| Der Skisport zählt für die Österreicher zu den identitätsstiftenden Elementen. Bei Krisen stellt sich kollektive emotionale Erschütterung ein.
Reinhard BachleitnerSALZBURG (SN). Die Fakten sind bekannt und unwiderruflich festgeschrieben: Das Abschneiden Österreichs bei der alpinen Ski-WM in Aare entspricht nicht den Erwartungen. Die einzelnen Resultate sollen und brauchen nicht wiederholt oder gar neuerlich dokumentiert werden; sie tun dem gelernten Österreicher ohnedies mehr als weh, ist die Enttäuschung doch so groß wie selten zuvor. Warum eigentlich? Das ist hier zu fragen.
Sport und insbesondere der Skisport zählen für den Österreicher zweifelsfrei zu den identitätsstiftenden Elementen neben Sprache, Kultur, Religion sowie den typischen Naturlandschaften der Regionen. Skisport gilt seit je her für die kleine Alpenrepublik als wesentliches Element im breiten Gefüge des Nationalstolzes die Identifikation mit Skisport in Österreich ist europa- und weltweit wohl kaum überbietbar. Nationales Selbstbild und Selbstverständnis sind in Österreich untrennbar mit dem Skisport verbunden.
Gerade vor dem Hintergrund der hinlänglich bekannten Globalisierung ist die sportbezogene Nationalisierung ein kleines Gegengewicht und das schwindende "Wir-Gefühl" braucht im Zuge dieser Entwicklung neue Quellen. Zudem hängen zwei weitere nationale Identifikationsfelder aufs Engste mit dem Skisport zusammen: Wintertourismus und Skiindustrie werden angeblich gesteuert von den Erfolgen der Skiathleten - vor allem von den medial breit vermarkteten Siegen; sie sind entscheidende Wirtschaftsfelder mit erheblichen Anteilen am Bruttosozialprodukt Österreichs.
Wir meinen zwar, dass der mündige Konsument sich seine Winter-Destination und seine ohnedies zunehmend geleaste Skiausrüstung nach anderen Kriterien auswählen wird; zudem scheinen Wintertourismus und Skiindustrie derzeit wohl mehr mit den medial aufgeheizten "Klimasorgen" und weniger mit den eher kurzlebigen "Weltmeisterschaftssorgen" zu kämpfen.Die kollektive emotionale Erschütterung in der sportorientierten Öffentlichkeit unserer Nation durch die aktuellen Imageverluste und Einbußen wird dadurch verständlicher, dass diese Öffentlichkeit bisher sehr erfolgsgewöhnt und erfolgsverwöhnt war.
Hier stellen sich Fragen nach den Gründen für das momentan auszumachende Debakel: Ursachenforschung ist angesagt. Analysen werden von den Experten bereits angekündigt.
Es ist hinlänglich bekannt, dass gerade die Nationalsportart Skilauf zu den am besten er- und beforschten Disziplinen in Österreich zählt und die interdisziplinär arbeitenden Experten neue Erkenntnisse aus ihren Labors liefern: Biomechaniker, Trainingswissenschafter, Sportmediziner, Sportpsychologen, Materialwissenschafter konzentrieren sich auf die Optimierung von Leistung und Material. Komplexes System ist für den Erfolg verantwortlich Rennläufer und Skigerät sind zu gläsernen Subjekten geworden. Skiserviceleute und Logistiker, Konditionstrainer und Ernährungsberater unterstützen vor Ort die Leistungserbringer. Kurz: Ein hoch komplexes und differenziertes System ist für den Erfolg mitverantwortlich; diese "Dienstleistungskette" ist präzise abzustimmen und schließlich zeit- und punktgenau für das Rennen zu optimieren.
Das was möglicherweise fehlt oder zu wenig Beachtung findet, ist jene Disziplin, die das entsprechende Steuerungs-, Planungs- und Koordinationswissen mit einbringt: Eine angewandte "Sport-Soziologie" mit ihren anders gelagerten Denkkategorien wie dem Erkennen von Strukturen, Teilsystemen und funktionalen Relationen, könnte dies leisten.
Die Ansprüche an ein solches Steuerungs- und Planungssystem im Skisport sind wie gezeigt hoch, die Einbindung von Sportsoziologen ist jedoch gleichsam Null. In der Sportnation Österreich führt die "Soziologie des Sports", also jene Disziplin, die sich um die Strukturen und die Makroebenen bemüht, ein kümmerliches Dasein. Gerade in einer Krise sollte sich der Skisport darauf besinnen.
Beratungsleistung - nicht für die Athleten - sondern für die Organisatoren und Institutionen ist einer der soziologischen Forschungsschwerpunkte, was in anderen Nationen auch praktiziert wird.
Was hat eine praxisbezogene Sportsoziologie für den alpinen Skisport zu bieten und wie kann sie eingesetzt werden? Es geht um die Koordination von Expertenergebnissen, sowie um entsprechende Abstimmungs- und Steuerungsprozesse für das Gesamtsystems Skirennsport. Blickt man auf die in der Literatur angebotenen Ansätze zur "Steuerung im organisierten Sport", so erkennt man die Zielorientierungen: Operative und strategische Planung und Modalitäten ihrer Umsetzung.
Was ist damit gemeint? Ziel von grundlegenden Analysen sind Erkenntnisse über die Strukturen des Skirennsports in ihrer Zeit- und Raumbezogenheit sowie die ablaufenden Kommunikationsprozesse zwischen den Systemkomponenten. Sie geben Aufschluss über Stärken und Schwächen und die "Gesetzmäßigkeiten", die so gern in Interviews thematisiert werden: "Großereignisse haben ihre eigenen Gesetze" hörte man in jüngster Zeit vielfach von den befragten Skiathleten.
Gemeint sind damit jene Strukturbedingungen und situativen Anforderungen, unter denen die optimale Leistung zu erbringen ist. Subkutan hat man damit also Forschungsbedarf geortet. Auch die interviewten Experten suchen nach Systematiken und Strukturen im Verhältnis von Siegen und Niederlagen und besinnen sich dabei auf die wenigen vorhandenen soziologischen Studien. Österreich braucht siegreiche Impulsgeber Rechtfertigungsdruck oder ein neuer Weg aus der Krise? Als gelernter Österreicher kennt man die Antwort: Der nächste Winter und die nächste WM kommen sicher, auch die nächsten Siege werden sich einstellen: Absichtsvoll anvisiert oder als Ergebnis vielfältig gesteuerter Prozesse oder letztendlich auch als "Zufall".
Die Skination Österreich braucht siegreiche Identifikationsfiguren und der Nationalstolz muss wieder vergoldet werden; Wintertourismus und Skiindustrie, Seilbahnwirtschaft und Hotellerie und noch so manche Andere brauchen ihre gewohnten siegreichen Impulsgeber.
© SN/APA.
|