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Normalität kehrt in Kabul ein

Bewohner der Stadt gehen erstmals ohne Angst in den Tag.
KABUL (SN, Reuters). Lange geschlossene Rollläden vor den Schaufenstern rattern nach oben, mutige Frauen entledigen sich der Burka, der von den Taliban verordneten Verhüllung des ganzen Körpers, und legen stattdessen Kopftuch an, und es gibt sogar die ersten Verkehrsstaus. Die Normalität kehrt nach Kabul zurück, nach 38-tägigem Bombardement durch US-Kampfflugzeuge erwacht die Stadt am Mittwoch erstmals wieder ohne Angst.
"Alles ist anders heute, es hat sich zu 100 Prozent verändert", sagt der 35-jährige Reifenverkäufer Sarfraz Hostai. "Wir hatten früher so viele Probleme. Aber jetzt sind wir frei und warten auf unsere neue Regierung." Die Bombenangriffe sind vorbei, am klaren blauen Herbsthimmel sind keine Kampfflugzeuge mehr zu sehen. Gleichzeitig ist die oppositionelle Nordallianz gegen den Willen der USA in die Hauptstadt Kabul eingerückt, kurz nachdem die Taliban aus der Stadt geflohen waren.
Soldaten der Nordallianz haben über Nacht Stützpunkte errichtet. Über ihren Schultern hängen Kalaschnikow-Gewehre. Die Soldaten haben die wenigen Autofahrer angehalten, die sich nachts auf die verlassenen Straßen wagten, und im Morgengrauen haben sie mit Patrouillen begonnen - sie suchen nach den versprengten Überresten der Taliban-Streitkräfte.
Die Einwohner Kabuls sehen den Einmarsch mit zwiespältigen Gefühlen: Nervosität wegen des schwindelerregend schnellen Wechsels der Führung. Und Begeisterung über die neugewonnenen Freiheiten. Die Geschäfte sind geöffnet, Händler verkaufen alles von Zigaretten und Kleidern bis zu Tomaten, Zwiebeln und Gewürzen. Aber mit bewaffneten Soldaten an den Straßenecken ist es für schwer, sich zu entspannen.
Ein Stau verstopft den De-Afghanan-Kreisverkehr. Gelbe und weiße Taxis hupen ungeduldig, Radfahrer klingeln. An fast jeder Ecke sind Truppen der Nordallianz stationiert, einschließlich einiger Mudschaheddin, so genannten Gotteskriegern, in ihren traditionellen weiten Tuniken und Hosen. "Wir sind hergekommen, um der Stadt gute Sicherheit zu bringen. Wir haben keine Probleme gehabt, und alle Menschen haben uns willkommen geheißen", sagt ein Militärpolizist in grüner Uniform. Die ganze Stadt sei unter ihrer Kontrolle.
Reifenverkäufer Hostai begrüßt den Vorstoß der Nordallianz, obwohl er Angehöriger der größten Volksgruppe der Paschtunen ist, die traditionell der vor allem aus Tadschiken, Usbeken und Schiiten bestehenden Nordallianz misstrauen. "Die Menschen wollen von ihnen (der Nordallianz), dass sie eine gute Regierung schaffen, eine, die von allen ethnischen Gruppen anerkannt wird."
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