Salzburger Fenster, 13. März 2002, Ausgabe 08/02

SF-Meinungsforum

Gut Aiderbichl: "Diese Tiere haben eine Diplomatenrolle"

"Gut Aiderbichl ist kein Schulbeispiel für die Landwirtschaft"
Erfolgreicher "Tierdiplomat" Michael Aufhauser.
Foto: Doris Wild
„Die Unterstützung, die ich in diesem Land gefunden habe und die Sympathien, die mir entgegengebracht werden, haben mich überwältigt.“
„Vielleicht bin ich in der Lage, den Bauern in unserem Land, wenn es darum geht, ihre kleinen Betriebe zu erhalten, mit Marketing-Ideen und meinen Erfahrungen aus aller Welt mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.“
„Eine Aussage in der Ver-fassung ist beinahe reine Form-sache, aber als Kulturanspruch von größter Bedeutung.“

Michael Aufhauser ist mit seinem Tierschutzhof "Gut Aiderbichl" in Henndorf am Wallersee innerhalb weniger Jahre der prominenteste Tierschützer im Land geworden. Er gab den Anstoß für die Verankerung der "Würde der Tiere" in der Landesverfassung. Im SF-Meinungsforum erläutert Aufhauser seine Beweggründe, Hoffnungen und Pläne:

Das Gut Aiderbichl habe ich nicht rein zufällig im Land Salzburg gebaut. Als ich vor vier Jahren hierher übersiedelt bin, waren mir zwar damals die Gesetze noch nicht alle bekannt, aber die Tierliebe der Menschen war mir schon in früheren Zeiten aufgefallen. Das Schüsserl Wasser für die treuen Begleiter unter dem Tisch im Café Bazar genauso wie die Rinderherden auf den saftigen Weiden im Umland. Das Salzburger Land animierte mich, Gut Aiderbichl zu erbauen. Ich möchte mit dem Gut ein sichtbares Symbol für die Würde des Tieres schaffen!

Gut Aiderbichl soll sensibilisieren

Vor etwa einem Jahr hat alles begonnen. Die Unterstützung, die ich in diesem Land gefunden habe und die Sympathien, die mir entgegengebracht werden, haben mich überwältigt. Gut Aiderbichl ist kein Schulbeispiel für die Landwirtschaft. Vielmehr soll anhand von Tieren, die größtenteils eine traurige Vorgeschichte hatten, vorgeführt werden, wie empfindsam sie sind und wie ungerecht es ist, zum Beispiel Pferde zum Handel nach Belgien und dann zum Schlachten nach Palermo zu fahren. Die Tatsache, dass die Tiere von Gut Aiderbichl letztendlich nicht zum Schlachter kommen, soll die Fleischproduktion nicht in Frage stellen.
Die Tiere auf Gut Aiderbichl werden von tausenden von Menschen besucht und gestreichelt und haben somit eine Art Diplomatenrolle für ihre Artgenossen. Meine Integrität würde angezweifelt werden, würde ich diese Tiere, die einem breiten Publikum namentlich bekannt sind, einer landwirtschaftlichen Nutzung zuführen. Gut Aiderbichl soll sensibilisieren. Und das für ein Millionenpublikum. Wir haben die Zahlen quantifiziert und sind auf die faszinierende Summe von 40 Millionen Menschen gekommen, die von Gut Aiderbichl gesehen oder gehört haben – allein im Monat Dezember 2001.
Meine Mitarbeiter stammen allesamt aus Bauernfamilien. Ohne sie könnte ich die Menge der Tiere gar nicht pflegen und sicher unterbringen. Sie bringen ein großes Gespür für die Tiere und für das Ziel von Gut Aiderbichl mit. Da, wo ich ratlos wäre, wenn sich zum Beispiel eine Kuh selbstständig macht und Richtung Landesstraße galoppiert, reagieren sie gelassen und kommen mit „Mucki“ oder „Nelli“ in aller Ruhe nach einigen Minuten zurück.

