Salzburger Fenster, 10. November 2004, Ausgabe 38/04

Ecstasy-Kids erwischten Narkosemittel für Tiere

Jugendliche landeten bewusstlos im Spital: Sie schluckten „neue Pillen“
Ecstasy in der Hand eines Suchtgiftfahnders: Die Tabletten, die die Kinder der Konsumgesellschaft schlucken, um sich glücklich und stark zu fühlen.
Foto: Wild&Team

Mehrere Salzburger Jugendliche landeten als Drogen-Notfall in der Doppler-Klinik. Sie hatten ein Betäubungsmittel für Tiere geschluckt. Der Vater einer betroffenen 16-Jährigen berichtet im SF.

Mehrere Salzburger Jugendliche landeten in den vergangenen Tagen bewusstlos und in bedrohlichem Zustand auf der Drogenstation der Christian-Doppler-Klinik. Die Blutanalyse ergab, dass sie Ketamin eingenommen hatten – ein Betäubungsmittel für Tiere.

Die 16-jährige Nicole B. (Name geändert) erwischte neben „K“, wie Ketamin in der Szene genannt wird, möglicherweise auch die synthetische Droge PCB, „Angel Dust“. Ihr Vater erzählte dem SF den dramatischen Vorfall.

Seine Tochter sei mit 14 in eine Clique von Jugendlichen geraten. Die Kids der Vorstadtsiedlung in Liefering hätten sich regelmäßig zu Ecstasy-Parties getroffen. An jenem Tag wussten sie jedoch nicht, welchen Trip sie da „schmissen“, sagt Mark B. (Name geändert). Ein Bursch brachte Kapseln mit, deren Inhalt niemand kannte. „Es hieß nur, das sei `K2’, das fährt gut ein“, so der 34-Jährige. Seine Tochter Nicole schluckte es und brach bewusstlos zusammen.

Massenhaft Pillen auf dem Boden

Bei Razzien der Suchtgiftfahnder lassen alle die Tabletten schlagartig fallen

Die 16-jährige Nicole kam als Notfall in die Doppler-Klinik und erlebte einen wahren Horrortrip. „Sie hatte extremes Herzrasen und Todesgefühle“, so der Vater. Im Ketamin-Rausch erlebt man Gefühle, die an das Sterben erinnern: Es ist, als ob man den eigenen Körper verließe, das Ich wird als von der Umgebung abgespalten empfunden, es entsteht ein Leichtigkeitsgefühl, Schmerzen verschwinden. (Ketamin wird in der Humanmedizin auch in der Notfallmedizin verwendet, es löst beim Aufwachen Halluzinationen, Wahnvorstellungen und Verwirrtheit aus.)

„Dicht sein“: kein Frust, keine Angst mehr

„Die Pillen und Pulver geben den Kids im besten Fall ein paar Stunden lang starke Glücksgefühle“, weiß Vater Mark B., der mit vielen Drogenkids gesprochen hat. Viele Jugendliche sagen auch, sie wollten einfach nur „dicht sein“ – keinen Frust, keine Angst, keine Unsicherheit spüren. Normalerweise wird durch Ecstasy der Glücksbotenstoff Serotonin im Hirn verstärkt ausgeschüttet, das schafft Wohlgefühl. „Das wollen die Kids dann immer wieder spüren“, sagt Mark B.

Seine Tochter erlebte allerdings einen Horrortrip, der ihr bis heute in die Knochen gefahren ist. Immer noch hat sie so genannte Flashbacks – wiederkehrende Attacken mit Panik vor neuerlichen Herzanfällen, schweißgebadete Angstanfälle in der Nacht.

Nicole will von den Drogen nun wegkommen. Das Mädchen, das beim Vater aufwächst, macht eine Therapie, besucht die Sauna. Und das Mädchen ist wieder zugänglich geworden. Seine Tochter sei nach zwei Jahren Drogenkonsum am Ende so unbeeinflussbar gewesen, „dass ich nicht mehr das Geringste machen konnte, außer für sie zu beten.“

„Die Pillen mit dem Besen aufkehren“

Die Salzburger Polizei berichtet von mehreren aktuellen Fällen, in denen Jugendliche nach dem Konsum von Ketamin umkippten. Suchtgiftfahnder Robert Dopscher: „Alles, was irgendwie als Rauschmittel taugt, wird zerrieben, und alles wird genommen.“ Das Tierbetäubungsmittel Ketamin sei neu in der Szene, auch „Angel Dust“ tauche auf. Besonders gefährlich: Die Pulver würden nun auch schon intravenös gespritzt, weil sie dann binnen Sekunden „einfahren“.

Die Brennpunkte in der Stadt sind der Kripo bekannt: Gedealt und konsumiert werde vor allem in einem Lokal der Techno-Szene – „bei einer Razzia kannst du die Pillen mit dem Besen aufkehren, weil alle sie plötzlich fallenlassen“ (Dopscher). Doch auch in bestimmten Discotheken und an der Lokalmeile am Rudolfskai seien am Wochenende viele nicht-cleane Jugendliche anzutreffen.

Berufsdealer: Nach der U-Haft macht er weiter

Die synthetischen Drogen würden häüfig aus Polen kommen, Verkäufer und Konsumenten fahren auch nach Wien, wo sie die Pillen um 12, 13 Euro bekommen, um sie in Salzburg um das Doppelte zu verkaufen. Eine Tablette kostet je nach Amphetamin-Gehalt zehn bis 30 Euro.

Bei der Bekämpfung der professionellen Dealer fühlt die Polizei sich mitunter wie Don Quichote, der gegen Windmühlen anritt. Fahnder Dopscher: „Wir haben schon Leute eingesperrt, die 5000 Brieferl dabei hatten. Ein amtsbekannter 30-jähriger Salzburger bestreitet seinen Lebensunterhalt damit. Bei der Telefonüberwachung meinte er, er sei gerade in der Arbeit. Doch nach drei Wochen U-Haft war der schon wieder heraußen und macht munter weiter“, klagt der Kriminalist.

Justiz ist gesetzestreu

Hans Rathgeb, Vizepräsident und Sprecher des Salzburger Landesgerichts, widerspricht dem Vorwurf. „Dass diese Gruppe früher entlassen würde, stimmt sicher nicht. Ob eine Untersuchungshaft verlängert oder aufgehoben wird, wird streng nach den gesetzlichen Vorschriften entschieden.“ Darauf würden sowohl die Salzburger Staatsanwaltschaft als auch „der strenge Senat am Oberlandesgericht Linz“ sehr genau achten. Zum zitierten Fall könne er ohne Aktenkenntnis nichts sagen, so Rathgeb.

Das Gefühl für Gefahr ist verlorengegangen

Drogenprimar Ernst Rainer von der Christian-Doppler-Klinik nennt das Fehlen des Überlebenskampfes als ein Kernproblem der jugendlichen Pillenkonsumenten.

In der überversicherten Wohlstandsgesellschaft gehe das Gespür, dass auch etwas passieren kann, verloren. „Diese Jugendlichen haben kein Gefühl für Gefahr. Sie probieren diffus alles aus, dabei ist ihnen die Existenz egal. Sie müssen lernen, dass sie Angst um ihr Leben haben, dass man für seine Existzenz kämpfen muss.“

Die besten Ergebnisse erziele man weltweit mit Abenteuerpädagogik. Jugendliche, die konkrete Interessen haben, sei es sportlicher oder anderer Natur, seien weitaus weniger gefährdet.

Sonja Wenger


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