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Hochsaison für die "Tante Dorothee"
12. Februar 2004

Seit die Wirtschaft schwächelt, werden immer häufiger kurzfristige Liquiditätsprobleme mit Hilfe des Dorotheums gelindert

HEDWIG KAINBERGER

Im Volksmund heißt's "das Pfandl" oder "die Tante Dorothee", offiziell ist es das "Dorotheum Belehnungsservice", das sich seit vier, fünf Jahren stetig steigender Nachfrage erfreut. Immer mehr Menschen bringen Wertgegenstände in die Dorotheergasse oder in eine Zweigstelle in Wiener Vorstädten oder den Bundesländern, um sich anonym und unbürokratisch Geld zu besorgen. Kundenbefragungen zufolge kommt etwa die Hälfte von Tante Dorothees Kunden wegen "dringenden, kurzfristigen Geldbedarfs". Derzeit vergibt das Dorotheum, das in Österreich etwa achtzig Prozent des Pfandgeschäftes beherrscht, etwa 100.000 Kredite pro Jahr.

Dass seit Ende der neunziger Jahre Zahl der Kredite und Darlehenssumme immer größer geworden seien, habe drei Ursachen, erläuterte Andreas Wedenig vom Wiener Dorotheum am Dienstag im SN-Gespräch. Ein Faktor sei der Goldkurs: Steige der Kurs dieses Edelmetalles, nähmen die Pfandkredite zu. Zweiter Grund sei die Werbung, mit der seit zwei Jahren - also seit der Privatisierung an die Firma "OneTwoSold" - mögliche Kreditnehmer angelockt werden.

Als dritte Ursache nennt Wedenig die Konjunkturflaute. Typische Kunden sind Kleinunternehmer, die zum Beispiel für eine Steuervorauszahlung kurzfristig Geld benötigen und dafür mit der Schmuckschatulle zur "Tante Dorothee" kommen. Häufige Kunden sind Kunsthändler, deren Geschäft außerhalb der Hochkonjunkturzeit leidet und die Kunstwerke statt in ihr Lager ins Dorotheum geben, um so kurzfristig zu Geld zu kommen.

Schmuck oder Porzellan helfen in Geldnöten

Allerdings: Wirklich arme Menschen kommen nicht zur Pfandleihe, sondern nur jene, denen es früher finanziell gut gegangen ist. "Wer nichts hat, kann nichts verpfänden", sagt Wedenig.

Das blühende Geschäft im Pfandgeschäft in wirtschaftlichen Flauten ist Beispiel dafür, dass trotz der Furore, die Aktien, Anleihen und Fonds gemacht haben, auch Vermögen in Form von Schmuck, Uhren, Bildern, Porzellan, Münzen oder Briefmarken zu Geld gemacht werden kann. In Wien können sogar technische Geräte verpfändet werden, wenngleich nur hochwertige Geräte. Für Computer, deren Preise rasch fallen, oder einfache Videorekorder und Fernseher ist die Pfandzeit schon vorbei. Noch länger vorüber ist die Zeit, dass man den Sonntagsanzug am Freitag auslöste und am Montag wieder ins Pfandl brachte.

Der große Vorteil des Pfandkredites: Das Geld kommt schnell und unbürokratisch, und der Kreditnehmer bleibt - außer für hohe Beträge - anonym. Der verpfändete Gegenstand kann zwei, drei Tage oder einige Monate später ausgelöst werden. Die übliche Laufzeit eines Pfandkredits sind viereinhalb Monate, wer sich beim Dorotheum meldet und die Zinsen zahlt, kann das Darlehen verlängern.

Der Nachteil sind die Kosten: Pro Monat sind 2,5 Prozent Zinsen zu zahlen, das entspricht - inklusive Zinseszinsen - einem Jahressatz von über 30 Prozent. Die reinen Kapitalzinsen seien nicht höher als im Bankgeschäft, versichert Wedenig. Der Großteil des Entgelts entfalle auf "Manipulationsgebühren" für Schätzung, Einlagerung und Versicherung.

Etwa 90 Prozent der beim Dorotheum verpfändete Gegenstände werden von ihren Eigentümern abgeholt. Die anderen "verfallen", wie es im Pfand-Jargon heißt, und "gehen in die Verwertung": Die Gegenstände werden versteigert oder im Freiverkauf feilgeboten, mit dem Erlös deckt das Dorotheum Kredit- und Zinsenschuld, ein etwaiger Überschuss wird auf dem Kundenkonto gutgeschrieben und bleibt 30 Jahre dort liegen.

Nach gleichen Regeln wie im "Versatzamt" von 1707

Das Pfandgeschäft des Dorotheums erfolgt heute noch nach fast gleichen Regeln wie zur Gründung des einstigen "Versatz- und Fragamtes zu Wien" im Jahr 1707. Dessen damaliger Zweck war, den "kleinen Leuten" Kredite zu stabilen Konditionen zu gewähren und sie so vor Zinswucher zu schützen.

© SN/APA.

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