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Der Abschied von Karl-Heinz Grasser fällt vielen schwer. Das ist erstaunlich, wenn man seine Leistungen sachlich analysiert. Das tatsächliche Budget hat sich etwa so entwickelt, wie es die Prognose seines Vorgängers skizziert hat. Und abgesehen von der Illusion des Nulldefizits bleibt nur, dass der Staat weniger denn je funktioniert. Von der Finanzierungslücke im Gesundheitswesen bis zu den mageren Pensionen, von den Geldsorgen der Justiz bis zu den fehlenden Waggons der ÖBB und zum Rückstand im Straßenbau fügen sich die Elemente zu einem Bild: Es mangelt an allen Ecken und trotzdem wachsen die Schulden.
Nun könnte man meinen, dass die Wehmut nur den Nutznießern der auf 25 Prozent gesenkten Körperschaftsteuer Tränen in die Augen treibt. Dies wäre noch nachvollziehbar, ist aber nicht der Fall. Landauf, landab wird der Abgang in allen Bevölkerungsgruppen bedauert. Womit sich Grasser als bemerkenswertes Phänomen erweist. Dies wird auch durch seine Wirkung auf einige Persönlichkeiten unterstrichen. So faszinierte Grasser zuerst Jörg Haider, gewann später die unbedingte Zuneigung von Wolfgang Schüssel und erfreut sich der unverbrüchlichen Treue von Hans Dichand.
Gelegentlich wird Grassers Wirkung auf Frauen betont. Dies mag auch zutreffen, doch erweist er sich, wie Haider, Schüssel und Dichand zeigen, vor allem als der erträumte Sohn. Als jener Sohn, auf den man stolz sein kann, ohne selbst in Frage gestellt zu werden. Hier zeigt sich, dass auch ein anderer Vergleich dem Phänomen nicht gerecht wird: Die Tatsache, dass Grasser im Alter von zweiunddreißig Jahren Finanzminister wurde, erinnerte an Hannes Androsch. Androsch galt als Ziehsohn von Bruno Kreisky, dessen Liebe sich aber in blanken Hass verwandelte, als ihn sein Schützling in den Schatten stellte.
Diese Gefahr besteht bei Grasser nicht. Er bleibt der Jüngling, das Weltkind, das seinen Gönnern Freude macht. Und nicht nur seinen Gönnern. In der Bevölkerung entspricht der nette, junge Mann mit dem ernsten Auftreten und dem gewinnenden Lächeln dem Idealbild eines Finanzministers. Auch spricht er einfache Sätze, die nur eine Botschaft zum Inhalt haben: Es fehle an Geld und er müsse daher auf die magere Staatskasse besonders gut aufpassen. Womit sich die große Mehrheit der Bevölkerung angesprochen fühlt.
Das ist endlich ein Politiker, der nicht mit komplizierten wirtschaftspolitischen Botschaften den vermeintlich gesunden Hausverstand verwirrt. Ein Politiker, der begeistert, attraktiv ist in des Wortes lateinischer Behauptung: anziehend. Und so findet er gleich den legendären Rattenfängern aus den Sagen von Hameln und Korneuburg eine willige Gefolgschaft.
Karl-Heinz Grasser verlässt die politische Bühne, ohne größeren Schaden angerichtet zu haben. Seine Wirkung sollte aber daran erinnern, dass in der Politik eine nicht näher definierbare Ausstrahlung, eine sachlich falsche, aber überzeugend wirkende Botschaft einzelne Persönlichkeiten mit einer bedenklichen Macht ausstatten. Einer Macht, die diese auch missbrauchen können. Der Rattenfänger ist ein politischer Typus.
© SN/APA.
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