| Der Druck auf die Süßwaren-Erzeuger steigt. Übergewicht wird zum Thema, Dickmacher sind verpönt. Die Branche setzt auf Selbstregulierungen.
Regina ReitsamerSalzburg (SN). In der Lebensmittelbranche herrscht Aufruhr. Dicke Kinder und übergewichtige Erwachsene werden immer mehr zum Thema. Die Industrie gerät unter Zugzwang. Masterfoods preschte zuletzt vor. Ob Mars, Twix oder Milky Way - der Schoko-Konzern wird seine Produkte nicht mehr bei Kindern unter 12 Jahren bewerben.
Die großen Konzerne wie Masterfoods, Kraft, Nestlé oder Coca Cola, hätten sich zusammengeschlossen und sich Selbstregulierungen auferlegt, sagt Gerda Strass-Hortwig, Sprecherin von Masterfoods Austria. Vor allem die Kennzeichnung von Lebensmitteln solle eindeutiger werden. Innerhalb der nächsten drei Jahre werde etwa auf jedem Mars-Riegel schon vorn auf der Verpackung stehen, wie viel Kalorien er enthalte, und wie viel des Tagesverbrauchs das ausmache.
Auf Werbung für Kinder verzichte Masterfoods in Österreich schon jetzt - im übrigen ohne Umsatzeinbußen. Anlass dafür seien Konsumentenwünsche gewesen, so Strass-Hortwig. Gerade beim Kinderprogramm seien vielen Eltern die zahllosen Schokolade-Werbungen zuwider. Zwar liege der Grund für Übergewicht bei Kindern "sicher nicht an zu vielen Mars-Riegeln, sondern eher an zu langer Zeit vor Fernseher und Computer und zu wenig Bewegung", betont Strass-Hortwig. "Wir wollten aber die Debatte um das Übergewicht ein bisschen aus dem Fokus nehmen."
Nicht zufällig, denn in der EU wird über das Thema derzeit heiß diskutiert. Überlegt wird, Dickmacher künftig mit einer auf der Packung aufgezeichneten Ampel klar erkennbar zu machen: Rot für viel Fett und Zucker, grün für wenig. In England gibt es das schon.
In Österreich laufe die Industrie gegen dieses "diskriminierende System" Sturm, heißt es in der Wirtschaftskammer. Auch ein zweiter Vorschlag sorgt für Aufruhr: Über einen Kodex der Fernsehsender könnte Werbung für besonders Süßes und Fettes im Kinderfernsehen untersagt werden. Ab Juli gibt es strengere Regeln für die Bewerbung von Lebensmitteln als "fettarm" oder "reich an Ballaststoffen".
"Verbote allein nützen nichts", meint Andreas Nentwich, Sprecher von Nestlé Österreich (Smarties, KitKat). Schokolade an sich sei ja nichts Böses. Nestlé setze daher auf Aufklärung und informiere genau über die Inhaltsstoffe.
"Entscheiden muss der Konsument", sagt auch Strass-Hortwig. Daher habe man die Altersgrenze 12 bei Werbung eingezogen. "Studien zeigen, dass Kinder mit vier, fünf Jahren zwischen Programm und Werbung nicht unterscheiden können. Erst mit zwölf ist ihnen ganz klar, was Werbung ist."
Vermeintlich gute von schlechten Lebensmitteln durch eine Ampel-Regelung zu unterscheiden, sei auch ernährungswissenschaftlich "Unsinn", meint Bernd Rößler, Sprecher von Storck (Nimm2, Toffifee, Merci). Storck mache im übrigen keine Werbung, die sich direkt an Kinder wende, betont er.
Für die Konsumentenschützer ist die Selbstregulierung ein erster Schritt. "Kinder fahren total auf Werbung ab", meint Nina Siegenthaler vom Verein für Konsumenteninformation (VKI). Werbung im Kinderfernsehen und irreführende Angaben über vitaminreiche Zuckerl und fettarme Cerealien (die dafür Unmengen von Zucker enthalten) sind dem VKI schon lang ein Dorn im Auge. Bisher meist ohne Erfolg. Einziger Sieg bislang: Fruchtzwerge dürfen nicht mehr als "zuckerfrei" beworben werden. "Sie enthalten jede Menge Fruchtzucker, und der ist, gerade wenn er zugesetzt ist, nicht gesünder als Zucker", sagt Siegenthaler.
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