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Wo bleibt die Ethik in der Marktwirtschaft?
09. August 2004 | 11:00

Salzburger Hochschulwochen beschäftigten sich mit den Chancen des Christlichen in einer ökonomisierten Welt

FRanz Mayrhofersalzburg (SN). Bedeutet der allenthalben feststellbare Abschied von der Sozialen Marktwirtschaft den Abschied auch von der Ethik? Die Salzburger Hochschulwochen gehen der Frage nach.

Ursprünglich eingebettet in christliches Verständnis von Mensch und Gesellschaft, stand die Soziale Marktwirtschaft für den Versuch, Marktwirtschaft - also den Austausch der Güter im freien Wettbewerb über den Markt - mit sozialen Gesichtspunkten zu verbinden, die bei Freier Marktwirtschaft gefährdet sein können - zum Beispiel Preiskontrolle im Wohnungswesen und bei lebenswichtigen Nahrungsmitteln. In der Zwischenzeit verabschiedet man sich weltweit von der Sozialen Marktwirtschaft, der Neoliberalismus feiert Urstände. Dies umreißt knapp die Situation, die für die Salzburger Hochschulwochen Anlass war, die "Chancen des Christlichen in der ökonomisierten Welt" zu suchen. Denn die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auf. Von den etwa sechs Milliarden Menschen leben fünf Milliarden in unterentwickelten Ländern. Ein Drittel der im Wohlstand lebenden Menschen sind Christen.

Einen ersten Scheinwerfer richtet Papst Johannes XXIII. 1961 mit seiner Enzyklika "Mater et Magistra" auf dieses "Schwerstwiegende Problem unserer Zeit". Das Zweite Vatikanische Konzil nahm in der Pastoralkonstitution "Kirche und Welt" diese Problematik abermals auf - die Diskussion um die Kirche der Armen und die lateinamerikanische Befreiungstheologie war gerade in vollem Gang - und sagte deutlich, dass das, was die Erde enthält, also die Ressourcen, "zum Nutzen aller Menschen und Völker bestimmt" sei.

Bei den Salzburger Hochschulwochen war es der Generaldirektor der Raiffeisenbank Salzburg, Manfred Holztrattner, der zum Thema Arm und Reich einiges sagte. Denn in einem genossenschaftlich organisierten Unternehmen, das seinen Mitgliedern verpflichtet ist, sieht man im gegenwärtigen Wirtschaften eine falsch verstandene Form der Marktwirtschaft.

"Reiche werden immer reicher und Freche immer frecher", meinte Holztrattner im SN-Gespräch, aber wenn man meine, man könne nichts dagegen tun, "so ist das sicher das falsche Rezept". Vertrauen, Ehrlichkeit, Verlässlichkeit seien im internationalen Wirtschaftsleben kaum noch zu erkennen. "Braucht man das noch, wenn einem der Erfolg Recht gibt?", wurde gefragt.

Die Folgen dieser Form des Wirtschaftens sieht der Raika-Chef pessimistisch: Als Staatsbürger und Steuerzahler, als Europäer und Weltbürger trage er diese neoliberalen Entwicklungen nicht mit. "Es ist eine neue moralische Kompetenz in Politik und Wirtschaft zu entwickeln. Deregulierung, Privatisierung und Liberalisierung haben alle Schleusen geöffnet." Also für den Christen eine Chance, die Initiative zu ergreifen?

Es scheint so zu sein. Die Länder Europas haben diese Möglichkeit, so Erhard Busek, Koordinator der Southeast European Cooperative Initiative, in einer Diskussion mit der ehemaligen Präsidentin des Deutschen Bundestages, Rita Süssmuth. Denn die Diskussion um die christliche Soziallehre sei viel zu schwach; die Caritas decke wohl Lücken in der Sozialpolitik, doch das allgemeine Bewusstsein, auch die Frage, was vom Bürger verlangt werden könne, sei dürftig ausgeprägt.

Mittelständische Betriebe machen in Mitteleuropa etwa 98 Prozent der Unternehmen aus, zwei Prozent sind den Weltkonzernen zuzurechnen. Die Diskussion um Managergehälter, Fusionen, Manipulation von Aktien durch Kündigungen, Freisetzung von Mitarbeitern in der Kategorie über tausend - sie betreffen in aller Regel diese zwei Prozent. Wie Sozialverträglichkeit im Umgang mit Mitarbeitern möglich ist, zeigten in einer Diskussion Claus Hipp (ökologischer Landbau für die Babynahrung) und P. Anselm Bilgri aus Andechs (u. a. Brauerei). Dabei kann es auch dem Betrieb einmal schlechter gehen, wie Hipp rundweg zugestand.

© SN/APA.

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