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"Sag mir, welcher sozialen Schicht Du angehörst, und ich sage Dir, wie krank Du bist." - Eine Untersuchung über gesundheitliche Folgen von Frauenarmut.
SYLVIA WÖRGETTER
Armut macht krank. Armut ist weiblich. Daraus folgt: Weil unter den Armen oder Armutsgefährdeten mehr Frauen als Männer sind, trifft der fatale Zusammenhang zwischen Einkommen, sozialem Status und Bildung auf der einen Seite und Erkrankungsrisiko auf der anderen vor allem sie. Das ÖBIG (Österreichisches Bundesinstitut für Gesundheit) hat sich mit dem Problem befasst. Folgt man Barbara Schleicher, der Mitautorin der im März 2003 veröffentlichten ÖBIG-Studie "Armutsbetroffene Frauen in Österreich. Gesundheit und Erkrankungsrisiko", kristallisieren sich vor allem drei Gruppen von Betroffenen heraus. Für Frauen mit niedererem Bildungsgrad, Frauen mit geringem Einkommen und Arbeitslose wird Armut zum Krankheitsrisiko. Auch viele Alleinerzieherinnen seien betroffen, sagt Schleicher. Gemeinsam ist allen diesen Frauen eines: Sie gehören zu den "working poor", sind also Menschen, denen trotz schwerer Arbeit wenig zum Leben bleibt. Vor allem fehlen Zeit und Geld, um sich selbst und der eigenen Gesundheit Gutes zu tun. Alleinerzieherinnen wissen ein Lied davon zu singen. Da wird das Geld eher in die Zahnspange des Kindes investiert als in die eigene Zahnreparatur. Und neben Beruf und Betreuungspflichten bleibt kaum noch Muße für Wellness und Sport. Das meint Aline Halhuber vom Salzburger Frauengesundheitszentrum Isis, wenn sie sagt: "Mit zunehmender Armut bleibt immer weniger Einfluss auf die eigenen Lebensbedingungen." Überlastung und Ohnmacht haben oft Erschöpfung, Depressionen und psychosomatische Beschwerden im Gefolge. Über psychische Beschwerden klagen Frauen mit geringerem Einkommen und Sozialstatus laut ÖBIG-Studie wesentlich öfter als Frauen in besseren finanziellen Verhältnissen. Die Auswertung einer Mikrozensusuntersuchung aus dem Jahr 1999 ergab: Immerhin neun Prozent der ungelernten Arbeiterinnen und fast 17 Prozent der arbeitslosen Frauen im Alter zwischen 20 und 34 Jahren geben mindestens eine psychische Beschwerde im Jahr an - von Schlafstörungen über Nervosität bis zur Depression. Zum Vergleich: Bei den Selbstständigen in derselben Altersgruppe tun dies knapp sieben Prozent, bei den Angestellten und Beamtinnen nur jeweils rund vier Prozent. Je älter die Frauen sind, desto dramatischer schlagen Belastungen des Arbeitsmarkts und der Gesellschaft offenbar auf die Gesundheit. So gibt fast jede dritte Arbeitslose und fast jede vierte ungelernte Arbeiterin zwischen 50 und 64 Jahren an, im letzten Jahr mindestens ein Mal an psychischen Beschwerden gelitten zu haben. Auch das Gesundheitsverhalten hängt stark mit der Zugehörigkeit zur sozialen Schicht zusammen. Nur 25 bis 28 Prozent der ungelernten Arbeiterinnen treiben Sport und ernähren sich gesund. Zum Vergleich: Jede zweite Beamtin achtet dagegen auf vitaminreiche, fettarme Ernährung und sportlichen Ausgleich. Dem Rauchen fröhnen mehr Frauen aus niederen Einkommensschichten. Die kostenlose Gesundheitsuntersuchung nutzen Arbeiterinnen am wenigsten. Studienautorin Schleicher warnt vor dem Schluss, dass gesundheitliche Unterschiede zwischen den Schichten primär durch individuelles, gesundheitsschädigendes Verhalten bedingt seien. Vielmehr seien es die gesellschaftlichen Strukturen, die krank machen. So sei es für Frauen, die an allen Ecken und Enden sparen müssen, ungleich schwieriger, sich und die Familie gesund zu ernähren: "Gesunde Lebensmittel sind einfach viel teurer." Für die Studienautoren deuten die Daten auch darauf hin, dass "Frauen aus niederen sozialen Schichten ein höheres Risiko für Erkrankungen und eine höhere Sterblichkeit, vor allem infolge von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Infektions- und Atemwegserkrankungen" aufweisen als Frauen aus höheren sozialen Schichten.
Die Wissenschaft geht vom "Normalmann" aus
Eine wesentliche Rolle spielt der Bildungsgrad. Wer über Risiken und Nebenwirkungen mehr weiß, verhält sich eher dementsprechend. Wo gibt es Unterstützung finanzieller oder psychologischer Art? Wer hilft in Krisen weiter? Frauen mit höherer Bildung wissen sich in der Regel meist besser zu helfen, berichten Experten. Das beginnt oft schon beim selbstbewussteren Auftreten, um Ansprüche durchzusetzen. Für andere hingegen mag schon die Stadtteilgrenze schwer zu überwinden sein. Informationen über Beratungsstellen und Angebote dringen vielfach nicht zu jenen durch, die sie wirklich brauchen. Insgesamt sei noch zu wenig erforscht, was Frauen niederer sozialer Herkunft krank mache oder gesund erhalte, erklärt Schleicher. Die Wissenschaft gehe in der Beschreibung von Krankheiten, Risikofaktoren und Gegenstrategien vom "Normalmann" aus. Von den männlichen Durchschnittswerten wichen Frauen allerdings deutlich ab. Die typischen Belastungen, denen Frauen in Familie und Beruf ausgesetzt sind, seien noch nie in Beziehung zu den typischen Belastungen der Männer gesetzt worden, kritisiert sie.
© SN/APA.
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