| Sir Simon Rattle, die Berliner Philharmoniker, RIAS Kammerchor und Solisten interpretieren Bach
KARL HARBSALZBURG (SN). Sir Simon Rattle, Chef der Berliner Philharmoniker und damit auch Chef der Salzburger Osterfestspiele, hat das Zepter heuer fest und allein in der Hand. Diesmal besann er sich auch wieder auf die Tugend des obligaten Chor-Orchester-Konzerts, deren "strenge" Befolgung er in den vergangenen beiden Jahren zu Gunsten einer konzertanten Oper und der drei Britten-Tenor-Serenaden durchbrochen hatte.
In seiner Salzburger Ära hatte Rattle bisher für die Barockmusik auch Spezialensembles hinzugebeten. Jetzt aber Bach, die Johannespassion. Natürlich hat diese Aufführung schon äußerlich nichts mit seinerzeitigen romantisierenden Ansätzen in großer Besetzung zu tun. Rattle hat Erkenntnisse der so genannten Originalklangbewegung ganz selbstverständlich verinnerlicht, sie aber undogmatisch für "normale" Formationen adaptiert. Es ist heute ja durchaus wieder Usus, dass auch traditionelle Orchester zur vorklassischen Musik zurückfinden und sich in der gesamten Musikgeschichte kompetent auskennen: Das eine befruchtet durchaus das andere.
Also saß am Dienstag auf dem Podium des Großen Festspielhauses eine kleine Streichergruppe zur Linken des Dirigenten, ein reichhaltiges Continuo mit Orgel (Raphael Alpermann), Laute (Luca Pianca), Cello (Ludwig Quandt) und Kontrabass (Nabil Shehata) nebst Bass (mit Kontrafagott-Verstärkung) und Holzbläsern zur Rechten. Hinter dem Orchester hatten die rund 30 Sängerinnen und Sänger des formidablen RIAS Kammerchors Berlin Aufstellung genommen, davor die Solisten. Die Intimität der Besetzung erlaubte ein schlankes, transparentes Musizieren und Singen und eine außerordentlich wortbezogene, die Dramatik des Passionsgeschehens und ihre verinnerlichten Kommentierungen je nach Stimmung wechselnd beleuchtende Interpretation. Allein die unterschiedlichen Tempi und sinnbezogenen Dynamiken der Choräle müssten einzeln erzählt werden, um ihrer Vielfalt (und Farbigkeit) gerecht zu werden. Der Chorklang: durchsichtig, leuchtend, im Geflecht der Stimmen (Turba-Chöre) hell und pointiert.
Eigenwillig auch Rattles Orchestersolisten: Flöte und Oboe nicht "historisch", die konzertierenden gedämpften Sologeigen ebensowenig, aber stilistisch und klangrhetorisch makellos schön, dafür - in der Altarie "Es ist vollbracht" - eine wunderbar zart intonierte Viola da gamba. Die Altarien sang Michael Chance, ein erfahrener Altist, was die Farbe entschieden verändert.
Vokaler Kernpunkt war der Evangelist von Mark Padmore: mühelos hoch, schlank, perfekt erzählend und mit wunderbarer "Freiheit" im Vortrag. Padmore sang auch die Tenorarien mit großer Innigkeit. Die Jesus- und Pilatus-Worte wusste Thomas Quasthoff, der natürlich auch als Ariensänger eine Klasse für sich war, individuell und wandlungsreich zu positionieren. Susan Gritton hatte zwei ansprechende Sopranauftritte.
Rattle selbst schien wie verliebt in jede einzelne Szene, so sorgsam modellierend, wie er vorging. Er legte einen großen, zügigen, aber weit ausschwingenden Bogen über die Passion und gewann ihn aus der bestechenden Gewichtung und Akzentuierung der einzelnen Teile. Bach wurde ihm und den Zuhörern, zum lebhaften Gesprächspartner.
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