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Die Sehnsucht, in möglichst kurzer Zeit reich zu werden, wohnt vielen von uns inne. Bei der Geldanlage machen sich aber oft der Verzicht und etwas Geduld bezahlt.
RICHARD WIENS
Benjamin Franklin verdanken wir nicht nur die Erfindung des Blitzableiters, sondern auch den Geistesblitz "Time is money". Seit er diesen Ratschlag Mitte des 18. Jahrhunderts einem jungen Geschäftsmann mit auf den Weg gab, verfolgt uns der Stehsatz, wonach Zeit Geld ist, unerbittlich auf Schritt und Tritt. Die Industrialisierung, die in den 30er-Jahren des 19. Jahrhunderts in Großbritannien ihren Ausgang nahm, führte zu einer völlig neuen Betrachtungsweise der Zeit im Arbeitsleben. Bis dahin waren dem Produktionsprozess natürliche Grenzen gesetzt. Waren wurden in dem Rhythmus hergestellt, den sich die Menschen selbst verordneten. Mit dem Einsatz von Maschinen und der schrittweisen Einführung der Arbeitsteilung wendete sich das Blatt. Nun wurde versucht, die Arbeitszeit möglichst weit auszudehnen, um die Ressourcen besser auszunützen und um mehr Profit aus der menschlichen Arbeitskraft herauszuziehen. Weil man auch da an Grenzen stieß und weil die Gewerkschaften nach und nach die Begrenzung der Höchstarbeitszeiten erkämpfen konnten, verlagerte sich der Fokus der Unternehmer. Oberstes Prinzip wurde, mehr Geld aus der vorhandenen Zeit herauszuholen, sprich die Produktivität zu erhöhen. Der Schriftsteller Heinrich Böll hat dieses Phänomen in seiner "Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral" trefflich beschrieben. Darin versucht ein Tourist, einen in der Sonne dösenden Fischer davon zu überzeugen, wie viel mehr er fangen und ergo verdienen könnte, wenn er öfter aufs Meer hinausführe. Schließlich kommt er zur Erkenntnis, dass der Fischer dann am Ufer sitzen und in der Sonne dösen könnte. Tatsächlich streben wir im Berufsleben immer stärker danach, aus der knapper werdenden Zeit mehr herauszuholen. Am Ende erreichen wir denselben Zustand wie zuvor, zwar vielleicht auf einem höheren Wohlstandsniveau, aber eben unter Verzicht auf Zeit. An der Börse wird die Devise "Zeit ist Geld" noch stärker als im "normalen" Arbeitsleben für bare Münze genommen. Die Sehnsucht, schnell reich zu werden, wohnt wohl vielen von uns inne. Und tatsächlich kommmt es an der Börse oft darauf an, schneller zu sein, macht der Informationsvorsprung häufig den Unterschied zwischen Verlust und Gewinn oder noch mehr Gewinn aus. Doch in der heutigen Zeit, in der praktisch jedermann jederzeit über alle relevanten Informationen verfügt, genügt auch das nicht mehr. Es wären nicht die Börsianer, wenn sie den Leitsatz "Zeit ist Geld" nicht um ein Stückchen weitergedreht und damit noch beschleunigt hätten.
Wettlauf mit der Zeit oder gemächlicher Spaziergang
"Timing is money", lautet die Devise für jene, die an den Börsen handeln. Es kommt demnach auf den richtigen Zeitpunkt für den Ein- und Ausstieg an. Auf die Spitze getrieben wurde diese Entwicklung durch die so genannten Daytrader. Ihr Ziel ist es, Aktien mehrmals am Tag zu kaufen und zu verkaufen, um auch kleinste Kursschwankungen für Gewinne zu nützen. Gerade bei der Geldanlage kann sich aber die Devise "Zeit ist Geld" auch in einer verlangsamten Variante durchaus bezahlt machen. Entgegen dem Vorurteil, dass man an der Börse nur als Spekulant oder gar als Zocker Erfolg haben kann, empfehlen Experten, Aktien als Langfristinvestment zu betrachten. Und damit auf längere Sicht zu Geld zu kommen. Auch Karl Valentin, der Münchener Wortakrobat, hat über die ambivalente Beziehung von Zeit und Geld räsoniert. Herausgekommen ist folgender Dialog: "Des stimmt! . . . Zeit is Geld! Na - des stimmt net - Zeit hab i gnua, aber kein Geld! - Wenn i so viel Geld hätt wie Zeit, dann hätt i mehr Geld wie Zeit! Dann hättn sie keine Zeit mehr, dass mit mir wohin gehen! Dann nicht, aber heut hätt ich noch Zeit!" Es geht also letztlich darum, monetären Erfolg und persönliche Zufriedenheit zeitlich unter einen Hut zu bringen. Für jeden wird das ausgewogene Verhältnis zwischen Zeit und Geld woanders liegen. Diese Balance zu finden, bleibt die Herausforderung, vor der wir täglich stehen und an der wir wohl auch oft scheitern werden. Aber am Schluss zählt nur der Versuch.
© SN.
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