| So sieht der Katholik aus, wie ihn sich Papst Benedikt XVI. in Deutschland häufiger wünscht. Andreas von Tein steht gut 200 Meter von dem auf dem Altarhügel predigenden Papst entfernt, gegen die Sonne von einer Kappe geschützt. "Ad gentes" steht darauf, "zu den Leuten". Der 36-jährige bekennt sich damit freimütig wie es in der deutschen katholischen Kirche selten ist zur Missionierung.
Und genau das fordert der Papst von seinen Landsleuten. Die Evangelisierung müsse vorangehen, predigt er am Sonntag in München vor 250.000 Gläubigen. Die von viel bayerischer Folklore begleitete Papst-Reise in seine alte Heimat beginnt also mit einer bemerkenswert klaren Botschaft.
"Ist er schon da, mach' schon, ich kann nicht mehr": Die kleine Messdienerin schwitzt und stöhnt, weil das Papamobil noch immer nicht zu sehen ist. Kein Wunder, auf den Schultern der Zehnjährigen sitzt ihre Freundin, ebenfalls im Messdienergewand. Mit ihrer kleinen Pocket-Kamera will das Mädchen ein Foto vom Papst schießen, was ihr aber erst nach weiteren quälenden Augenblicken für ihre Trägerin gelingt.
Mit "Benedetto, Benedetto"-Rufen begrüßen die Gläubigen auf dem Freigelände neben den Münchner Messehallen den Papst zum Gottesdienst. Eine bunt gemischte Gemeinde ist dort zusammen gekommen, viele - dem bayerischen Charakter der Papst-Reise angemessen - im Trachten-Look.
Ein ganz normaler Gottesdienst wie in den Pfarreien solle es sein, sagt eine Frau aus dem Vorbereitungsteam. Vom groben Ablauf her mag das stimmen. Aber schon die anwesenden 60 Bischöfe und Kardinäle zeigen den besonderen Stellenwert. Und der entspannt wirkende Papst versucht dem von vielen ausgemachten "historischen" Charakter seines Besuchs auch mit einer Predigt gerecht zu werden, die wahrscheinlich noch einige Jahre nachhallen wird. Denn im Gegensatz zum Besuch beim Weltjugendtag in Köln vor einem Jahr mit seinem internationalem Anstrich nutzt er in München die Gelegenheit, sich voll und ganz seinem Heimatland zu widmen.
Schmeichelhaft ist dabei nur zum Teil, was der Papst sagt. "Die katholische Kirche in Deutschland ist großartig durch ihre sozialen Aktivitäten, durch ihre Bereitschaft zu helfen, wo immer es not tut", lobt Benedikt. Aber diese Großzügigkeit ist dem Papst zu wenig. Er zitiert einen afrikanischen Bischof, um seine eigenen Gedanken auszudrücken: "Wenn ich in Deutschland soziale Projekte vorlege, finde ich sofort offene Türen. Aber wenn ich mit einem Evangelisierungsprojekt komme, stoße ich eher auf Zurückhaltung." Die Evangelisierung - also die Besinnung auf die Bibel und gleichzeitig auch eine Missionierung noch nicht Gläubiger - will der Papst wieder stärker in Deutschland sehen. "Das Soziale und das Evangelium sind nicht zu trennen."
Dem Mann mit der "Ad gentes"-Mütze spricht Benedikt damit aus dem Herzen. Von Tein steht in einem auffälligen Pulk: Er ist Mitglied des Neokatechumenats, von dem etwa tausend Mitglieder aus ganz Deutschland nach München gekommen sind. Die Mitte der 60er Jahre in Spanien gegründete Bewegung will die Menschen wieder zur katholischen Kirche missionieren und ähnelt freikirchlichen Bewegungen in der evangelischen Kirche. Zu der Gruppe gibt es viele kritische Stimmen aus der Kirche - der Papst aber sieht sie positiv. Denn die Bewegung entspricht voll und ganz dem vom Papst in seiner Predigt erhobenen Forderungen.
Wenn sie den Papst ernst nehmen, dann müssen die deutschen Bischöfe jetzt darauf achten, den Missionierungsansatz wieder stärker zu pflegen. Dass das in Deutschland nicht einfach ist, weiß der Sprecher des Münchner Kardinals Friedrich Wetter, Winfried Röhmel. Es gebe hierzulande eine gewisse Scheu, sich zu bekennen: "Diese Scheu will er uns eigentlich nehmen", sagt Röhmel über den Papst. Im Gegensatz zu früheren Zeiten fordert Benedikt XVI. aber für die Gegenwart eine durchaus dezente Art der Missionierung: "Wir drängen diesen Glauben niemandem auf. Der Glaube kann nur in Freiheit geschehen."
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