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Wirtschaft

Nichtwissen ist tabu

22. Jänner 2007


Werden oder sind wir eine Wissensgesellschaft? Wie verändern sich die Unternehmen? Trendforscher Joseph Scheppach setzt jedenfalls auf die Frauen.

Karin ZAUNER Interview "Um die nächste Hürde der Informationsgesellschaft bewältigen zu können, benötigen wir ein neues Verständnis der kulturellen und sozialen Dimension von Technik. Eine Evolution von High Tech zu Smart Tech", sagt Joseph Scheppach, Trendforscher am Zukunftsinstitut von Matthias Horx und Wissenschaftsredakteur beim "P.M.-Magazin". Scheppach ist auf Tendenzen in Beruf und Arbeitswelt spezialisiert.

Sind wir bereits eine Wissensgesellschaft oder sind wir erst auf dem Weg dahin? Scheppach: In den deutschen Schulen wird beklagt, es gebe zu wenige Computer. Doch wozu brauchen wir Computer, wenn der Lehrplan mit einer Postkutsche verglichen werden kann? Wir reden immer groß über Wissen in Unternehmen. Die Frage ist: Wie sollen wir lernen? Wer sagt, dass Kinder mit sechs Jahren lesen lernen und nicht programmieren. Müssen wir wirklich mit dem Erlernen von Buchstaben beginnen oder wären nicht auch Variationen von Technologien als Einstieg möglich? Was das Lernen der Zukunft anbelangt, sind wir noch immer beim Transportunternehmen des 19. Jahrhunderts. Das Potenzial der Kinder wird nicht in Bewegung gebracht. Warum stellen wir nicht konkret die Frage: Wie wollen wir lernen?

Viele haben heute das Gefühl, viel zu wissen und gleichzeitig immer weniger. Wo führt das hin? Scheppach: Je weiter wir etwa in der Nano- und Biotechnologie vordringen, desto mehr Nichtwissen wird sichtbar. Aber Nichtwissen ist kein Thema. In keiner Managementliteratur wird das aufgegriffen. Dabei haben Unternehmen strategisches und operatives Nichtwissen. Aber das ist ein Tabu. Man könnte allerdings auch offensiv mit Nichtwissen umgehen. Alle tun immer so, als wüssten sie alles. Aber hat Nichtwissen nicht auch einen Wert? Das wird nicht einmal untersucht.

Was bringen die Wissensmanager der Zukunft Neues? Scheppach: Durch eine bessere Informationsverarbeitung gibt es immer stärker die Möglichkeit, Kundenwünsche individuell zu erfüllen. Es wird eine andere Art von Kundenschnittstellen geben. Es reicht nicht mehr, ein Auto einer Marke anzubieten, das gleich aussieht wie zigtausend andere. Darum verkaufen ja Autokonzerne heute nicht nur Autos, sondern dazu Sicherheit, Mobilität und Navigation. Der neueste Begriff heißt übrigens digitaler Bohemien, er hat den Knowledge Worker, den Wissensmanager, abgelöst.

Und wie darf man sich den digitalen Bohemien vorstellen? Scheppach: Er arbeitet in Projekten, ist nicht fix angestellt und knüpft informelle Kontakte in Cafés.

Das hört sich sehr nett an, aber die Realität ist doch eine andere. Viele taumeln zwischen Projektarbeiten umher und können kaum ihr Leben damit finanzieren und ihre Zukunft absichern. Der Unsicherheitsfaktor ist groß. Scheppach: Ja, aber wo ist die Alternative? Es ist eine Möglichkeit, breiter zu werden anstatt eine Ausbildung zu machen und dann Arbeitslosenempfänger zu werden.

Was müssen die Unternehmen der Zukunft tun, um Wissen erfolgreich einzusetzen?"Wir müssen uns am Menschen orientieren, nicht an der Technik" Scheppach: Sie müssen begreifen, dass die Schnittstellen zu den Kunden das Wichtigste sind. Heuer wird die halbe Menschheit Handys besitzen. Die Firmen müssen versuchen, an die Kunden heranzukommen. Die Schnittstelle zwischen Mensch und Technik ist das Entscheidende. Die Technik ist es nicht, aber die Beziehung zum Kunden. Der Techniker schaut nur auf die Funktionalität, aber nicht auf den Kunden. Firmen brauchen eine Infrastruktur des Handelns und des Wissens. Die Bedeutung der Hardware wird abnehmen, die der Infrastruktur zunehmen. Die Firmen müssen mehr auf die Vernetzung schauen. Wenn wir heute noch darüber klagen, dass wir den DVD-Rekorder kaum programmieren können, ist etwas falsch gelaufen. Da hat jemand einen Dieselmotor an die Pferdekutsche geschraubt. Immer mehr und immer schneller, das ist nicht mehr entscheidend. Wenn wir im Dunkeln suchen, gehen wir natürlich dorthin, wo eine Laterne ist. Aber es ist Zeit, ins Dunkel zu gehen. Ich meine damit, dass wir Systeminnovationen brauchen. Und dazu dürfen wir uns nicht an der Technik orientieren, sondern müssen uns am Menschen orientieren. Diese Botschaft ist aber noch nicht so angekommen.

Was raten Sie jungen Menschen? Name: Sie sollen sich Zusatzqualifikationen aneignen, die sie nicht in den Schulen lernen. Kommunikationsfähigkeit und der Umgang mit Menschen ist das Wichtigste. Die fachliche Qualifikation wird er oder sie hinkriegen. Es ist aber viel wichtiger, dass ein junger Mensch mit einem Forscher so sprechen kann, dass der ihm etwas mehr als anderen erzählt. Mädchen und Frauen haben übrigens mehr Sozialkompetenz. Wir steuern auf eine Gesellschaft hin, in der die Frauen zu Recht die Oberhand haben. Sie sind teamfähiger und haben eine größere Kommunikationsfähigkeit. Ich würde mir übrigens wünschen, dass in Schulen, etwa im Englischunterricht, Glücklichsein oder Meditieren unterrichtet wird. Das würde wirklich viel bringen.

Wer sind die Profiteure der Wissensgesellschaft? Scheppach: Im Dienstleistungsbereich werden sich die Parameter verschieben, hier sind starke Zuwachsraten zu erwarten. Gleichzeitig werden Automaten Funktionen von Menschen übernehmen. Ein Beispiel verdeutlicht, was ich meine. Ein Flugticket kann ich mir selbst ausdrucken. Ich könnte die Dame, die bisher die Tickets ausgestellt hat, entlassen. Die bessere Möglichkeit ist, sie für die Betreuung der Kunden zu engagieren - für die Kinder der Fluggäste oder bei Verspätungen. Wir brauchen keine Menschen, die maschinenähnliche Tätigkeiten machen. Aber wir müssen den Servicesektor aufwerten.

© SN.

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