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Kultur

Eine Trilogie von Liebe, Leben und Tod

22. November 2006

Die drei Da-Ponte-Opern Mozarts aus einer Hand an drei Abenden: Mit einem Monsterprojekt in Amsterdam endet das Mozartjahr

KARL HARBAMSTERDAM (SN). Das unzertrennliche Regisseur-Dramaturgen-Gespann Jossi Wieler und Sergio Morabito dürfte mit seiner Annahme wohl Recht haben, dass es so etwas noch nicht gegeben hat. Nach fünfmonatiger Probenzeit brachten die beiden gemeinsam mit Opernchef Ingo Metzmacher in der "Nederlandse Opera" in Amsterdam von Freitag bis Sonntag die Trilogie der drei Da-Ponte-Opern von Mozart, damit das Zentrum seines musiktheatralischen Schaffens, in unmittelbar aufeinander folgenden Neuinszenierungen heraus.

Obwohl die monströse Unternehmung mit rund zwölfstündiger Aufführungsdauer (gesungen werden tatsächlich alle Nummern der drei Partituren) zeitlich nicht weit mit Wagners "Ring des Nibelungen" auseinander liegt, darf man das Projekt nicht vorschnell als eine Art "Mozart-Ring" klassifizieren. Dazu sind die jeweiligen Werkcharaktere zu einzigartig und zu unterschiedlich - weshalb für die Amsterdamer Premieren von Barbara Ehnes auch drei völlig divergierende Bühnen gebaut wurden. "Cosi fan tutte", womit die Trilogie dramaturgisch sinnfällig, aber entstehungsgeschichtlich mit dem spätesten Werk (1790) beginnt, spielt auf einer Ringelspiel-Drehbühne als tragischer Urlaubsflirt junger italienischer Pennäler und Backfische. "Don Giovanni" ist in einem surrealen Bettenlager angesiedelt, "Le nozze di Figaro", das zeitlich früheste Stück (1786), in einem eleganten Designerbetrieb für Automobile der Marke "Almaviva".

Die Hauptspielzeit von Regie und Ausstattung (mit Barbara Ehnes noch die exzellent kleidende Kostümbildnerin Anja Rabes) sind die späten fünfziger und frühen sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts, die Zeit des Wirtschaftswunders und der beginnenden Freizeitindustrie. Im "Figaro" erinnert daran dann nur noch der wie eine Trophäe ausgestellte grüne DKW-Oldtimer. Die Gesellschaft aber ist von heute - Geschäftsleute ohne Gefühl, außer für den Vorteil der eigenen Karriere.

Drei Ensembles: Oper als packendes Schauspiel Wieler und Morabito stellen in diesem Regiesystem unzählige subtile Querverweise her, sowohl in der Bild- und Zitatsprache als auch in der minutiös ausgetüftelten Personenführung, die die drei Opern zu aufregend gegenwärtigen Singschauspielen macht. Nach diesem Prinzip sind auch die Sängerinnen und Sänger typgerecht "gecastet": drei Ensembles (wovon sich in wichtigen Partien "Cosi fan tutte" und "Le Nozze di Figaro" überschneiden) mit exzellenter Bühnenpräsenz, aber leider auch unterschiedlichem Gesangsniveau. Die "Fallhöhe" zwischen einem "Traumpaar" wie Sally Matthews und Maite Beaumont als Fiordiligi und Dorabella oder kräftigen, virilen Sängerpersönlichkeiten wie Luca Pisaroni (Guglielmo und Figaro) oder José Fardilha (Leporello) und schwächer ausgeprägten Stimmtypen (wie dem Tenor Norman Shankle als Ferrando, dem Bariton Gary Magee in der "Doppelrolle" von Don Alfonso und Graf Almaviva oder Danielle de Niese als Despina und Susanna) ist doch beträchtlich.

Die orchestrale Seite bleibt im schwierig zu vereinheitlichenden Resümee der schwächste Punkt: Ingo Metzmacher, souverän im Umgang mit großen, komplexen Partituren der (Spät-)Romantik und klassischen Moderne (Nonos "Prometeo" in der Salzburger Kollegienkirche) findet keinen wirklich zielgerichteten Mozartton.

Das ist wohl auch Schuld des technisch hörbar schwächelnden Nederlands Kamerorkest (die Amsterdamer Oper hat ja kein hauseigenes Orchester). Insgesamt geht Metzmacher modest vor, besetzt mit "historischen" Blechbläsern, aber modernem, deutlich "stereophon" aufgestelltem Streicherapparat, versucht ohne Übertreibung Schwung zu machen, dem Ablauf theaterpraktische Zügigkeit zu geben. Am besten gelingt die szenisch-musikalische Korrespondenz im "Don Giovanni", dem die Regisseure eine (seltsamerweise heftig ausgebuhte) gedankliche Logik und spielerische Präsenz geben, wie ich sie so stringent und zwingend eigentlich noch nie erlebt habe.

"Don Giovanni", soschlüssig wie nie Der Mythos Giovanni wird lebendig in einer geisterhaften Erscheinung, die durch alle imaginären (Schlafzimmer-)Wände gehen kann, immer da ist, aber lustlos, weil sie alle Situationen schon hundertfach erlebt hat - bis auf eine: den erregend neuen "Quickie" mit Zerlina. Pietro Spagnoli singt und spielt das mit erschreckender, zynischer Klarheit. Da das Geschehen von Anfang an ins Surreale geführt, Giovanni einmal sogar ermordet wird, ist auch die "Auferstehung" des steinernen Gastes so konsequent wie nie - ebenso wie der logische Nicht-Untergang Don Juans, der als Prinzip alle und alles überlebt.

Nur anzudeuten ist hier, dass "Cosi fan tutte" von ebensolcher inhaltlichen Konsequenz und Verständlichkeit ist, dass Wieler und Morabito zuletzt aber mit einem schlaffen "Figaro" traurig abstürzen. Hier ist die Schichtung der Gesellschaft des 18. Jahrhunderts eben wirklich nur mit Krampf in eine moderne Fassung zu übertragen.Aufführungen bis 8. Jänner 2007. Termine: www.dno.nlEine detaillierte Beschreibung der Inszenierungen finden Sie unter dem Link: http://blogs.salzburg.com/mozart2006

© SN.

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