| In Krebsforschung und -behandlung liegt die Medizin in Wien international im Spitzenfeld - Kein zufällig gewähltes Beispiel
Richard WiensWien (SN). Der Hämatologe Ulrich Jäger verfolgt ein ehrgeiziges Ziel. In fünf bis zehn Jahren sollten sich Mediziner aus allen Ländern darum reißen, in Wien Krebsforschung betreiben zu können. "Die Chance ist da, wir sind auf dem Sprung dorthin. Wir machen einen guten Job", sagt Jäger selbstbewusst. Aber in den vergangenen zwei Jahren seien an der Medizin-Uni 137 Stellen abgebaut, die Planstellen auf der Hämatologie von 18 auf 16 reduziert worden. "Das ist absurd und der Todesstoß für die Forschung", kritisiert Jäger. Bevor man an die Errichtung einer Elite-Uni denke, müsse man verlangen, dass an den Spitzeninstituten der Unis keine Mittel gekürzt würden.
"Wir haben genug gute Leute", aber die absolute Spitzenforschung spiele sich in den USA ab. Jäger hat selbst drei Jahre in den Vereinigten Staaten geforscht. Der größte Unterschied sei gewesen, "dass Geld dort keine Rolle spielt". Es sei kein Thema gewesen, wenn er ein paar Pipetten mehr verbraucht habe. Das Problem sei, dass jene, die zurückkämen, in den Routinebetrieb eingegliedert würden, statt ihnen für vier Jahre ein Labor und das nötige Geld für Forschung zu geben.
Dass man sich in der translationellen Forschung (Schnittstelle zwischen Grundlagen- und Angewandter Forschung) dennoch im internationalen Spitzenfeld bewege, liege daran, "dass wir wissen, wo es in der Medizin hapert". In diesem Bereich publiziere man auch sehr viel, "da spielen wir in Europa in der obersten Liga mit". Was laut Jäger noch nicht optimal funktioniere, sei die Ankoppelung an die Spitzeninstitute in der Grundlagenforschung, wie das IMBA (Institut für Molekulare Biotechnologie der Akademie der Wissenschaften). "Wir müssten mehr miteinander reden."
Was ihn an der Hämatologie (Lehre von den Blutkrankheiten) fasziniere? "Das ist eine aufstrebende Wissenschaft." Nicht nur deshalb, weil die Zahl der Erkrankungen (Leukämien, Lymphome) zunehme, sondern auch deshalb, weil die Leukämiezellen so leicht zugänglich seien. "Wir nehmen dem Patienten Blut ab und können damit forschen." Das sei der Grund, warum viele neue Medikamente ihren Ursprung in der Hämatologie hätten, erklärt Jäger. Dass die Qualität seines Instituts international anerkannt werde, könne man auch daran messen, dass man von Pharmakonzernen als eines von 16 Zentren in einer Phase-1-Studie zur klinischen Erprobung neuer Medikamente ausgewählt wurde. Das habe es früher nicht gegeben. Es sei gelungen, in Wien eine Hämatologie zu formen, die auch in der Wissenschaft einen Faktor darstelle, sagt Jäger, auch Innsbruck liege sehr gut.
Das Geld der Pharmaindustrie sei in der medizinischen Forschung zwar wichtig, aber es müsse auch andere Sponsoren geben. Daher arbeite die Medizin-Uni gezielt am Aufbau eines Images, das nicht nur die besten Forscher, sondern auch neue Geldgeber anziehe. Das Einwerben von Drittmitteln werde immer wichtiger.
Auch an Jägers Institut wäre der Forschungsbetrieb mit den 1,2 Mill. Euro, die aus dem Uni-Budget kommen, nicht aufrechtzuerhalten. Daher gehen die Wiener Krebsmediziner rund um den Onkologen Christoph Zielinski neue Wege. Über die "Initiative Krebsforschung" will man die breite Öffentlichkeit für das Thema sensibilisieren und Geld für die Forschung auftreiben. Kleinspender sind höchst willkommen, vor allem aber möchte man Dauerspender gewinnen.
Zudem müsse es auch Geld für ein paar Projekte geben, bei denen man nicht hundertprozentig sagen könne, was herauskomme. Spitzenforschung brauche die Freiheit, um etwas auszuprobieren. Hier sei die öffentliche Hand gefordert, sagt Jäger, "das darf nicht verloren gehen."
Und warum ist Jäger trotz optimaler Rahmenbedingungen in den USA nach Wien zurückgekehrt? Da kann der Spitzenmediziner seine Berufung als Arzt nicht verleugnen: "Ich wollte Patienten sehen."PS: Der Autor dieses Beitrags hatte das Glück, einer dieser Patienten gewesen zu sein. Andernfalls wäre dieser Artikel nicht erschienen. Wer die "Initiative Krebsforschung" unterstützen will, kann sich unter www.initiative-krebsforschung.at darüber informieren.
© SN.
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