachtern wollen die paschtunischen Mudschahedin nach dem Abzug der Taliban die Erboberung des ganzen Landes durch die Nordallianz verhindern.

Der ehemalige afghanische König Schah Sahir warnte am Mittwoch in seinem Exil in Rom vor einem Machtvakuum. "Bleibt ruhig und habt Geduld", sagte er in einer Botschaft an seine Landsleute aus seinem Exil in Rom. Schah, der seine baldige Rückkehr nach Kabul ankündigte, ist Paschtune und soll seine Volksgruppe in einer künftigen multi- ethnischen Regierung Afghanistans vertreten.

Mit der Einnahme Kabuls handelte die Nordallianz gegen den ausdrücklichen Wunsch der USA, Pakistans und anderer Länder, Kabul vorerst nicht zu besetzen und eine politische Lösung abzuwarten. Dennoch zeigte sich US-Präsident George W. Bush am Dienstag "sehr erfreut" über den Fall Kabuls. Die Nordallianz habe aber auch jetzt keine Sonderstellung.

UNO-Generalsekretär Kofi Annan warnte vor einem Sicherheitsvakuum in Afghanistan. Voraussetzung für eine neue Regierung sei, dass sich die Nachbarstaaten nicht mehr in die inneren Angelegenheiten Afghanistans einmischten. Der UNO-Sonderbeauftragte für Afghanistan, Lakhdar Brahimi, sagte im Weltsicherheitsrat, eine neue Regierung in Kabul sollte von einer all-afghanischen Sicherheitstruppe gestützt werden. Dies sei einer UNO-Friedenstruppe vorzuziehen.

Nach dem UNO-Plan soll die Nordallianz bei einem Treffen mit anderen afghanischen repräsentativen Gruppen den politischen Prozess diskutieren und einen Übergangsrat bilden, der in zwei Jahren von einer neuen Regierung abgelöst wird. Der frühere afghanische König Sahir Schah setzte sich für die schnelle Einberufung der "Loya Girga", der Großen Ratsversammlung aller afghanischer Stammesführer, ein.

Der Sprecher der Nordallianz-Milizen, Mohammad Wasiq, sagte der dpa, diese habe in Kabul eine Generalamnestie verkündet und ihre Soldaten aufgerufen, Recht und Gesetz nicht in die eigenen Hände zu nehmen. Dennoch kam es laut Augenzeugen zu einzelnen Plünderungen und Vergeltungsakten. Ein BBC-Korrespondent berichtete, Talibankämpfer seien gelyncht worden.

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