| Im Karikaturenstreit haben die USA einen Fensterplatz - erstmals sind nicht sie, sondern die Europäer in der arabisch-islamischen Welt Zielscheibe von Wut, Hass und Gewalt. Neben aller offiziellen Solidaritätsbekundungen der US-Regierung mit Dänemark gerät die Auseinandersetzung zu einer kleinen Lehrstunde in Sachen Einwanderungspolitik, Umgang mit Minderheiten und mit freier Meinungsäußerung.
Gute Zeitungen ließen sich bei der Auswahl ihrer Bilder vom Neuigkeitswert leiten, heißt es beispielsweise in der "Washington Post". Medien würden in der Regel Abstand nehmen von mutwilligen Angriffen auf religiöse Symbole, zumal die Karikaturen leicht mit Worten zu beschreiben seien, begründet die "New York Times", warum sie wie andere US-Zeitungen die Nachdrucke nicht ins Blatt hob.
Der frühere US-Präsident Bill Clinton warnte die Europäer vor wachsenden antimuslimischen Vorurteilen als Nachfolge des historischen Antisemitismus. Clintons früherer Botschafter für Religionsfreiheit Robert Seiple ging noch einen Schritt weiter und ermahnte die Europäer in einem Interview mit der türkischen Zeitung "Zaman", ihre Lektion aus der Geschichte zu lernen. Auch Karikaturen hätten zum späteren Holocaust beigetragen.
"Wir glauben beispielsweise, dass Menschen verschiedener Religionen, Volksgruppen und Nationen zur Stärke unseres Landes beitragen", sagte Außenamtssprecher Sean McCormack mit unverkennbarem Blick auf die Integration von Ausländern.
Die Lösung für Europa sei eine multikulturelle Gesellschaft, heißt es in einem Kommentar in der "Washington Post". Selbst jene, die damit nicht einverstanden seien, sollten zumindest in Erwägung ziehen, dass "unreife" Karikaturen des Propheten Mohammed nicht der beste Beginn für einen konstruktiven Dialog seien.
In ihrer Reaktion durchlief die US-Regierung seit Freitag mehrere Phasen. Am Freitag sagte Sprecher McCormack erst auf Nachfrage, dass die US-Regierung die Nachdrucke beleidigend finde. Am Samstag verurteilte das Weiße Haus dann die gewaltsamen Proteste in Damaskus auf das Schärfste und versicherte Dänemark seiner Solidarität. Am Montag fragte ein Korrespondent McCormack, ob die US-Regierung für einen standhaften Verbündeten im Irak und in Afghanistan wie Dänemark außer netten Worten auch Taten übrig habe. Die US-Regierung bat jetzt Saudiarabien, die aufgeheizten Gemüter in der Region zu beruhigen.
Die größte Muslim-Organisation in den USA, der Council on American-Islamic Relations (CAIR), richtete die Botschaft an ihre Glaubensbrüder weltweit, dass es anders geht. Effektiver als Proteste sei es, sich mit Briefen an Politiker zu wenden oder Gespräche mit Botschaftern zu führen, sagte Sprecherin Rabaih Ahmed. Gewalt sei schlichtweg inakzeptabel. Nach den Worten von Ahmed hat zum Ausbruch der Proteste die Wahrnehmung vieler Muslime beigetragen, dass der Westen Feindseligkeiten gegenüber dem Islam hege und nach dem Prinzip verfahre: "Wir können Euch beleidigen. Wir können tun, was immer wir tun wollen."
Der Fokus des Streits könne ganz schnell auf die USA als Führer der westlichen Welt zurückfallen, schreibt die "Washington Post". Bushs Gerede von Freiheit und universellen Rechten und seine gleichzeitige Unterstützung für korrupte Diktaturen in Ägypten, Jordanien, Saudiarabien und Pakistan trage zum Gefühl der Muslime bei, dass sie angegriffen würden und helfe, den Fundamentalismus zu stärken.
(Von Hans Dahne/dpa)
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