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Kabul nach Kollaps der Taliban zwischen Hoffen und Bangen

Radiostation schickte zum ersten Mal seit fünf Jahren Musik über den
Äther.
KABUL (SN, AFP). Beinahe lautlos hat sich der Epochenwechsel über Nacht in Kabul eingeschlichen. Doch am Dienstag konnten die Bewohner der geschundenen afghanischen Hauptstadt an den Kopfbedeckungen ihrer Obrigkeit ablesen, dass eine neue Zeit angebrochen ist: Die schwarzen Turbane, Erkennungszeichen der radikal-islamischen Taliban, sind aus dem Straßenbild verschwunden, Spaßvögel haben einige der stolzen Kopfbedeckungen entflochten und die langen schwarzen Stoffbahnen flatternd vor dem Hauptquartier der Polizei in den Wind gehängt - ein stilles Zeichen des Triumphs.
Wer mit der neuen Zeit gehen will, bedeckt sein Haupt nun mit einem Pakol, einer der wuchtig ausladenden Filzkappen, die ein wenig an zu groß geratene Baskenmützen erinnern und vor allem im Norden Afghanistans getragen werden. Die oppositionelle Nordallianz hat den Pakol bei ihrem Einmarsch mit in die Hauptstadt gebracht.
Der plötzliche Kollaps der Taliban-Herrschaft über Kabul hat den Hauptstädtern neue Freiheiten eröffnet. Die Menschen genießen das lang Entbehrte. Radio Kabul schickte zum ersten Mal seit fünf Jahren Musik über den Äther. Ein Lied des populären Exil-Sängers Farhad Darja beendete die Zeit, in der die Taliban Musik als gotteslästerliches Tun verboten hatten.
In der ganzen Stadt drehen die Menschen ihre Transistorradios auf und hören erstaunt, wie die Moderatorin Dschamila Mudschahid die Nachrichten verliest - bei den Taliban wäre dies undenkbar gewesen. "Ihr könnt nun diesen großen Sieg feiern", sind die ersten Worte, die die 40 Jahre alte Mudschahid ins Mikrofon spricht. Nach der Sendung schwärmt sie, es sei "wie ein Traum", wieder arbeiten zu können. Wie fast alle Frauen in Afghanistan hatte auch Mudschahid ihren Job aufgeben müssen, nachdem die Taliban 1996 Kabul eroberten.
Manche Afghanen können die neuen Freiheiten wortwörtlich nehmen: 360 Gefangene befreite die Nordallianz aus dem Polizeihauptquartier, und auch im Gefängnis der berüchtigten Religionspolizei vom "Ministerium für die Förderung der Tugend und die Vermeidung des Lasters" sperrten die Oppositionskämpfer die Zellentüren auf. "Die Opposition kam heute und ließ uns alle laufen", berichtet Häftling Esmatullah erleichtert. Wegen Urkundenfälschung war er im Gefängnis gesessen.
Einige hundert Bewohner Kabuls machen ihrem lange angestauten Ärger über die Taliban Luft. Sie versammeln sich in einem Park im Herzen der Stadt und skandieren "Allahu akbar" (Gott ist groß), "Tod den Terroristen" und "Tod für Pakistan". Das Nachbarland Pakistan gilt als Schutzmacht der Taliban, Plünderer drangen am Dienstag in die pakistanische Botschaft ein und wurden von Passanten beobachtet, wie sie Klimaanlagen aus dem Gebäude schleppten.
Ungetrübt ist die Freude über das Ende der Taliban-Herrschaft in Kabul freilich nicht. Die Menschen sind mürbe. Seit 20 Jahren herrscht Krieg, alle paar Jahre kamen neue Herren in die Hauptstadt, doch Frieden brachten sie nie. Die Menschen haben Angst vor Plünderungen und willkürlichen Racheakten. Die Eroberer warfen die Leichen von sechs Taliban-Kämpfer auf einen Platz inmitten der Hauptstadt, als Abschreckung und Warnung an die Bewohner.
Plünderer schlagen auf ihre Weise Kapital aus der neuen Freiheit. Die UNO beklagt sich über geraubte Hilfsgüter, und die Geldwechsler auf dem Devisenmarkt in Kabul berichten von Millionen geraubter US-Dollar. Wer hinter den Raubzügen steckt, weiß zunächst niemand. "Sogar unsere Computer, Teppiche und Teekannen sind weg. Das ist ein Verbrechen gegen Afghanistan", beklagt der Chef einer Geldwechsel-Agentur in Kabul.
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