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Der Standpunkt: Eine Momentaufnahme, mehr nicht - und Schluss jetzt

07. September 2006

INGE BALDINGER

Fernseh- und Kamerateams aus der ganzen Welt, grauenhaftes Gedrängel, wilde Mutmaßungen, offene Drohungen und Fragen, Fragen, Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Pressekonferenzen mit dem Betreuungsteam von Natascha Kampusch waren die bestbesuchten Veranstaltungen der letzten Zeit. Und kaum einer dabei, der sich in diesem Wahnsinn wenigstens so viel Zeit genommen hätte, die junge Frau so zu titulieren, wie man jede junge Frau, die man noch nie gesehen hat, selbstverständlich titulieren würde: mit ihrem Nachnamen, Frau Kampusch. Für die ganze Welt ist sie Natascha, das Kind, das vor achteinhalb Jahren verschwunden ist.

Und jetzt das. Natascha als absoluter Quotenheuler des ORF, als Super-Cover-Story des Boulevards. Ein Albtraum.

Aber Hand aufs Herz: Wer von uns, auch die Sensibelsten, auch die alles Voyeuristische normalerweise Verabscheuenden unter uns - wer ist nicht vor dem Fernseher gesessen, um endlich ihr Gesicht zu sehen? Um endlich zu hören, was sie sagt und wie sie es sagt? Um ihre Körpersprache auf sich wirken zu lassen?

Was ist das? Die Faszination am Unfassbaren, nackte Neugier, bloßes Informationsbedürfnis? Gut oder böse? Schon wieder so eine Frage, auf die es viel zu viele Antworten gibt.

Glaubt man ihren Betreuern und Beratern, hat sich Frau Kampusch aus freien Stücken entschlossen, das zu tun, was man "den Stier bei den Hörnern packen" nennt. Sie hat sich für eine Momentaufnahme zur Verfügung gestellt. Sie hat einer außer Rand und Band geratenen Medien-Öffentlichkeit einen Blick unter ihren Panzer gestattet. Unter einen Panzer, der ihr während ihrer fast ihr halbes Leben dauernden Gefangenschaft überlebensnotwendig gewesen sein muss.

Es ist ihr zu wünschen, dass die so rasch kommende Öffnung in dieser für sie extrem verletzlichen Zeit tatsächlich das Gescheiteste war, was sie tun konnte. Was - wenn sie denn wirklich diesen Weg gehen wollte - zweifellos das Gescheiteste war, was sie tun konnte: von "Kronen Zeitung" und "News" zu kassieren. Es ist ihr zu wünschen, dass sie sich sehr, sehr teuer verkauft hat.

Und weiter? Einen Sinn hatte Frau Kampuschs Auftritt nur, wenn sie jetzt in Ruhe gelassen wird. Wenn ihr die Zeit gegeben wird, die sie braucht, um Schritt für Schritt mit dem Leben beginnen zu können. Denn auch wenn sie im Fernsehen klar, präzise, selbstbewusst und authentisch gewirkt hat: Was sagt das schon über ihren Seelenzustand aus? Sie wäre nicht die Erste, die der Welt eine Stunde lang eine beeindruckende Performance bieten kann - und danach kommt der Zusammenbruch. Sie wäre allerdings die Erste, die vor dieser Performance achteinhalb Jahre eingesperrt war.

Geben wir ihr die Zeit. Machen wir sie nicht noch einmal zum Opfer.

© SN.

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