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SALZBURG-STADT (SN, APA). In ihrer ersten Pressekonferenz appellierten neun der zehn befreiten österreichischen Sahara-Geiseln in der Salzburger Residenz am Montag an die Entführer der zweiten Touristen-Gruppe, das Leben der 15 Europäer zu schonen. Ingo Bleckmann bedankte sich nicht nur für die gelungene Befreiung am vergangenen Dienstag beim algerischen Militär, sondern auch bei den Entführern für deren Fairness.
Die insgesamt etwa 30 Geiselnehmer seien während der Befreiungsaktion, als der erste Schuss gefallen war, zum Schutz der 17-köpfigen Gruppe sofort weggerannt, sagte Bleckmann. "Da sie sich in unmittelbarer Nähe zu uns aufgehalten haben, hätten sie uns auch als Schutzschilder verwenden können." Die Entführer seien keine brutalen Terroristen wie in Marokko, sondern eine andere, wesentlich menschlichere Gruppe gewesen. "In den 52 Tagen hat sich zwischen uns fast ein Freundschaft entwickelt."
Im Verlauf des Pressegesprächs wurden auch nähere Details über die Befreiung der ersten Gruppe bekannt. Es habe einen massiven, mehr als eine Stunde dauernden Schusswechsel gegeben. Johann Ruppnig konnte von einer Felsspalte aus drei Hubschrauber beobachten, die über ihnen kreisten. Die Entführer hätten außer Kalaschnikows ein Maschinengewehr und noch einige primitive Gewehre besessen. Ein Mann habe noch drei oder vier Raketenwerfer gehabt. Ob es Verletzte oder Tote gegeben hat, konnten die Österreicher nicht beobachten.
Die Geiselnehmer hätten die Europäer auf das große Unrecht bei der Wahl in Algerien im Jahr 1992 aufmerksam machen wollen, als mehr als 80 Prozent der Wähler zu Gunsten des Islam gestimmt hätten. Das algerische Militär habe das Wahlergebnis aber nicht gelten lassen, zitierte Ingo Bleckmann ein Gespräch mit den Entführern. "Wir geben durch euch der Regierung ein Signal, dass sie unser Feind ist", hätten die Geiselnehmer auf Französisch erklärt.
Vor 54 Journalisten und neun Kamerateams aus dem In- und Ausland erklärten
sieben der acht Salzburger und die zwei Tiroler, dass es ihnen gesundheitlich
gut gehe und sie noch keine psychologische Betreuung in Anspruch genommen
hätten. Reiseleiter Gerhard Wintersteller (63), der nach einem Streit unter
den Salzburger Geiseln durch sein Erscheinen auf der Pressekonferenz die
angeblich wiedergewonnene Einheit der Gruppe demonstrierte, gab an, seine
Tochter Sabine (41) werde im Krankenhaus behandelt.
Der Weg zurück in den Alltag dürfte für die meisten österreichischen
Geiseln noch etwas dauern. Derzeit müssten sie noch viele Eindrücke
verarbeiten, gaben die neun Heimkehrer an. "Ich habe durch den Medienrummel
noch keine Zeit gehabt, die Freude am Leben wieder umzusetzen", betonte etwa
der Tiroler Christoph Langes (32). Er bezeichnete die Zeit danach als
"Einstieg in ein zweites Leben".
Andere befreite Geisel, wie etwa der Computerspezialist Harald Galler,
strichen die positiven Seiten der 52 Tage dauernden Geiselhaft heraus. Jede
Kleinigkeit bringe den Menschen in der westlichen Welt gleich auf die Palme.
Man sollte sich ein großes Beispiel an den Entführern nehmen, deren einziger
Lebensinhalt der Glaube an Gott sei. Die Geiselnehmer hätten die Gruppe sehr
menschlich behandelt, einzig negatives Erlebnis sei gewesen, dass die Männer
bei der Gefangennahme (am 23. März 2003, Anm.) unter Vorhalt der Kalaschnikows
die Truppe gezwungen hätten mitzufahren. "Das Negative habe ich sehr schnell
vergessen, ich nehme nur die positiven Erlebnisse mit."
Sein Wertesystem sei nach dem Wüstendrama ein anderes geworden, betonte der
Tiroler Roland Mayr (33). Er bedankte sich bei seinem Dienstgeber, der ihm
noch Freiheiten gebe. Auch Annemarie Kienberger (45) denkt noch nicht daran,
wieder in den Arbeitsprozess einzusteigen. Sie will mit ihrem Mann Johann
(55) sobald wie möglich wieder in die Natur hinaus. Gewohnheitsbedürftig sei
nach der geglückten Befreiung die "brachiale Gewalt an Eindrücken" in der
Heimat, meinte Ingo Bleckmann (60). Nach drei Stunden Reden werde er immer
noch sehr müde.
"Nicht mehr so in den Tag hinein" lebt jetzt Andreas Bleckmann, der
25-jährige Sohn von Ingo Bleckmann. "Wie ein Dreijähriger entdecke ich die
Welt neu." Da die Entführer immer wieder betont hätten, das Leben der Geiseln
zu schützen, habe er ein gutes Gefühl, dass die Männer die Geiseln der zweiten
Gruppe ebenfalls nicht töten würden. Sie hätten die 15 europäischen Urlauber
zwar nie gesehen, die Geiselnehmer seien aber mit den anderen, etwa 30
Entführern jeden zweiten oder dritten Tag in Funkkontakt gestanden.
Die befreiten Geiseln bedankten sich bei Ingo Bleckmann für sein
geschicktes Verhalten den Entführern gegenüber. Bleckmann, der gut französisch
spricht, habe immer wieder betont, dass man "eine Idee nicht mit Waffen,
sondern mit friedlichen und demokratischen Mitteln durchsetzen kann". (Bild: SN/Kolarik)
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