| Die Premiere von Claude Debussys "Pelléas et Mélisande" machte am Samstag im Festspielhaus Eindruck. Der Star sind die Berliner Philharmoniker.
KARL HARBSALZBURG (SN). Als Herbert von Karajan vor exakt vierzig Jahren in Salzburg seine Osterfestspiele eröffnete, hieß das Ereignis von Anfang an: Berliner Philharmoniker. Nie zuvor hatte das Luxusorchester in einem Opernhaus "gedient", und dementsprechend konnte Karajan, ganz Klangmagier und unterstützt vom offenen Raum des damals sieben Jahre alten Großen Festspielhauses, sein Orchester als den Protagonisten für Wagners "Ring des Nibelungen" positionieren. Seine Gegenthese zu Bayreuth bezog sich damals also auch auf den einzigartigen Bayreuther Mischklang, wie er dort vom nicht sichtbaren Orchester als unnachahmlicher "Klangteppich" den Sängern zu Füßen gelegt wird. In Salzburg sollten die Berliner Philharmoniker der Star, sollte das Orchester die Oper sein.
Vierzig Jahre später sind sie es immer noch, und mehr denn je kommt die unvergleichliche Wirkung dieses Ensembles in der diesjährigen Opernproduktion zur Geltung, die obligat am Palmsamstag Premiere hatte und nur noch einmal, am Ostermontag, hier zu erleben sein wird. Sir Simon Rattle setzte auf Debussys 1902 in Paris uraufgeführtes drame lyrique "Pelléas et Mélisande", das ohne Wagner nicht denkbar ist, zugleich aber die Gattung der Oper zur Moderne hin öffnet. In fünf Akten entwickelt sich eine märchenhaft mythische Dreiecksgeschichte zwischen dem Witwer Golaud, der im Wald das Mädchen Mélisande findet. Er verbindet sich mit ihr, aber Golauds Halbbruder, Pelléas, verliebt sich in die neue Frau, und als diese aus Unachtsamkeit ihren Ring in einem Brunnen verliert, nimmt die Tragödie der Eifersucht ihren Lauf.
Eine Lektion in subtilster Orchesterkultur Debussys musikalische Mittel erzeugen kein musikdramatisches Feuer im herkömmlichen Sinn. Er vertont Maurice Maeterlincks Text in einem neuartigen prosodischen Stil. Das Wort selbst wird zur Musik, der Gesang zur melodiösen Deklamation, zum singenden Sprechen oder sprechenden Singen. Dadurch entsteht ein großes vokal-orchestrales, in sich vielfältig abgestuftes Lineament, ein klangmusikalisch unendlich dahin strömender Fluss. Nicht eine äußerliche Handlung treibt die Geschichte voran. Das Orchester liefert auch nicht die Folie für stimmartistische Exzesse. Vielmehr geht es um eine unaufhörliche Verschränkung: Das Orchester wird zum Handlungs- und Charakterträger und erklärt die schmucklos und doch mit höchstem Raffinement gezeichneten Gesangslinien.
Hier lässt Rattle die Berliner Philharmoniker ganz in ihrem Element sein. Die fünf Akte addieren sich zu einer Lektion in unvergleichlich subtiler Orchesterkultur. Die Musiker suggerieren den Wald und den Brunnen, das Schloss und die Grotte, Liebe, Leidenschaft, Eifersucht und Tod. Sie spielen in traumschönsten Farben und mit einer Durchsichtigkeit sondergleichen alle Situationen und Stationen, Diesseits und Jenseits einer verwesenden, leblosen Gesellschaft, in die eine "Fremde" Farbe bringt. Die Kostüme von Raoul Fernandez betonen dies: wattierte, steife Gewänder wie für Weißclowns im Zirkus für die Gesellschaft von Allemonde, ein schlichtes rotes Kleid für die "Außenseiterin" Mélisande.
Simon Rattle moderiert und steuert die Vielfalt der subtilen Bewegungen, mischt die Valeurs auf einer schier unerschöpflichen Orchesterpalette und macht die Oper zum symphonischen Drama (oder zur dramatischen Symphonie).
Auf diesem präzise, aber auch wandelbar abgestuften Grund kann sich die Sprachmelodie (und die Melodiesprache) der Sänger auf das Vorteilhafteste entfalten. Angelika Kirchschlager singt ihre erste Mélisande mit betörendem Reiz auf der Grenze zwischen Naivität und Reife. Sie hat glänzende Farben und Stimmodulationen zur Verfügung, um kindliche Freude, Unbekümmertheit, Angst, Gefährdung, Sehnsucht, Schicksalsergebenheit und zuletzt eine Transzendenz im Übergang vom Leben zum Tod auszudrücken und mit einem Minimum an Gesten, Blicken, Kopfwendungen wunderbar natürlich zu beglaubigen.
Simon Keenlyside singt seine letzte Pelléas-Produktion und ist doch nie routiniert. Seine helle Stimme setzt er geschmeidig und, wo gefordert, mit heldischer Grundierung ein, ohne im mindesten grob zu werden. Das ergibt in Summe ein griffiges vokales Profil von plastischer Anschaulichkeit.
Famose Sänger in streng komponierter Regie Als Persönlichkeit von unerschütterlicher Statur, ist José van Dam, nur für die Premiere für den erkrankten Gerald Finley eingesprungen, eine Größe für sich. Weder an Präsenz noch an wie selbstverständlich zu Gebote stehendem stimmlichen Volumen, weder an tragfähiger, exakter Wortdeutlichkeit noch an musikalischem Ausdruck und klarer Diktion scheint dieser Bariton in seiner langen Karriere als Golaud etwas eingebüßt zu haben.
Robert Lloyd tritt als König Arkel mächtig auf, Anna Larsson lässt in der kleinen Rolle der Genevieve aufhorchen, und der Tölzer Solist als Kind Yniold ist von markanter Bühnen- und Stimmpräsenz.
Regisseur Stanislas Nordey arrangiert in den ersten drei Akten aus wandelbaren Kuben ein mächtiges Märchenbilderbuch. Sein Bühnenbildner Emmanuel Clolus hat für jede Seite starke, durch das Licht von Philippe Berthomé zusätzlich suggestive "Installationen" geschaffen. Der vierte, der dramatischste Akt findet vor gestaffelten, blutroten gestisch-abstrakten Malereien statt, kulminiert im Mord an Pelléas; das Finale leuchtet die junge Mutter und Sterbende Mélisande auf einem Stuhl heraus, umgeben von weiß kostümierten Puppenständern und den gefühlsunfähigen "Übriggebliebenen" von Allemonde. Die Regie setzt Zeichen. Robert Wilson kann das gewiss raffinierter, Klaus-Michael Grüber könnte noch minimalistischer "inszenieren". Aber Nordeys strenge Arbeit hat in ihrer ausgezirkelten "statischen Bewegung" durchaus konsequente Haltung. Und der Star sind ohnehin die Berliner Philharmoniker.
© SN.
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