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Leben im Alarmzustand
29. Jänner 2004

Die Anforderungen, die an uns gestellt werden, steigen ständig, zugleich steigen die Anforderungen, die wir an uns selber stellen. Die Folge: Stress als Dauerzustand.

INGE BALDINGER

Es ist irgendwie paradox: Noch nie ging es uns so gut wie heute, trotzdem nehmen die psychischen Leiden zu. Depressionen sind in der hochzivilisierten Wohlstandswelt unterdessen unter die Top-3 (und weltweit auf Platz 4) der häufigsten Krankheiten vorgestoßen: Krebs, kranke Herzen, kranke Seelen.

Warum ist das so? Sind wir immer weniger belastbar? Oder zwingt uns der "Außendruck", dem wir ausgesetzt sind, immer öfter in die Knie - von der permanenten Reizüberflutung bis zum Mobbing am Arbeitsplatz? Manfred Stelzig, Leiter der Psychosomatischen Medizin an der Christin Doppler Klinik in Salzburg, sieht die Hauptursache für den krank machenden Stress im Geist der Zeit, der die Anforderungen an uns ständig steigen lässt. Und zwar nicht nur die Anforderungen, die an uns gestellt werden, sondern auch die Anforderungen, die wir an uns selber stellen. Stelzig: "Wir leben in einer Zeit, in der nur der Zuwachs zählt. Ob in der Schule, im Handel oder im Tourismus - überall muss es ein Plus geben. Gibt es keines, wird das als Katastrophe empfunden. Das macht einen unerhörten Stress, den sich die Gesellschaft sehr stark selbst auferlegt."

Dieser Stress, immer eine Nasenlänge voraus oder jedenfalls vorne dabei zu sein, macht auch vor der Freizeit nicht halt. Die Kinder, sagt Stelzig, müssten die neuesten Computerspiele ja wie verrückt spielen, damit sie sie rechtzeitig zum Schulbeginn nach Weihnachten beherrschen. Bloß nicht den Anschluss an die Schulkameraden verlieren. Erwachsene hetzen von der Arbeit ins Fitness-Studio, um immer durchtrainierter und fiter zu werden. Bloß nicht nachlassen, stets die Voraussetzung schaffen, immer mehr aus sich herausholen zu können.

Gesund ist dieses Leben im Alarmzustand nicht. Schon gar nicht für die Seele. Denn mit dem positiven Stress (Eustress), der uns Herausforderungen annehmen und Freude an der Leistung erleben lässt, hat das nichts mehr zu tun. Ist der negative Stress (Distress) am Werk, dann schaut es langfristig für die Gesundheit schlecht aus (siehe auch Kasten). Die Grenzen zwischen guten und schlechtem Stress sind fließend und von Mensch zu Mensch verschieden, vereinfacht gesagt, ist der Distress aber dann am Werk, wenn das eigene Tun einen neurotischen Anklang bekommt. Langfristig könnten eine Vielzahl von Symptomen auftreten: Fahrigkeit, Niedergeschlagenheit, sich ununterbrochen im Kreis drehende negative Gedanken, Gereiztheit, Schlafstörungen, Angstzuständen, Herz-Kreislauf-Beschwerden, chronisch entzündliche Darmerkrankungen etc.

Oft ist es ein Schicksalsschlag wie ein Todesfall in der Familie, der das Fass zum Überlaufen und die Leute zur professionellen Behandlung bringt. Stelzig, selbst Psychiater und Psychotherapeut, berichtet von laufend zunehmenden Patientenzahlen in seiner Abteilung. Alle Bevölkerungsschichten und Altersgruppen sind vertreten, viele Patienten werden von den medizinischen Abteilungen überwiesen. Ziel der gesamtheitlichen Behandlung (in die je nach Fall Chirurgen, Internisten, Ernährungsberater, Physiotherapeuten etc. eingebunden sind) ist es, die Leute wieder in Harmonie mit sich selbst zu bringen, ihr Leben neu zu ordnen. Stelzig nennt es "die Öffnung des Herzens". Viele Patienten, sagt er, "kommen erst durch eine Krise - oft ist es die Diagnose Krebs - zum Denken, wohin sie das Leben geführt hat". Und nicht selten stehe am Ende der Überlegungen ein "Hoppla, ich hab' mich ja total vergaloppiert". So gesehen sei die Krise eine Chance, zu den ursprünglichen Werten zurückzufinden und sich wieder wohl zu fühlen in der eigenen Haut, sagt Stelzig. Mit der Behandlung gehe fast immer eine Lebensstiländerung einher (mehr Bewegung, gesünderes Essen, mentales Training), so dass die Leute schließlich überhaupt stressresistenter seien.

Ob Stelzig, der so viel mit Stress-Patienten zu tun hat, auch ein sozusagen privates Anti-Stress-Rezept (siehe auch Kasten) hat? Bei ihm wirke Tennis-Spielen sehr gut, sagt er. Ein guter Trick sei auch ein mit Ölen angereichertes Bad, so könne man sich Wärme und Geborgenheit holen. Und natürlich stelle auch er sich von Zeit zu Zeit die Frage, ob sein Leben so läuft, wie er sich das vorgestellt habe - oder nicht mehr. Die letzte derartige "Selbstaktualisierung" habe ergeben: "Ich gebe meine Privatpraxis auf. Dieser Verzicht fällt mir zwar nicht leicht, aber es ist mir wichtiger, bei meiner Familie zu sein."

© SN/APA.

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