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Bildung

Alltäglich existentielle Dramen
05. März 2005

Ingeborg Bachmann und Hans Werner Henze, die Dichterin und der Komponist, waren Weggefährten auf räumliche Distanz und brauchten einander. ANTON THUSWALDNER

B riefe, die in ein Buch gefunden haben, zeichnet etwas Verführerisches aus. Sie zeigen Personen als Privatmenschen, über die wir unsere Vorstellungen aus ihrer Arbeit und ihre Auftritte in der Öffentlichkeit gebildet haben. Gegenüber einem Vertrauten fällt eine Hemmschwelle. Die Großen zeigen Schwächen und erweisen sich als verletzbar. Sie erfüllen keine Erwartung, sondern lassen sich fallen, oft tief in das Loch existenzieller Bedrohung. Briefe sind häufig Botschaften aus der Hölle eines leidgetränkten Lebens. Sie suchen einen Ansprechpartner und erwarten von ihm, dass er eingreift, wo einer selber nicht mehr ein noch aus weiß.

Briefe aber bergen eine Gefahr in sich. Sie sind winzige Momentaufnahmen, manchmal Produkte einer gefährdeten Phase. Sie sind bewusst als Engführungen einer Lebensphase verfasst, weil sie die Aufmerksamkeit des Empfängers steuern wollen. Der soll nämlich wissen, wie es um diese eine Person im Augenblick bestellt ist. Im Fall von Ingeborg Bachmann und Hans Werner Henze handelt es sich um Dokumente des Glücks, des Überschwangs und solche des abgründigen Schreckens.

Von 1952 bis zum frühen Tod Bachmanns in Rom 1973 standen sie miteinander in enger Verbindung. Kennen gelernt hatten sie sich auf einer Tagung der Gruppe 47 auf Burg Berlepsch bei Göttingen. Altersmäßig gerade einmal eine Woche voneinander getrennt, standen sie einander nahe, wie es selten Menschen gelingt. Dennoch ertrugen sie Nähe nur auf Zeit.

"weißt du, es ist ziemlich schwer für mich, Dir zu schreiben, was geschrieben werden muss", eröffnet Henze einen Brief von April 1954 in der für ihn typischen Kleinschreibung. Bachmann hatte ernsthaft den Plan verfolgt, den homosexuellen Henze zu heiraten und dafür schon die nötigen Papiere besorgt. Henze war inzwischen klar geworden, dass er nicht in der Lage sein würde, diesen Schritt zu unternehmen. "ein oder zwei tage später kam ich zu dir", setzt er fort, "und Du erinnerst Dich, wie ich da sass und das buch las und so tat, als würde es mich brennend interessieren."

Es war dem Musiker unmöglich, in ein offenes Gespräch einzutreten, um die Lage zu klären. Er war gebannt in seiner Sprachlosigkeit und hilflos, seine Gefühle zu artikulieren. Er fühlte sich schuldig und blieb gebannt in seiner Scheu. Die Beziehung hat diese Krise schadlos überstanden, ja, als Leser der Briefe bekommt man den Eindruck, dass sie im Lauf der Jahre einander immer näher kamen.

Sie gaben einander Rechenschaft über ihre Arbeit, teilten ihre Probleme mit dem Schaffensprozess und anderen Menschen mit. Beide suchten Rückhalt und Zuspruch beim jeweils anderen. Henze forderte die Freundin auf, sich verstärkt ihrem Werk zu widmen, er drängte sie zum Schreiben, duldete nicht Ablenkung: "was kann den so wichtig sein im leben, dass es kein kontinuierliches, diszipliniertes arbeiten erlaubt, das im übrigen der einzige ausweg ist, sei es für krebse, sei es für künstler, für priester, für call-boys, päpste, präsidenten und heckelphonspieler." In sanften Augenblicken klingt das so: "nun gut mein schätzchen, hock dich nieder und brüte wieder ein paar verslein aus."

Nicht lange nach der verhinderten Hochzeit schlägt Henze eine gemeinsame Zukunft vor. "ich möchte, dass wir zusammen leben". Zwei verletzliche Gestalten suchen gemeinsam Schutz vor einer Welt, die sie beide heftig ablehnen. "das wäre ein pakt gegen die bedrohlich dumme welt, gegen die angst und um einer keuschen und reinen idee vom künstlerleben ausdruck zu verleihen." Daraus ist nichts geworden, denn Bachmann wurde es bald zu eng.

Was verband die beiden, dass sie voneinander nicht lassen konnten? Die Literatur Bachmanns und die Musik Henzes stifteten eine gemeinsame Basis. Kommt einer auf das Werk des anderen zu sprechen, wächst sich die Begeisterung bald in Schwärmerei aus. Und immer wieder finden die beiden zusammen in gemeinsamen Projekten, wenn Ingeborg Bachmann Text vorlagen liefert für Vertonungen.

Die politische Haltung schwor beide auf Gemeinsamkeit ein. Beide wuchsen als Kinder von Lehrern auf, die Mitglieder der NSDAP waren. Von dieser ihrer Herkunft distanzierten sich beide scharf. Henze aus Ischia: "daher wiederhole ich Dir, dass wir es uns um unserer gesundheit willen nicht erlauben können, in dieses land von mördern, neofaschisten, neoneurotikern zurückzukehren, ich versichere Dir, dass es unmöglich ist und von einem niveau weit unter dem internationalen strich."

Der Salzburger Germanist Hans Höller hat uns diesen Briefwechselzugänglich gemacht und vorzüglich ediert und kommentiert. Ingeborg Bachmann/Hans Werner Henze: Briefe einer Freundschaft, Herausgegeben von Hans Höller, mit einem Vorwort von Hans Werner Henze. Mit 8 Faksimiles, gebunden, Piper, München 2004.

© SN.

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