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| Thaddaeus Ropac, internationaler Galerist, ist Vorstandsmitglied im Verein der Freunde der Festspiele.
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| So wie in Salzburg zunehmend die Sponsoren hofiert werden, kann das langfristig großen Schaden anrichten.
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| Salzburg legt im Opernbetrieb die Latte an, das war schon immer so.
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| Es ist ein Missverständnis zu meinen, moderne Musik müsse mit kitschig-opulenten Bildern verträglich gestaltet werden.
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Thaddaeus Ropac, anerkannter Kunstkenner, zieht eine kritische und widersprüchliche Bilanz des heurigen Festspielsommers: Von Geniestreichen, atmosphärischen Brüchen, misslungenen Versuchen, falschen Verbeugungen und gewachsenem Vertrauen.
Ja, die Kritik hat recht. Es gibt künstlerische Beliebigkeit und atmosphärische Probleme in Salzburg. Nein, die Kritik hat nicht recht. Salzburg ist nach wie vor die Messlatte unter den Festivals. Salzburg, das ist eben ein permanenter Widerspruch.
Das Großartige an den Salzburger Festspielen ist, dass hier dank einer großen Tradition in einer solchen Tiefe ein Publikum herangebildet wurde, das mitgeht, das Vertrauen hat, das Salzburg so liebt und so sehr ins Herz geschlossen hat, dass auch Tiefpunkte akzeptiert werden. Solche gibt es und sie haben eine Kontinuität. Sie haben vielleicht mit einer falschen Einschätzung oder Unterschätzung des Publikums zu tun.
Wer glaubte, Turandot im Vorjahr war ein szenischer Tiefpunkt in der jüngeren Festspielgeschichte, wurde heuer mit Les Contes dHoffmann eines Besseren belehrt. Intendant Peter Ruzicka glaubt vielleicht, er muss dem Publikum auch immer wieder bombastischen, lukullischen Kitsch liefern. Dabei will das selbe Publikum, das vor zehn Jahren nach solchen Aufführungen geschrieen hat, diese Inszenierungen heute gar nicht mehr. Das Publikum hat sich verändert und hat dazugelernt.
Peter Ruzicka ist in der Lage, Großes zu schaffen. In der Mozart-Interpretation sind La Clemenza di Tito und Don Giovanni in der Regie von Martin Kusej mit das Beste, was man weltweit zu sehen und zu hören bekommt. Dafür ist Les Contes dHoffmann ein Rückfall in Zeiten, die man längst überwunden glaubte. Das ist die Beliebigkeit, wie sie auch zu Recht von der Kritik festgestellt wurde. Es sollte vielleicht eine Verbeugung vor dem Publikum sein, aber es macht keinen Sinn, den bombastischen Geist der Vergangenheit immer wieder heraufbeschwören zu wollen.
Ein weiteres Problem sehe ich in der Rolle der Sponsoren und den atmosphärischen Auswirkungen, welche deren Präsenz mit sich bringt. Sponsoren sind wichtig, sie haben aber eine zurückhaltende Rolle zu spielen. So wie in Salzburg zunehmend die Sponsoren hofiert werden und zu Hunderten und Tausenden ihre Leute in die Festspiele treiben, kann das langfristig einen großen atmosphärischen Schaden anrichten. Es werden Grenzen überschritten. Man spürt die Ignoranz und die Unwissenheit. Hat sich bisher das Festspiel-Publikum auf eine Aufführung vorbereitet, hat Inhalte gekannt, fehlen heute bei vielen Besuchern sowohl das Interesse, als auch der Respekt vor der Kunst und den Künstlern. Die Stimmung im Publikum hat sich dadurch spürbar verändert.
Trotzdem: Salzburg wird das aushalten. Die Probleme gehen nicht an die Substanz. Es geht künstlerisch in eine aufregende Richtung weiter.
Wenn man das Gute und das weniger Gute abwägt, dann war das ein guter Sommer. Er hat viele Höhepunkte gebracht. Don Giovanni und La Clemenza di Tito waren genial.
