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Salzburg galt bis in die 60er-Jahre als "Hauptstadt der Wohnungsnot". Erst 1962 wurde das letzte große Barackenlager an der Alpenstraße aufgelöst.
SALZBURG.
Die Geschichte des Sozialen Wohnbaus in Österreich ist relativ kurz. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein beschränkte sich die staatliche Wohnungspolitik im Wesentlichen auf die Vorgabe von formalen Rahmenbedingungen wie Bauordnungen, Bereitstellung von Infrastruktur oder gesundheitspolitische Maßnahmen. Zur Ausbildung des Sozialen Wohnbaus im Sinne einer umfassenden Intervention der öffentlichen Hand in das System der Wohnungsversorgung kam es in der Zwischenkriegszeit, als der Handlungszwang zur Behebung der ärgsten Missstände im Wohnungswesen übermächtig wurde. Aber erst nach 1945 wurden jene ideologischen Gegensätze überwunden, welche die wohnungspolitische Diskussion bis zu diesem Zeitpunkt vergiftet hatten. Entscheidend für das gemeinsame Engagement aller politischen Parteien bei der Ausgestaltung des Sozialen Wohnbaus waren die Wohnungsnot der Nachkriegszeit und die konjunkturellen Impulse, die vom Wohnbau ausgingen.
Notbehausungen für Flüchtlinge
Nichtsdestotrotz galt Salzburg bis in die 60er-Jahre als "Hauptstadt der Wohnungsnot". Die Zuweisung von 400 bis 500 Wohnungen (1950/51) durch das städtische Wohnungsamt war angesichts der über 10.000 Wohnungssuchenden der sprichwörtliche Tropfen auf dem heißen Stein. Nicht weniger als 14 Prozent aller Wohnungen wurden überdies als Notbehausungen eingestuft. Zahlreiche Wohnungssuchende waren Flüchtlinge, die in Baracken der Stadtgemeinde, der Eisenbahn oder in Lagern und Behelfsheimen logierten. Das Wiederaufbau- wie auch das Wohnungseigentumsgesetz aus dem Jahr 1948 revolutionierten in Verbindung mit verschiedenen Förderprogrammen von Bund, Land und Kommune das gesamte Wohnbauwesen. Anfang der 50er-Jahre begann auch in Salzburg die Ära des Sozialen Wohnbaus, in der sich Stadt und Stadtlandschaft mehr verändern sollten als in allen früheren Phasen der Stadtentwicklung zusammen.
Anstieg der Zahl der geförderten Wohnungen
Der Anteil der geförderten Wohnungen an der Zahl aller fertiggestellten stieg in Salzburg zwischen 1950 und 1959 von null auf beinahe 100 Prozent. Obwohl der geförderte Wohnbau ständig expandierte, ging die Zahl der Wohnungssuchenden bis 1961 vor allem in der Stadt Salzburg kaum zurück. Zwar wurde der objektive Wohnungsfehlbestand jährlich geringer. Der kontinuierliche wirtschaftliche Aufschwung verstärkte zugleich jedoch die Tendenz zur Verbesserung der individuellen Wohnsituation über die bloße Bedarfsdeckung hinaus.
Enormer Nachholbedarf bis in die 60er-Jahre
Der Nachholbedarf war überaus groß: Immerhin bestanden 1951 noch 48 Prozent aller Wohnungen aus Zimmer und Küche. Hinzu kam, dass die Übersiedelung der zahlreichen Bewohner von Notbehausungen in feste Quartiere vorerst nur schleppend voranging. Wie langsam sich dieser Zustand änderte, zeigt eine Erhebung im Jahr 1959, in der 6794 Barackenbewohner gezählt wurden - darunter 59 Familien mit vier und mehr Kindern, die jeweils weniger als 40 qm Wohnfläche zur Verfügung hatten. Erst 1962 wurde das letzte große Barackenlager an der Alpenstraße aufgelöst. Die Erwartungen der meisten Wohnungssuchenden konzentrierten sich auf den Bau geförderter Neubauwohnungen, die ihre Bewohner mit damals noch keineswegs alltäglichem Komfort wie Badezimmer, Zentralheizung, Einbauküche etc. verwöhnten. Wohnen im "Hochhaus" mit Lift galt Anfang der 60er-Jahre als modern und daher erstrebenswert.
Ganze Stadtviertel aus dem Boden gestampft
Ganze Stadtviertel wurden innerhalb weniger Jahre aus dem Boden gestampft. Beispiele dafür sind vor allem die "Volkssiedlung" Taxham sowie die rasche Verbauung weiter Teile von Lehen. Auch außerhalb der Landeshauptstadt kam es zum Bau von Großsiedlungen - z. B. der Rehhofsiedlung in Hallein, die der Wohnungsnot in der zweitgrößten Stadt Salzburgs abhelfen sollte. Durch den Abzug der amerikanischen Besatzungsmacht 1955 kam es ebenfalls zu einer spürbaren Entspannung auf dem Wohnungsmarkt. 906 teils beschlagnahmte, größtenteils aber für die Familien amerikanischer Militärangehöriger neuerbaute Wohnungen wurden nun mit einem Schlag für den heimischen Bedarf frei und gelangten vor allem an Bundesbedienstete zur Vergabe. Ins Gewicht fielen das "Camp Roeder" in Wals-Siezenheim mit mehr als 400 Wohneinheiten sowie die Militärwohnanlage in Lehen (General-Keyes-Straße) mit ca. 270 qualitativ hochwertigen Wohnungen.
