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Es gibt keine Regel, die eindeutig den Zeitpunkt bestimmt, zu dem den Einzelnen das Entsetzen über sein fortschreitendes Alter packt. Stark verbreitet ist etwa die Verzweiflung über das Erreichen des dreißigsten Geburtstages, wenn auch viele diese Schwelle ohne Schmerzen überschreiten, aber stattdessen zum vierzigsten in eine schwere Krise verfallen.
Alle diese Krisen haben eines gemeinsam: Sie schärfen das Bewusstsein für die jeweils nächste und übernächste und vor allem für die ultimative Krise. Und diese wird selten mit dem endgültigen Abgang verbunden, da das Erkennen der Endlichkeit erst sehr spät eine Rolle zu spielen beginnt.
Die ultimative Krise ist der sechzigste Geburtstag, der seit Jahrhunderten als Pforte zum Alter verstanden wird. An diesem Tag werde, so vermeinen die Jüngeren, alles anders. An diesem Tag muss definitiv von der Jugend Abschied genommen werden.
Hier sei die Behauptung gewagt, dass die Diskussionen über ein höheres Pensionsantrittsalter durch den Fetisch-Charakter des Sechzigers bestimmt werden.
Es nützt nichts, wenn kluge Leute wie der Bevölkerungsexperte Bernd Marin nicht müde werden, die entscheidenden Faktoren zu betonen. Die Tatsache, dass die Lebenserwartung heute bei achtzig und darüber liegt, dass folglich ein Pensionsantritt zum Sechziger oder sogar früher nicht einzusehen ist, wird nicht zur Kenntnis genommen. Dass derart lange Pensionszeiten nicht zu finanzieren sind, interessiert nicht. Auch der Umstand, dass die meisten Pensionisten viel gesünder und glücklicher wären, würden sie noch arbeiten, findet keine Beachtung.
Nicht, weil diese Faktoren unbekannt wären. Nein, weil sie Menschen mitgeteilt werden, die eben den Dreißiger, den Vierziger oder gar den Fünfziger verwinden müssen. Die runden Geburtstage haben die schreckliche Eigenschaft Epochen zu markieren. Die Betroffenen werden von der Umwelt in Alterskategorien eingeordnet und übernehmen meist selbst widerwillig, aber doch diese Zuweisung. Auf die Kategorie "Über sechzig" will keiner angesprochen werden.
Und wenn dieser schreckliche Schicksalstag nun denn nicht und nicht vermeidbar sei, so möge er auch mit der Befreiung von allen Lasten verbunden sein. Dann eben Pension!
So lange der Sechziger gemeinsam mit allen anderen runden seinen Fetisch-Charakter nicht verliert, wird, wie auch in dieser Woche, jede Überlegung, das Pensionsantrittsalter anzuheben, wütende Proteste auslösen.
Das Pensionsproblem ist nicht mit Versicherungstechnik zu lösen. Notwendig ist die Entdeckung des Lebens als einen offenen Prozess, der ständig neu zu gestalten ist. In diesem Prozess ist nun einmal nur der Start bekannt, aber nicht das Ende, das Ablaufdatum. Das Hochstilisieren der runden Geburtstage zu Ablaufdaten, zu kleinen Abschlüssen, macht den Sechziger zu einem ultimativen Endpunkt.
Einem Endpunkt, dem im Schnitt noch zwanzig Jahre folgen.
© SN/APA.
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