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Ein ambitioniertes Bau- projekt sollte eine Siedlung in der Salzburger Berchtes- gadenerstraße zum Modell- fall für familiengerechtes Wohnen werden lassen.
SALZBURG.
Architektinnen haben ein differenzierteres Gespür für das Zusammenspiel von Wohnen und Arbeiten als ihre männlichen Kollegen. Diese Annahme lag einem Wohnbauwettbewerb zwischen Architektinnen zugrunde, der 1996 vom Frauenbüro der Stadt Salzburg initiiert wurde. Vorbilder gab es bereits in Deutschland und Wien. Frauengerecht oder alltagstauglich? - über den Titel des Projekts sollte von Anfang an Uneinigkeit herrschen. "Unsere persönliche Zielsetzung war es in jedem Fall, Wohnungen und ein dazugehöriges Umfeld zu schaffen, wo auch Männer tagsüber gern zu Hause bleiben", erzählen die beiden Wettbewerbs-Teilnehmerinnen Heide Mühlfellner und Ursula Spannberger. Die Wohn-Küche, in der Hausaufgaben überwacht und von der aus die Kinder beim Spielen im Garten beobachtet werden können, sollte nicht das einzige Ziel der beiden sein: "Arbeiten, Wohnen, Kinderbetreuung und Freizeitgestaltung muss von allen erwachsenen Menschen und egal zu welcher Uhrzeit gelebt werden können. Die Vision von einem Leben, wo Arbeiten und Freizeit fließend ineinander übergehen war unser Vorbild", so die beiden Architektinnen. "Wer Studenten-Eltern pendelnd zwischen Studium und Kinderbetreuung erlebt hat, kann nicht verstehen, wieso das später - im ,richtigen' Leben und oft sogar von denselben Paaren - anders und einseitig zu Lasten der Mütter organisiert wird."
Über ambitionierte Pläne . . .
In der Salzburger Berchtesgadenerstraße sollte das ambitionierte Projekt von Heide Mühlfellner und Ursula Spannberger verwirklicht werden. "Großräumig betrachtet bietet die Lage des Grundstücks viele Vorteile, wie die Nähe zu den intakten Landschaftsräumen Moor und Bauernwiesen oder den durchaus reizvollen Rad- und Spazierweg entlang des Almkanals. Die Anbindung ans öffentliche Verkehrsnetz ist ebenfalls gut", zeigt sich Spannberger im SN-Gespräch überzeugt. "In den oberen Geschoßen ist der Ausblick in alle Himmelsrichtungen wunderbar, die direkte Umgebung zu ebener Erde aber ist unwirtlich. Aus diesen Gründen liegt die Bebauung so nahe als möglich an den Grundstücksrändern. Im Inneren wird dadurch eine große zusammenhängende Fläche erhalten, auf der sich alles abspielen kann. Oder vielmehr ,könnte'. Sie unterstützt das introvertierte Wohnen in angenehmer Atmosphäre für die, die zu Hause bleiben müssen oder wollen." Das "Langhaus" sollte nach Vorstellung der beiden Architektinnen die Mietwohnungen beherbergen. Über den vorgesehenen, 500 qm umfassenden Lebensmittelmarkt wurden sechs großzügige 90 qm-Maisonetten eingeplant, die einen eigenen Vorgarten im Obergeschoß besitzen. In den "Würfelhäusern" sollten Eigentumswohnungen untergebracht werden. "Das Erdgeschoß eines dieser Häuser hätte als Krabbelstube genützt werden sollen. Ein ganzes Haus war als Stützpunkt für betreutes Wohnen im Alter gedacht", erfahren wir von Heide Mühlfellner. Die Gemeinschaftseinrichtungen des Langhauses waren im Dachgeschoß vorgesehen, das mit einem 100 qm gro-ßen Raum auch Platz geboten hätte für die Waschküche, den Trocken- und Bügelraum sowie eine Dachterrasse. Weitere Gemeinschaftsräume wären in zwei Pavillons untergebracht worden. "In ihnen hätten verschiedene NutzerInnengruppen wie Eltern-Kleinkind, Jugendliche oder ältere Menschen ihre Treffpunkte organisieren können. Auch eine Nutzung als Stadtteilbüro wäre denkbar gewesen", schildert Ursula Spannberger die dahinter stehende Idee.
. . . und enttäuschende Ergebnisse
Das alles und noch viel mehr war die bereits weit fortgeschrittene Planungsabsicht. Daraus ist nichts geworden. "Das Projekt ist zwar architektonischstädtebaulich noch zu erkennen, die darin steckenden alltagstauglichen Möglichkeiten und Intentionen wurden jedoch reinen Kommerzgründen geopfert", zeigen sich die beiden Architektinnen enttäuscht. "Im ganzen Bauvorhaben wurde kein einziger Baum oder Strauch gepflanzt, um den frauenorientierten Ideen eine Chance auf Wachstum zu bieten. Der sorgsam gestaltete Kinderspielplatz wurde nicht verwirklicht. Eine leere, kahle Wiesenfläche ist alles, was vom Grün und der Freiraumgestaltung geblieben ist." Was ambitioniert begonnen hatte, erwies sich schlussendlich als heiße Luft. Die Allgemeinbereiche in den Häusern wurden verkauft, die detailliert geplanten 2-geschoßigen Pavillons wurden eliminiert. Das ganze Projekt beherbergt nur mehr 14 Wohnungen. "Die wenigen Bewohnerinnen und Bewohner, die sich in gutem Glauben, dass die Anlage nach den geplanten Intentionen verwirklicht würde, ihre Wohnungen gekauft hatten, wohnen zwar sehr gerne hier. Sie müssen sich aber immer noch gegen weitere kommerzielle Vorstöße wie Ausweitung der Parkplatzflä-chen oder das exzessive Anbringen von Werbeflächen wehren", schildert Heide Mühlfellner. Für die im Süden geplante Grünzone mit Geh- und Radweg besteht allerdings wieder ein Hoffnungsschimmer: Die Stadt will diesen Rückbau, wie ursprünglich geplant, verwirklichen.
Der gesamte Planungsprozess wurde in einem Buch dokumentiert, herausgegeben von Anita Zieher, erschienen 1999 im Pustet Verlag: "Auf Frauen bauen - Architektur aus weiblicher Sicht".
© SN.
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