| Mit Nina Hoss betritt heuer eine neue Buhlschaft die „Jedermann“-Bühne vor dem Salzburger Dom. Der deutsche Theater- und Filmstar löst Veronica Ferres als Jedermanns Geliebte ab. Nina Hoss im Gespräch über Bühnen- und Society-Rollen.
CLEMENS PANAGL
Der Anruf von Martin Kušej kam überraschend. „Ich konnte mir zunächst gar nicht vorstellen, weshalb er mich sprechen wollte. Das klang alles ganz geheimnisvoll“, erzählt Nina Hoss. Bei einem Treffen mit dem Schauspielchef der Salzburger Festspiele in Berlin war das Geheimnis bald gelüftet: Kušej war auf der Suche nach der neuen Buhlschaft für Christian Stückls „Jedermann“-Inszenierung und setzte auf die 30-jährige Wahlberlinerin, die im Theater wie im Film zu den profiliertesten Schauspielerinnen Deutschlands zählt.
Obwohl sie lieber auf der Bühne als bei Society-Anlässen im Mittelpunkt steht, überlegte Nina Hoss nicht lange, ob sie Kušejs Angebot annehmen sollte: „Als Schauspielerin weiß man, dass es eine Auszeichnung ist, die Buhlschaft überhaupt angeboten zu bekommen.“ Am 25. Juli debütiert Nina Hoss, die vom Magazin „Der Spiegel“ kürzlich zum „vielleicht einzigen wirklichen Star, den die deutsche weibliche Schauspielerei hat“, erkoren wurde, als Jedermanns Geliebte.
SN: Im „Jedermann“ sehen manche einen zeitlosen Klassiker, andere ein angestaubtes Lehrstück. Welchen Zugang haben Sie zu dem Werk?
Hoss: Na ja, die Sprache ist anfangs schon etwas gewöhnungsbedürftig, weil sie das Ganze so ein bisschen verniedlicht. Ich denke, das muss man bewusst konterkarieren, damit das Stück heutig klingen kann. Aber andererseits liegt in der Sprache ja auch wieder der Reiz.
SN: Und die Moral der Geschichte?
Hoss: Natürlich ist „Jedermann“ ein Lehrstück – aber eines, in dem man sich immer wieder selbst erkennen kann. Wir leben ja in einer Zeit, in der Geld und persönlicher Ruhm immer wichtiger werden als die Frage, wie wir eigentlich miteinander umgehen. Und das wird einem auf der Bühne ja alles vorgeführt – und man wird selbst dabei vorgeführt.
Es ist auch interessant, dass sich die Leute das Stück immer wieder anschauen wollen, denn eigentlich wird der Mensch ja im „Jedermann“ ganz schön böse betrachtet: Wenn man stirbt, bekehrt man sich schnell, bevor man dem Teufel anheim fällt (lacht).
SN: Wie gehen Sie selbst mit dem Thema Ruhm um? Vor ihrem Durchbruch mit „Das Mädchen Rosemarie“ (1996) sagten Sie einmal auf die Frage, ob Sie Angst vor der Berühmtheit hätten, dass das „wohl noch sehr weit weg“ sei. Mittlerweile hat Sie „Der Spiegel“ zu „Deutschlands einzigem weiblichen Schauspielstar“ ernannt ...
Hoss: Ich denke, ich genieße eher so eine Art Feuilleton-Berühmtheit. Das ist etwas ganz anderes als Star-Popularität. Vor der habe ich nach wie vor Respekt, weil sie das Privatleben massiv beeinflusst, wenn man von jedem erkannt wird und es plötzlich eine Relevanz hat, ob du jetzt gelbe oder grüne Socken kaufst. Aber davon bin ich nach wie vor relativ verschont, weil ich auch nicht so oft in Gazetten und Talkshows vorkomme. Ich bin nicht so berühmt wie Veronica Ferres.
Außerdem lebe ich in Berlin und da pflegen die Leute einen sehr entspannten Umgang mit dem Thema. Die denken sich eher: Na und? Denkst du jetzt, du bist was Besseres oder was?
SN: Thomas Gottschalk hat in seiner „Jedermann“-Talkshow Veronica Ferres einmal gefragt, ob die Buhlschaft so etwas wie ein Luder sei ...
Hoss: ... und was hat sie gesagt? ...
SN: ... ich glaube: Nein. Wie sehen Sie denn Ihre Rolle?
Hoss: Unschuldslamm ist die Buhlschaft natürlich keines, die ist schon ziemlich raffiniert. Aber ich denke, man kann der Figur viele Facetten abgewinnen. Kollegen von mir haben gesagt: Du musst einen guten Schrei hinlegen, das ist wahnsinnig wichtig! Und ich sagte: Okay, daran werde ich arbeiten!
SN: Gibt es einen Frauentyp, den Sie besonders gerne spielen?
Hoss: Nein, je verschiedener die Rollen sind, desto besser. Man vereint ja auch selbst so viele unterschiedliche Charaktere in sich. Da finde ich es spannender, wenn man auch auf der Bühne immer unterschiedlich sein kann. Manchmal stellt sich dann auch heraus, dass die einzelnen Figuren gleichsam voneinander wissen: dass man bei der einen Figur etwas entdeckt hat, das man später in einer anderen Rolle ausleben kann. Und jede Figur bringt mich als Schauspielerin weiter. Ich habe noch lange nicht das Gefühl, dass ich schon weiß, wie’s geht.
SN: Seit Veronica Ferres spielt die Buhlschaft in Salzburg auch eine prominente Society-Rolle. Ist das für Sie eine Bürde?
Hoss: Das war genau der Punkt, über den ich nachdenken musste, weil ich mich da bisher eigentlich immer rausgehalten habe. Aber ich denke, es hängt ja auch davon ab, wie man da auftritt und über was man redet. Das kann nicht der Grund sein, so eine Rolle abzusagen. Bei der Buhlschaft geht es eben nicht nur um die Bühnenrolle. Das weiß man, wenn man sie annimmt. Es geht auch um das ganze Drumherum. Und das ist ja auch wieder schön: Die ganze Aufregung um das Kleid, das hat was von dem Mädchentraum, für kurze Zeit Prinzessin spielen zu dürfen.
SN: Der „Jedermann“ verbreitet moralische Botschaften. Soll Theater auch politisch sein?
Hoss: Ich glaube, damit wird das Theater immer überfordert. In dieser Beziehung habe ich eigentlich etwas gegen Lehrstücke. Wenn das Stück nicht gut ist und mit dem erhobenen Zeigefinger arbeitet, dann finde ich es langweilig und dann hat es auch keine Wirkung.
Theater kann nur etwas bewirken, wenn es subversiv ist, wenn das Kernthema nicht plakativ transportiert wird, aber die ganze Zeit im Nacken sitzt. Aber Theater kann nicht mit dem Anspruch antreten, Revolutionen loszutreten. Das müssen die Autoren tun. Auf die warte ich eigentlich: Auf politisch raffiniert schreibende Autoren.
Nina Hoss gestaltet bei den Festspielen auch eine Lesung: Am 16. 8. liest sie in der Reihe „Dichter zu Gast“ aus John M. Coetzees Roman „Schande“ im Landestheater.
© SN.
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