| Tonnen von Stahlbeton stürzten in Obertauern in ein Hotel. Dass niemand starb, gilt als Wunder. Nun werfen sich Baufirma und Statiker grobe Fehler vor.
christian rescheva hammereruntertauern (SN). Das Unglück in Obertauern begann mit einem großen Knall und endete mit ebenso lauten Schuldzuweisungen der Beteiligten. Am Montag um 5 Uhr früh stürzte eine bis zu sieben Meter hohe, 40 Zentimeter dicke Betonmauer hinter dem Hotel Tauernkönig in Obertauern zusammen.
Die tonnenschwere Stahlkonstruktion durchschlug die Wand des Personaltrakts, Trümmer ergossen sich in die Wohnbereiche. Angestellte wurden in ihren Betten "teils bis zum Hals verschüttet", wie Hotelier Bernhard Lürzer berichtet. 40 Feuerwehrleute, 20 Sanitäter und vier Notärzte standen im Einsatz. Dass keine Todesopfer zu beklagen waren, betrachten die Beteiligten als "Osterwunder". Vier leicht Verletzte wurden in das Krankenhaus Tamsweg gefahren.
Wie das massive Bauwerk ohne Vorwarnung über dem Hotel zusammenbrechen konnte, muss nun ein Gerichtssachverständiger klären. Der soll heute, Dienstag, das Gelände begehen.
Bürgermeister Johann Habersatter sagt, die Gemeinde sei als Behörde nicht zuständig - die BH St. Johann habe den Bau bewilligt. Dort geht man davon aus, dass Kollaudierung und Bewilligung korrekt erfolgt seien.
Sehr wohl beteiligt sind Baumeister und Statiker. Sie sehen die Schuld an dem Vorfall beim jeweils anderen.
Bauherr Lürzer hatte die Mauer 2003 gemeinsam mit dem Hotel errichten lassen. Sie diente als Stütze gegen den Hangdruck des angrenzenden Grünwaldkopfes. Seit Jahren brodelt ein Rechtsstreit um die Abrechnung des Baus, auch die Qualität der Ausführung soll nicht unumstritten gewesen sein. Ein Verfahren zwischen Lürzer und Herbert Bogensperger, Chef der gleichnamigen Baufirma aus St. Michael, ist gerichtlich anhängig.
Bogensperger wurde 2003 mit der Ausführung beauftragt. Wenig später traten Risse im Mauerwerk auf, der Salzburger Sachverständige Hans-Dieter Reichl verfasste ein Gutachten. Dessen Inhalt wird jedoch höchst unterschiedlich interpretiert.
Viel zu wenig Stahl in der Betonmauer Einigkeit herrscht nur über Eines: Im Stahlbeton der Mauer sei bei Weitem zu wenig Stahl verwendet worden. Daher war die Belastbarkeit viel zu gering.
Baumeister Herbert Bogensperger meint im Gespräch mit den SN: "Ich habe alles exakt so ausgeführt, wie der Statiker dies vorgeschrieben hat. Daher trifft mich keine Schuld. Das Gutachten des Herrn Reichl bestätigt, dass der Stahlanteil im Beton zu gering war. Ich habe die falschen Vorgaben von Statiker und Bauherrn nur ausgeführt. Der Statiker wurde von Hotelier Lürzer beauftragt." Einem kommenden Gerichtsverfahren sieht Bogensperger gelassen entgegen.
Anders die Darstellung des betreffenden Statikers, Johann Lienbacher. Er ist Zivilingenieur für Bauwesen in Salzburg. "Ich habe mir den Unglücksort bereits angeschaut. Ich sage nur: Hier wird es noch ein Verfahren geben. Da ist bei Weitem nicht so viel Stahl drinnen, wie ich vorgegeben habe. Die gesamte Geometrie entspricht nicht meinen Angaben. Wäre die Mauer korrekt ausgeführt worden, wäre garantiert nichts passiert." Bogensperger habe vom Sachverständigen Reichl schon lange den Auftrag gehabt, seine "Versäumnisse nachzubessern."
Dennoch räumt Lienbacher ein: "Ob der Hangdruck eventuell zu hoch oder zu niedrig eingeschätzt wurde, darüber streiten sich die Experten."
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