Ein gesungener Jedermann

20. August 2009 | 08:50 | | MARTIN RIEGLER (SN).
Thomas Quasthoff offerierte in seinem Liederabend ein schweres Programm. Und er sorgt sich um die Zukunft der Festspielliederabende. Er hoffe, „dass die Tradition der Liederabende in Salzburg auch in der neuen Intendanz ab 2011 erhalten bleibt“.

MARTIN RIEGLER
SALZBURG (SN). Diese Botschaft schickte er vor den Zugaben seines Liederabends im Haus für Mozart am Dienstag ins Publikum, richtete sie damit aber an Alexander Pereira, den designierten Intendanten. Offenkundig zweifelt der gefeierte Sänger daran, dass es in Hinkunft so viele und so hochkarätige Einladungen zu Liederabenden geben wird.

Thomas Quasthoff selbst wurde nach früheren Engagements seit 2007 jährlich zu den Festspielen geholt. Und er komme ja auch „janz jern“ hierher, so empfahl sich der wohlgelaunte Sänger gleich selbst für eine Fortsetzung, wobei er das mit seinen Interpretationen ohnehin schon eindrucksvoll getan hatte.

Wie ein feiner Tropfen ist Quast hoffs weicher, klarer Bassbariton mittlerweile gereift, ohne jegliche negative Alterserscheinung. Das ernst bis düster gestimmte Programm gestaltete er nicht mit zusätzlicher Schwere, sondern der ihm eigenen textklaren Unerbittlichkeit, so als richtete er Fragen an sich und das Publikum und keine Belehrungen. Das glasklare Spiel seines fabelhaften Klavierbegleiters Lars Vogt passte kongenial zur unprätentiösen Herangehensweise.

In Gustav Mahlers „Rückert-Liedern“ ließ Quasthoff die Melancholie vorherrschen, vor allem dank eines Kunstgriffs: Mit dem Vertauschen der letzten beiden Lieder endet der Zyklus wunderbar elegisch mit „Ich bin der Welt abhanden gekommen“.

Ein gesungener Jedermann, das ist in Salzburg selten. Die „Sechs Monologe aus Hugo von Hofmannsthals Jedermann“ von Frank Martin ergeben reizvolle Vergleichsmöglichkeiten mit dem Original. Endlich hauchte einmal jemand ein zartes und deshalb unter die Haut gehendes „Jedermann“, statt es von den Dächern zu schreien. „Die Stimm war schwach, und doch recht klar“, das wurde plötzlich stimmig.

In Aribert Reimanns Solo „Entsorgt“ nach Nicolas Borns kafkaesken Texten wurde die Anklage des zweifelnden Ichs an die Gesellschaft wieder lauter, bis sich in Brahms’ „Vier letzten Liedern“ die Reflexion über Sein und Sterben erneut nach innen richtete. Letztlich triumphierte das „Hohelied der Liebe“ leise und sacht, dem Tod waren alle Schrecken genommen. Ein großer Abend der Liedgestaltung.

Bild: AP

© SN/SW

 
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