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sonderbericht

Kriegsende wäre keineswegs Anfang vom Frieden


Taliban könnten in den Untergrund gehen, die Nordallianz könnte auseinander brechen.

DELHI (SN, dpa). Das Ende eines Krieges bedeutet in Afghanistan oft den Anfang des nächsten. Das jedenfalls ist die Erfahrung der vergangenen Jahre. Selbst wenn der Krieg der USA und der Nordallianz gegen die Taliban bald zu Ende wäre, brächte das nicht automatisch Frieden. Reste der Taliban könnten in den Untergrund gehen, die Nordallianz könnte auseinander brechen, vor allem aber droht es zu Gewalt zwischen paschtunischen Milizen im Süden und tadschikischen, usbekischen und schiitischen Nordallianz-Truppen zu kommen.

Namen von gestern und vorgestern bekommen plötzlich wieder Bedeutung in Afghanistan. Schon 1973 wurde König Sahir Schah (87) von seinem Cousin gestürzt, nun soll der Paschtune die Trumpf-Karte des Westens für eine künftige Regierung sein, die alle Volksgruppen einbezieht. Schon seit Jahren ist der Tadschike Burhanuddin Rabbani (61) ein Präsident ohne Land. Nun will er wieder die Rolle spielen, die er vor der Vertreibung durch die Taliban hatte.

Auch die Zeit des Usbeken Abdul Rashid Dostum (47) schien längst abgelaufen. Der Wendehals, der erst für die sowjetischen Besatzer gegen seine Landsleute ins Feld zog und sich dann auf die Seite verschiedener Mudschaheddin schlug, dessen Truppe gemordet und vergewaltigt hat, wurde mit einem Mal zum Verbündeten der Weltmacht USA und kämpfte für sie und mit ihrer Hilfe gegen die Taliban.

In den 22 Jahren Krieg und Bürgerkrieg in Afghanistan sind die Gräben zwischen den verschiedenen Volksgruppen nach Aussage aller Experten noch tiefer geworden. Die Mudschaheddin, die der Westen für den Krieg gegen die sowjetischen Truppen ausrüstete, bildeten sich nach ethnischen Gesichtspunkten, und nach dem Abzug der Sowjets bekämpften sie sich gegenseitig. Die Taliban, die von 1994 den Bürgerkrieg der Mudschaheddin beendeten, sind Paschtunen.

Das hat sich auf die Bevölkerung ausgewirkt. In Kabul war das in den vergangenen Jahren am deutlichsten zu beobachten. Früher fühlten sich die Menschen dort vor allem als Bürger der Hauptstadt, Herkunft und Sprache spielten eher eine Nebenrolle. Heute misstrauen die Tadschiken den Paschtunen, und die schiitischen Hasara haben Angst vor allen. Ihre Augen zeigen ihre mongolische Abstammung, und das alleine reiche anderen schon zum Hass, erzählen viele Hasara.

Die USA und die Vereinten Nationen wollen ausgleichend wirken, hoffen auf eine künftige Regierung, in der alle Volksgruppen vertreten sind und friedlich zusammenarbeiten. Eine Teilung Afghanistans will offiziell niemand. Ganz auszuschließen ist sie allerdings nicht. Das Land könnte zersplittern, im Süden könnte sich ein "Paschtunistan" bilden. Die Auswirkungen auf Pakistan, wo 15 Prozent der Bevölkerung Paschtunen sind, wären schwer abzuschätzen.

Der Westen hofft auf Sahir Schah, damit die Paschtunen bei der multi-ethnischen Lösung mitmachen. Der Name des Ex-Königs steht aber für einen zweiten Konflikt, der seit Jahrzehnten ungelöst geblieben ist: der zwischen der gut ausgebildeten und westlich orientierten Elite und den traditionell islamisch lebenden Menschen auf dem Land. Der König stand für die Elite, aber die Rolle der Traditionalisten ist noch stärker geworden, weil das Bürgertum geflohen ist.

Weitere Namen von gestern deuten an, welches Unheil sich innerhalb der paschtunischen Volksgruppe, der größten im Land, zusammenbraut. Gulbuddin Hekmatjar (54) will wieder eine Rolle spielen. Er ist wie Sahir Schah Paschtune, aber anders als der fortschrittliche König griff Hekmatjar vor seiner Karriere als vom Westen geförderter Gotteskrieger westlich gekleidete Frauen in Kabul mit Säure an.

Und auch der Paschtune Mohammed Junis Chalis (82), der großes Ansehen aus der Zeit des Kampfes gegen die Sowjetunion genießt, ist ein Islamist. Er hat nach dem Abzug der Taliban die Macht in Dschalalabad übernommen, und er dürfte ebenso wenig wie Hekmatjar dem Ex-König die alleinige Sprecherrolle für die Paschtunen in der künftigen Regierung überlassen.

Immer wieder ist von der "Loja Dschirga" die Rede, einer Versammlung von lokalen Machthabern, fast als könnte das eine Art verfassunggebender Versammlung für das künftige Afghanistan werden. Beobachter halten dies allerdings für zu optimistisch. Denn das Land ist in seiner Geschichte nie zentral regiert worden. Je stärker der Druck wird, Afghanistan zu einen, desto eher könnten die alten Konflikte zu neuer Gewalt führen, meinen Skeptiker.

© SN

 

 
 

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