|
Friedrich Heer mahnt die Christen zur weltoffenen Gestaltung der pluralen Gesellschaft. Eine neue Studie von Wolfgang F. Müller.
ULRICH WINKLER
Rudolf Augstein kommentierte "Gottes erste Liebe", das wohl bekannteste Buch von Friedrich Heer, als "eine zwischen zwei Buchdeckeln eingebundene Atombombe". Das 1967 erschienene, 740 Seiten dicke Werk eruiert die Wurzeln des Judenhasses in der Geschichte des Christentums. In aufschreckender Konsequenz begreift Heer im zweiten Band ("Der Glaube Adolf Hitlers" 1968) Hitler nicht allein als singulären Dämon, sondern in seinem österreichischen und katholischen Kontext und legt die kirchlichen Quellen für Hitlers Antisemitismus offen. Weder aus einem "millionenfachen christlichen Gewissen" noch im Pacelli-Papst Pius XII erwuchs Hitler ein namhafter Widerstand gegen den Holocaust. Friedrich Heer setzte sich damit zwischen alle Stühle, denn seine These kam dem neuen Selbstverständnis der Katholischen Kirche wie der Österreichischen Zweiten Republik in die Quere. Die wunderbare Rettung der Kirche aus dem Nationalsozialismus und die gepflegte Legende von Österreich als erstem Opfer des Dritten Reiches wurden erschüttert. Heer stand allein, wie damals, als er 1938 die Grenzen Österreichs verteidigen wollte. Die Anfeindungen des rechtskatholischen Lagers unter der Führung des ehemaligen Unterrichtsministers Heinrich Drimmel waren ihm sicher. Heer wurde aus der Redaktion der katholischen Wochenzeitschrift "Die Furche" gedrängt. Eine ordentliche Professur blieb ihm zeitlebens verwehrt. Friedrich Heer (1916-1983) hinterließ ein gigantisches und labyrinthisches Oeuvre. Adolf Gaisbauer hat 1990 in seiner Heer-Bibliographie 3500 Veröffentlichungen zusammengetragen. Neben den voluminösen Historiographien zur europäischen Kulturgeschichte hat Heer unermüdlich und passioniert das Wort zum gesellschafts- und kulturpolitischen Zeitgeschehen ergriffen. Evelyn Adunkas "intellektuelle Biographie" (1995) zeichnet seine Entwicklung nach und versteht dabei Friedrichs Heers scharfe Kritik gegenüber der römischkatholischen Kirche als atheistische Abwendung. Wolfgang F. Müller hingegen hat in acht Jahren Arbeit am Institut für Dogmatik beim jetzt emeritierten Universitätsprofessor Gottfried Bachl die erste systematische Studie zu Friedrich Heer erstellt, die anders als Adunka, das Werk Heers auf einem theologischen Hintergrund interpretiert.
Erneuerung der Gegenwart
Das Ziel Friedrich Heers war nicht die masochistische Desavouierung einer österreichischen Identität oder die schadenfreudige Vernichtung der Katholischen Kirche, sondern die Funktion seiner Historiographie lag in der Verwicklung der Geschichte mit der Gegenwart. Auf dem Hintergrund der persönlichen Erfahrungen der Katastrophe Europas nach dem Ersten Weltkrieg, der Ständediktatur der Zwischenkriegszeit, des einsamen Widerstandes gegen den aufblühenden Nationalsozialismus, der Nazidiktatur und der geteilten Welt infolge des Kalten Krieges ergriff Heer unermüdlich das Wort für seine Vision: das Gespräch der Feinde. Wolfgang F. Müller belegt überzeugend, wie sehr Friedrich Heer dabei von christlichen Voraussetzungen ausging und wie sehr er mit seiner Kirchenkritik dabei die Christen zu ihrer ureigenen Aufgabe rufen wollte. Müller hat damit eine beunruhigende Studie verfasst, denn es lebt sich leichter mit der Kritik eines Außenseiters, eines Atheisten, als mit einem aus dem Innersten des Christlichen gewonnen Einspruch. Er trägt damit die von Friedrich Heer ausgehende Beunruhigung weiter. Denn nach zwei Jahrtausenden Christentum hat man sich schon an das Gebot gewöhnt, die Feinde zu lieben. Jetzt aber nun auch mit ihnen reden! Heer trug keine philosophische Anleitung vor, sondern appellierte unermüdlich. Er sieht die Wirklichkeit von einer unbewältigbaren Komplexität und von der Unausweichlichkeit vor dem anderen geprägt. Der Prozess der Kommunikation der Gegensätze ist der Grundakt dieser einen Wirklichkeit. Das verlangt den Verzicht auf den Alleinanspruch der Wahrheit, deren Blutspur Heer durch die Geschichte verfolgt. Im Christentum muss sich die inkarnatorische Struktur der Menschwerdung Gottes in ihrer humanisierenden Wirkung fortsetzen. Durch den kommunikativen Akt der Lebensmitteilung steht das Christentum im Dienst der Menschwerdung. Entgegen der Ängste des Substanzverlustes des Glaubens muss es sich radikal in Weltlichkeit vermitteln.
Annäherung an die Wahrheit
Friedrich Heer war kein Illusionist. Er wusste ein Lied davon zu singen, wie schwer der andere auszuhalten ist und wie unausrottbar die Ideologien sind. Gerade deshalb betonte er um des Friedens willen das Gespräch der Feinde, das bei den Abgründen der eigenen Person und den dunklen Kapiteln der eigenen Tradition zu beginnen hat. Zu diesem inneren Gespräch kommt das äußere, das vom Respekt vor dem anderen geprägt ist. Da die Wahrheit von niemandem besessen werden kann, eröffnet das Gespräch mit dem Feind einen Prozess gegenseitiger Begabung. Die Wahrheit des anderen kann dabei nie gänzlich eingeholt werden. Eindeutigkeiten wurden nur durch die Vernichtung des anderen erreicht. Obwohl Friedrich Heer in und zu einer ganz anderen Zeit spricht, hat seine Prophetie nichts an Aktualität eingebüßt. Er erkennt im Aufbau einer "globalen pluralistischen Menschheitsgesellschaft" ein christliches Projekt, zu dem ein "offener Katholizismus" seinen Beitrag leisten kann: offen gegen-über der eigenen Geschichte des Machtmissbrauches und der Gewalt gegen Juden und Frauen, offen für die Moderne, für nichtkatholische Christen und andere Religionen und für den Feind. Dem Theologen und kirchlichen Organisationsberater Wolfgang F. Müller ist es rechtzeitig zur Wiederkehr des 20. Todestages von Friedrich Heer gelungen, dessen Lebensvermächtnis in seiner ganzen Tragweite für die Gegenwart zu erschließen.
Die Vision des Christlichen bei Friedrich Heer (Salzburger Theologische Studien 19), Wolfgang F. Müller, Tyrolia-Verlag, Innsbruck/Wien 2002, 594 Seiten.
© SN.
|