Eine Empfehlung

Vielleicht bin ich in der Lage, den Bauern in unserem Land, wenn es darum geht, ihre kleinen Betriebe zu erhalten, mit Marketing-Ideen und meinen Erfahrungen aus aller Welt mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Zu meiner großen Überraschung stellte ich fest, dass in den Supermarkt-Regalen des Milch-Landes Salzburg Produkte aus Deutschland sehr stark vertreten sind. Aber freier Handel bedeutet ja nicht nur Import. Österreichische Produkte können ebenso exportiert werden. Ich denke da zum Beispiel an hochwertige Eier, die als Salzburger Produkt schon allein am Geschmack identifiziert werden könnten. Oder der Tafelspitz als Export-Markenartikel bei entsprechender Produktionsbasis mit einer Empfehlung von Gut Aiderbichl, das den Menschen in Deutschland mittlerweile auch bekannt ist.
Utopie? Ich erinnere mich genau, als das erste berühmte blaue Pickerl „Chiquita“ auf die Banane geklebt wurde. Bei seiner Einführung wurde es belächelt, denn niemand glaubte an Qualitätsunterschiede bei Bananen. Ähnlich könnte es einmal sein bei einem Rindsbraten mit der Aufschrift „Original aus Salzburg“.

Pro Tag ein Treffen mit Bauern

Frage ich mich, wie es mit dem Tierschutz weiter gehen wird, dann blicke ich in meinen Terminkalender und sehe pro Tag mindestens ein Treffen mit Bauern. Denn ich weiß: Nur gemeinsam können wir unsere Ziele, die von 90 Prozent der Bevölkerung unterstützt werden, auf vernünftigem Weg erreichen.
Bauern sind Tierschützer der vernünftigen Art. Dazu zähle ich mich mit meinem Kreis auch. Gute Haltung und schonendes Schlachten sind Grundsätze, die uns verbinden. Eines meiner Ziele ist es, Pferdeschlachttage in österreichischen Schlacht-höfen einzuführen und gekühltes Fleisch nach Italien zu senden, um den qualvollen Lebend-Tiertrans-porten auf lange Sicht einen Riegel vorzuschieben. Dass dieser Schlachtvorgang stress- und angstfrei gestaltet werden soll, findet gerade bei den Bauern einstimmig Befürwortung.
Tierschutz heißt auch, dem Beruf des Metzgers die entsprechende Achtung entgegen zu bringen. Leider werden auf diesem Gebiet in weiten Teilen Europas die fachkundigen Spezialisten durch Hilfskräfte ersetzt, die keine Qualifikationen nachweisen können.

Ein neues Zeitalter des Tieres

Ob es um das Schlachten oder die Vermarktung von Qualitätsprodukten aus dem Land Salzburg geht, alle vier Parteien erkennen, dass gerade jetzt eine Zusammenarbeit mit der Landwirtschaft und den vernünftigen Tierschützern sehr wichtig ist.
Ich bin glücklich, dass ich die letzte Phase der Einbringung des Tieres als Mitgeschöpf in die Verfassung des Landes Salzburg begleiten durfte. Ein Zeichen für ein neues Zeitalter des Tieres! Mit der Aufnahme in die Verfassung, das muss uns allen klar sein, wurde nicht das Tierschutzgesetz verschärft, sondern eine Richtlinie für die Handlungsweise der Politik geschaffen. Gleichzeitig wurde das umgesetzt, was ohnedies über 90 Prozent der Bevölkerung fühlen und leben. Für die Menschen war es doch immer schon klar, dass Tiere keine Sache sind.
Vom Leinenzwang für Hunde abgesehen, sind die Tierschutzgesetze im Land Salzburg die besten, die mir bekannt sind, und eine Aussage in der Verfassung ist beinahe reine Formsache, aber als Kulturanspruch von größter Bedeutung. Dass sich die Repräsentanten der Bauern ebenfalls zu diesem Schritt bekannt haben, ist umso beeindruckender, als die Bauern des Landes Salzburg in Bezug auf Tierhaltung mit Sicherheit kein schlechtes Gewissen haben müssen. Im Gegenteil: In Gesprächen auf Gut Aiderbichl mit Bauern und deren politischen Vertretern wurde mir klar: „Der Salzburger Bauer ist zu Recht stolz auf das beispielhafte Verhältnis zu seinen Tieren, obwohl er davon lebt.“ Alle Bauern, mit denen ich gesprochen habe, sind offen für neue Ideen. Deren Verwirklichung scheitert nicht an ihnen selbst, sondern an der Ungerechtigkeit ihren Produkten gegenüber. Eine Flasche Limonade kostet mehr als ein Liter Milch!


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