| Die Stadt Turin hat von den Olympischen Winterspielen in vielfältiger Weise profitiert. Nicht einmal der entstandene Schuldenberg drückt sonderlich.
Roman ArensTurin (SN). Abgeschnallt die Skier und Schlittschuhe, verteilt alle Medaillen. Das Sportevent ist vorbei und (bald) vergessen. Die Olympiagroßstadt hat die Tribünen abgebaut und zieht Bilanz. Was bleibt: Turin hat eine wundersame Verwandlung erfahren.
Die graue, langweilige, rational organisierte Stadt, an der ihre Einwohner gleichwohl herumzunörgeln gewohnt sind, scheint es nicht mehr zu geben. Vieles ist runderneuert, frisch und farbig geworden. Auf den Plätzen kann sogar gesungen und getanzt werden. Zwei Mal war alles bis zum Morgengrauen geöffnet - und wird es schon in neun Tagen bei den Paraolympischen Spielen wieder sein. Die Stadt kann trotz ihrer sozialen Probleme feiern, auch sich selbst, und schaut nun sogar optimistisch in die Zukunft.
Stolz wird aufmerksam registriert, dass alle Welt die Organisation der Spiele lobt, allenfalls die Entfernungen zu den Pisten und fehlende Zuschauer wie mangelnder Enthusiasmus an den Austragungsstätten bemängelt. Man ist erleichtert, dass die Globalisierungkritiker und Gegner der Schnellzugstrecke Turin-Lyon angesichts der Übermacht von Polizei und Militär auf jede unschöne Kraftprobe verzichteten.
"Urplötzlich ist unsere Stadt erwacht wie das eingeschlafene Dornröschen beim Kuss des Prinzen", schreibt eine Zeitungsleserin, "habe ich vielleicht geträumt? Nein, es ist alles wahr." Die Frau bittet die Verantwortlichen, dass wir nach den Spielen "nicht wieder in unsere sprichwörtliche Selbstbemitleidung und Griesgrämigkeit zurückfallen".
Die Angst ist jedenfalls vorläufig völlig unbegründet, im Gegenteil. Vornehme Bescheidenheit und Zurückhaltung sind eigentlich hervorstechende piemontesische Wesenszüge. Man genießt, was man hat, ohne viel Reklame zu machen. Auch das hat sich geändert. Weil nach dem großen Erfolg die Gunst der Stunde genutzt werden soll, zeigt man nun, dass Klappern zum Handwerk gehört und dass man dies auch großmundig beherrscht.
"Früher hieß es, Turin sei eine Industriestadt nahe bei Mailand. Jetzt ist Mailand eine Dienstleistungsstadt nahe bei Turin", meint kühn Cesare Vaciago. "Das Kräfteverhältnis hat sich umgedreht", findet Vaciago, der Generaldirektor des Spiele-Organisationskomitees TOROC. Auch die Immobilienmakler registrieren schon, wie sich der Wind gedreht hat. Immerhin ist Turin dabei, auf dem zwölf Kilometer langen Streifen, auf dem früher die jetzt unter die Erde gelegten Eisenbahnen durch die Stadt fuhren, architektonisch attraktive, eben trendy Wohn- und Geschäftsviertel zu schaffen.
So etwas wird eifersüchtige Mailänder wie Regierungschef Silvio Berlusconi bestimmt nicht freuen. Der Premier, der den Spielen bis zur Abschlussfeier die kalte Schulter gezeigt hat und dann ausgepfiffen wurde, möchte die Olympischen Sommerspiele 2016 in seiner Heimatstadt ausgetragen sehen.
Nicht ganz vergessen ist, dass sich Berlusconis Regierung knauserig gezeigt hat und Turin jetzt erst einmal auf einem Schuldenberg von 41 Millionen Euro sitzt. Der aber, nachdem alles bestens gelaufen ist, nicht sonderlich drückt. Die Stadt erwartet sich wie die früheren Olympiastädte Barcelona (1992) oder München (1972) einen großen Sprung nach vorn.
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