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Geiz ist nicht geil
10. Februar 2004

Verdrehte Konsumwelt: Die Wohlhabenden zelebrieren finanzielle Askese. Die weniger Wohlhabenden versuchen, die Zeichen der Armut zu verdecken.

VERONIKA CANAVAL

Vor 15 Jahren gab es in der Konsumwelt noch klare Verhältnisse: Wer beim Hofer einkaufte, der konnte sich nichts leisten. Wer sich was leisten konnte, der ging zum Meinl. Heute gibt es den Meinl als Handelskette nicht mehr. Dafür kann man beim Hofer den eigenen Chef treffen.

"Geiz ist geil" ist zur Konsumdevise geworden, unter der die Grenzen zwischen Arm und Reich verschwimmen. Einkaufen beim Hofer, bei H&M, beim Allesumeinen-Euro-Markt? Das ist heute kein Eingeständnis finanzieller Nöte mehr, sondern gilt als clever. Nur sein finanzielles Kapital, also seinen Reichtum zu dokumentieren, werde als degoutant angesehen, meint Helene Karmasin, Leiterin des Instituts für Motivforschung. Vielmehr müsse man, um gesellschaftlich akzeptiert zu werden, sein "soziales Kapital" ausspielen. Und das heiße: "Ich habe die richtige Gesinnung. Ich bin gescheit und nicht dumm. Ich zahle nicht mehr als ich muss."

Früher habe man (oder besser frau) die Louis-Vuitton-Tasche gut sichtbar auf den Tisch gestellt, um seinen Reichtum zu demonstrieren, erzählt Karmasin als Beispiel. Heute verwende man die Luxus-Tasche nur noch mit dem Zusatz, dass man dieses Stück besonders günstig erworben habe. Auch wenn man noch so gut und teuer angezogen sei, müsse man "ein Stück von H&M" tragen, um den Dress-Codes der "Geiz ist geil"-Gesellschaft zu entsprechen. Der Markt antworte auf diese Bedürfnisse, daher gebe es immer häufiger Konzepte wie jenes des Diskonters Hofer, meint Karmasin. "Der sagt, wir haben sehr gute Qualität und sehr, sehr gute Preise. Wer bei uns kauft, der ist clever."

Auf der anderen Seite stehen freilich jene, für die ein Werbespruch wie "Geiz ist geil" eigentlich eine Verhöhnung darstellen muss. Menschen, für die Sparsamkeit nicht Dokumentation ihrer korrekten Gesinnung, sondern bittere Notwendigkeit ist. Menschen, die trotzdem und immer wieder versuchen, aus ihrem finanziellen Gefängnis auszubrechen. Indem sie ihren Kinder nahezu jeden Wunsch erfüllen. Indem sie hohe Kredite aufnehmen, um eine (zu) teure Einrichtung zu kaufen. Indem sie sich die wichtigsten Werkzeuge der Mobilität, ein Auto und ein Handy, anschaffen, obwohl sie es sich eigentlich nicht leisten können. Irgendwann einmal kommen sie dann nicht mehr mit ihren Schulden zurande und werden zur Klientel für die heimischen Schuldnerberatungsstellen. Fast 12.000 Menschen wurden dort im Vorjahr im Rahmen eines Erstgesprächs betreut, die Durchschnittsverschuldung betrug rund 65.800 Euro. Die Tendenz ist steigend.

Weshalb tätigen Menschen Anschaffungen, die sie sich eigentlich nicht leisten können? "Weil sie dabei sein wollen. Weil es ihnen von der Werbung so suggeriert wird", meint Peter Niederreiter, Leiter der Schuldnerberatungsstelle Salzburg.

"Jeder will das Schönste und das Beste haben"

Es sei ein Unterschied, ob man beim Hofer einkaufe, weil dies "clever" sei, oder deshalb, weil man gar keine andere Wahl habe. So gesehen sei Geiz nicht geil, denn: "Jeder strebt danach, das Schönste und das Beste zu haben."

Eine große Rolle spielt der Gruppendruck. Es gebe bestimmte Zeichen, die zeigen, das jemand aus finanziellen Gründen nicht am gesellschaftlichen Leben teilnehmen kann, meint Helene Karmasin. Als Beispiel nennt sie das Fehlen von Handy oder Fernsehgerät. Damit sei der (oder die) Betroffene von den Kommunikationsströmen ausgeschlossen. Wenn sich jemand also verschulde, um die für die Mobilität notwendigen Werkzeuge wie ein Handy - oder im Fall von Landbewohnern ein Fahrzeug - zu kaufen, so geschehe das nicht, "weil man so konsumgeil ist", es sei einfach notwendig.

Karmasin: "Es gibt Leute, für die verursacht es große Probleme, wenn ihr Kind zu einem Kindergeburtstag eingeladen ist, weil es dann ein Geschenk mitbringen muss. Für Männer kann es ein Problem werden, wenn sie im Kollegenkreis eine Runde ausgeben müssen, die sie sich eigentlich nicht leisten können." Die Folge: Es würden Schulden gemacht, "um soziales Kapital zu kaufen".

Von Leichtfertigkeit könne man angesichts dieses Verhaltens nicht sprechen, meint Karmasin. Vielmehr "sollten wir alle Anstrengungen unternehmen, um den Menschen das Gefühl zu erlauben, sie gehören dazu. Denn wenn sie einmal resignieren, dann entsteht ein ungeheuer sozialer Sprengstoff".

© SN/APA.

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