| Elite-Unis grenzten aus und seien abgehoben, heißt es oft in Österreich. Die SN wagten den Selbstversuch: Ein Studienjahr an der berühmtesten Uni der Welt.
Gertraud LeimüllerWien (SN). Die Gruppe hält vor dem sitzenden Mann in Stein: "John Harvard, Gründer, 1638", ist auf dem Sockel zu lesen. Klick, klick. Schon ist der Mann in den Digitalkameras der Besucher gespeichert. In die Befriedigung, endlich zu wissen, woher die Uni ihren Namen hat, mischt sich Neugierde: Wie es wohl war als dieser geistliche Herr mit einem Buch auf dem Schoß dem damals noch recht unzivilisierten, puritanischen Amerika seine erste Hochschule verpasste, selbstverständlich nach britischem Campus-Vorbild mit Backsteinhäusern und Gärten?
Die Führerin reißt die Betrachter im Kern des Campus jäh aus ihren Gedanken: "Das ist die Statue der drei Lügen: Hier sitzt erstens nicht John Harvard, sondern ein unbekanntes Modell. Als man im Jahr 1884 die Statue fertigte, hatte man keine Bilder mehr von Harvard. Die zweite Lüge ist, dass der Geistliche Harvard nicht der Gründer, sondern nur der erste Stifter und Mäzen der Universität war. Und die Jahreszahl ist ebenso falsch: Harvard wurde 1636 gegründet und nicht 1638."
Genommen wird nur ein Bruchteil der Bewerber Seit im deutschen Sprachraum die Debatte um die Errichtung von Elite-Unis ausgebrochen ist, wird viel polemisiert und bereits bestehenden Spitzeneinrichtungen in den USA und Europa oft Unrecht getan.
Bei der Campus-Tour löst die Tatsache, dass die Lügen-Statue schon seit beinahe 200 Jahre stehen bleiben durfte, Erleichterung aus. Die Veritas (Wahrheit), Motto der altehrwürdigen Uni, sowie die Strenge des Aufnahmeverfahrens ließen schon befürchten, dass hier alles todernst abgehandelt wird. Harvard siebt seine Bewerberinnen und Bewerber so lange und heftig, dass Unentschlossenen schon früh die Lust auf ein Ticket in den elitären Klub vergeht. Lebenslauf, drei Aufsätze, drei Empfehlungsschreiben, zwei internationale Computertests, bei denen das Englisch und akademische Qualitäten der Kandidatinnen und Kandidaten abgeprüft werden. - Manche arbeiten ein ganzes Jahr, bis die Bewerbungsunterlagen komplett sind. Nur zehn bis 20 Prozent der Bewerberinnen und Bewerber werden letztlich aufgenommen. Der Vorwurf, dass dies vor allem finanzkräftiges Klientel ist, stimmt so nicht ganz: Ob jemand die Studiengebühr später wirklich zahlen kann, spielt beim Aufnahmeverfahren keine Rolle. Harvard verteilt eine Fülle an Stipendien.
"Wir haben Euch ausgewählt, also vergesst das Konkurrenzdenken. Ihr müsst Euch nichts mehr beweisen", sagt ein Professor schon bei der Begrüßung des neuen Jahrgangs für den "Master in Public Administration" - in etwa vergleichbar mit einem Magister in Volkswirtschaft/Politik/Management. Die Uni bekennt sich vorbehaltlos zu denen, die einmal ausgewählt sind. Sie werden bei der Wohnungssuche genauso unterstützt wie bei der Bewältigung des Alltags: "Bitte wascht die Hände! Es ist Grippesaison", heißt es in einem E-Mail im Spätherbst. "Kauft rechtzeitig warme Jacken!" Eine Warnung, die afrikanischen und südamerikanischen Studierenden, die noch nichts vom langen, kalten Winter Bostons wissen, tatsächlich hilft. Nichtamerikaner - ihr Anteil beträgt in den verschiedenen Programmen zwischen 30 bis 50 Prozent - betreut Harvard besonders intensiv. Schließlich ist "interkulturelles Lernen" eines der Qualitätskriterien im US-Uni-System. In der Praxis sieht das so aus, dass sich Afrikaner, Inder und Japaner zusammenraufen müssen, um die verlangte Gruppenarbeit zu einem guten Ende zu führen. Oder dass dem Rededrang US-amerikanischer Studierender im Unterricht gemeinsam Einhalt geboten wird. Das Entstehen weltweiter Freundschaften ist jedenfalls im Studienjahr inbegriffen.
Wer schwindelt, fliegt prompt von der Uni Man lernt fürs Leben, lautet das Motto. Die Vernetzung mit Bürgern, Unternehmen und sozialen Organisationen außerhalb der Uni ist gewollt und daher stark. Vorträge von externen Gästen gibt es permanent. Der Stundenplan der Studierenden wird dadurch voller als geplant. Von den erträumten freien Wochenenden ist bald nur noch wenig übrig. "Die Aufgabe ist bis Mitternacht auf der Klassenhomepage abzuliefern", lautet eine sehr gewöhnliche Anweisung. Schwindeln ist tabu. Wer erwischt wird, fliegt prompt von der Uni und hat damit die 36.000 US-Dollar (oder 29.000 Euro) Studiengebühr für das Jahr in den Sand gesetzt.
Und Schwänzen? Ohne gute Mitarbeit rutscht man auf der Notenskala nach unten. Aber dafür sind die Professoren persönlich zugänglich für Sorgen und Nöte der Studierenden, vielleicht auch deshalb, weil "Erreichbarkeit" ein eigener Punkt auf dem Evaluierungsbogen zu Semesterende ist. Dass Studierende regelrecht hinausgeprüft werden, kommt kaum vor. Einfacher Grund: Dann würde Harvard eingestehen, am Anfang falsche Kandidaten ausgewählt zu haben.
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