Gemeinnützige als Träger des Baubooms
Träger des Baubooms waren in erster Linie die gemeinnützigen Wohn- und Siedlungsgenossenschaften, die den privaten Wohnbau aus seiner bis dahin führenden Position verdrängten. 1964 verschmolzen die "Salzburger Wohnsiedlungsgenossenschaft" und die "Neue Heimat" zur "Gemeinnützigen Salzburger Wohnbaugesellschaft" - kurz: GSWB. Damit schufen Stadt und Land die mit Abstand
leistungsstärkste Salzburger gemeinnützige Bauvereinigung. Über die Notwendigkeit des Sozialen Wohnbaus bestand ein grundsätzlicher politischer Konsens. Umstritten war jedoch, ob es sich dabei vorrangig um die Errichtung von Eigentums- oder Mietwohnungen handeln sollte. Nur sensible Beobachter registrierten die Schattenseiten der ungehemmten Baueuphorie. Solange die Behebung der Wohnungsnot das Gesetz des Handelns bestimmte, gelang es den wenigen Kritikern nur ausnahmsweise, sich Gehör zu verschaffen. Im übrigen wurde die rasche und weitgehend planlose Zerstörung großer Teile der Salzburger Stadtlandschaft als unabwendbares Schicksal zur Kenntnis genommen. Gegen ein Verbauen von "Salzburg Süd" sowie den Bau von Schnellstraßen durch dicht besiedelte Wohngebiete wandte sich vor allem die Bürgerinitiative "Schützt Salzburgs Landschaft".
Markante Veränderungen ab Mitte der 70er-Jahre
Ab Mitte der 70er-Jahre zeichneten sich im städtischen Wohnbau jedoch einschneidende Veränderungen ab. Während die Zahl der geförderten Wohnungen auf Landesebene insgesamt stieg, setzte in der Landeshauptstadt Salzburg, der Domäne der gemeinnützigen Bauvereinigungen, eine rückläufige Bewegung ein: Der Anteil der frei finanzierten Wohnungen am gesamten Bauvolumen nahm kontinuierlich zu, die Zahl der geförderten Wohnungen sank dagegen binnen weniger Jahre wieder auf das Niveau der frühen 1950er-Jahre. Schwindende Baulandreserven und zunehmende Skrupel der Politiker bei der Umwidmung von Grünland in Bauland engten den Handlungsspielraum im Sozialen Wohnbau zunehmend ein.
Aufsehenerregende Betrugsskandale
Der Wille zum politischen Konsens in Wohnbaufragen schwand angesichts der allgemeinen Kritik an der bisherigen Praxis des sozialen Wohnbaus dahin. Dazu kamen aufsehenerregende Betrugsskandale im Bereich der Bauwirtschaft ("Gartensiedlung", WEB). Die Wohnungsfrage blieb in der Folge weitgehend ungelöst. Der nach wie vor große Wohnungsbedarf, überproportional steigende Baukosten, geringe Baulandreserven und explodierende Grundkosten standen einer Problemlösung in den 70er- und 80er-Jahren mehr denn je im Wege. Allein von 1976 auf 1977 explodierten die Kosten für den Quadratmeter geförderten Wohnraums um 57 Prozent. Während der 80er-Jahre setzte sich dieser Trend in noch verstärktem Ausmaß fort und spitzte sich mangels geeigneter wohnungspolitischer Maß-nahmen zu Beginn der 90er-Jahre noch zu: Während die Fördertöpfe des Landes prall gefüllt waren, scheiterte ein Großteil der kommunalen Wohnprojekte, sodass 1993 die Wohnbautätigkeit in der Landeshauptstadt mit nur 469 fertiggestellten Wohnungen einen historischen Tiefstand erreichte. Der wurde allerdings in den Folgejahren von wieder steigenden Zahlen abgelöst. Grundsätzlich verlagerte sich die hauptsächliche Bautätigkeit der gemeinnützigen Wohnbauträger aber seit den 1980er-Jahren von der Landeshauptstadt in die Umlandgemeinden des Flach- und Tennengaus, wo niedrigere Baulandpreise noch am ehesten die Errichtung familiengerechter Wohnungen ermöglichten.
Von der Objekt- zur Subjektförderung
Neue Rahmenrichtlinien für den Sozialen Wohnbau schuf das Salzburger Wohnbauförderungsgesetz 1990. Immerhin gelang dadurch eine Belebung des seit der Mitte der 1980er-Jahre stagnierenden Wohnbaus. War die Zahl der fertiggestellten Wohnungen im Jahr 1987 auf ihren tiefsten Stand seit 1962 abgesunken, so erfolgte im Zeitraum von 1991 bis 1996 beinahe eine Verdoppelung des Bauvolumens. Der forcierte Übergang von der Objekt- zur Subjektförderung hatte jedoch zur Folge, dass nunmehr gewinnorientierte private Wohnbaugesellschaften die gemeinnützigen Bauvereinigungen - zumindest vorübergehend - aus ihrer bis dahin beherrschenden Position im Sozialen Wohnbau verdrängten.
Univ.-Prof. Dr. Robert Hoffmann, Autor dieses Beitrages, lehrt neuere und österreichische Geschichte an der Universität Salzburg.
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