Besonders gelungen war in diesem Sommer das Schauspiel mit wirklich grandiosen Produktionen. Peer Gynt von Johann Kresnik war ein Höhepunkt. Michael Thalheimers Woyzeck musste reizen. Aber es war eine spannende Aufregung. Man konnte diskutieren. Da konnten die Meinungen aufeinander prallen, weil es präzise inszeniert war und Inhalt hatte. Das konnte man etwa bei der Entführung aus dem Serail weniger sagen. Da hat der Ansatz zu einer kontroversiellen Diskussion gefehlt. Das Stück wurde so zertrümmert, dass wenig übrig blieb. Das Young Directors Project war ein großer Erfolg und wurde von einem begeisterten Publikum begrüßt, neugierig auf die Sicht junger, interessanter Regisseure. Man kann nur hoffen, das Martin Kusej diese Idee übernehmen wird.
Der typische Salzburger Widerspruch spiegelte sich in Hans Werner Henzes Oper LUpupa und der Triumph der Sohnesliebe unter der Regie von Dieter Dorn wider. Das war der problematische Versuch, moderne Musik möglichst gefällig zu präsentieren. Es ist ein Missverständnis zu meinen, moderne Musik müsse mit kitschig-opulenten Bildern so verträglich gestaltet werden, dass es die Leute schön finden. Trotzdem ist es natürlich ein Riesenerfolg, wenn eine moderne Oper so umarmt wird.
Der Salzburger Widerspruch, die Gratwanderung zwischen Gefälligkeiten an das Publikum und die Sponsoren, ökonomischen Interessen und dem absoluten künstlerischen Qualitätsanspruch werden also bleiben.
Gerard Mortier ist 1991 am Höhepunkt eines veralteten Stils der Musiktheater-Auffassung eingestiegen, bei einer Ästhetik, die sich schon selbst so sehr in Frage gestellt und ihren Endpunkt erreicht hatte. Es war ein radikaler und umfassender Bruch notwendig, bei den Künstlern und dem Publikum. Es war ein großer Glücksfall, jemanden wie ihn zu haben, der den Mut zur Erneuerung aufgebracht hat und trotzdem die Qualität garantierte.
Mortier konnte seine Begeisterung übertragen. Auch auf das Publikum, das jedes Jahr kommt, dieses Festival trägt und ein weltweit einzigartiges Preisniveau akzeptiert. Es ist Mortier grandios gelungen, das Publikum an einen neuen Stil zu gewöhnen. Es war mitunter nicht so sehr nur ein neues Publikum, sondern das alte Publikum hat sich in seinen Auffassungen erneuert. Das war eine große Leistung. Ein ganz neues Publikum wurde im Bereich des Schauspiels angesprochen, das es ja vor Peter Stein nur in einer geradezu bleiernen Unbedeutsamkeit gegeben hat.
Ruzicka ist weniger ein Kämpfer und Erneuerer, wie es Mortier war. Er kümmert sich auch weniger um die Künstler, das Haus und das Publikum, was leider zu einer schlechten Stimmung unter den Künstlern geführt hat. Sie fühlen sich vernachlässigt. Aber er garantiert die Kontinuität. Er ist ein moderner Denker, als Musiker und Künstler hat er ein sensibles Gefühl für das, was er hier auf der Bühne sehen will. Und es funktioniert dank des Vertrauens des Publikums in diese große Salzburger Institution Festspiele.
Salzburg legt im Opernbetrieb die Latte an. Das war schon immer so. Was Karajan in den sechziger und siebziger Jahren gemacht hat, war unermesslich. Das vergisst man leicht, wenn man nur an die erstarrten Inszenierungen seiner letzten Jahre denkt. Mortier hat diese Qualität fortgesetzt.
Ruzicka geht einen mutigen Weg, vor allem in seiner Mozart-Interpretation. Er versucht, sie auf eine zeitgenössische Schiene zu setzen. Mit der Verpflichtung von Martin Kusej ist ihm ein Geniestreich gelungen. Auch die Entführung aus dem Serail mit Stefan Herheim war ein durchaus legitimer, wenn auch misslungener Versuch. Solche Vorhaben können nicht immer gelingen, aber es legitimiert viel. Man muss ihn deshalb auch in seinen großen Vorhaben für das Mozartjahr 2006 unterstützen. Es imponiert, wenn jemand das Unerreichbare anstrebt. Es wird vieles schief gehen, aber es wird letztlich auch viel übrig bleiben, das Bestand haben wird.
Salzburg ist eine sichere Kontinuität.
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E-Mail: h.breidenbach@salzburger-fenster.at |