„Alle Texte sind Ausdruck meines Nicht-Gelingens“

11. August 2009 | 19:01 | | BERNHARD FLIEHER
Nachhall auf ein Früher, das nur Wehmut auslöst: Schriftsteller Peter Handke im SN-Interview über sein aktuelles Stück „Bis dass der Tag euch scheidet oder Eine Frage des Lichts“, über „seinen“ Sänger Van Morrison, eine offene Welt im Rhythmus der Popmusik und die Nichtexistenz irgendeiner Idylle.
Peter Handke gab den SN ein exklusives Interview. Bild: SN/APA

Peter Handke gab den SN ein exklusives Interview. Bild: SN/APA

BERNHARD FLIEHER
Kirchenwirt in Maria Plain. Gastgarten. Sommerhitze. „Wo haben Sie eine Heimat?“, sagt Peter Handke, 66 Jahre alt, seit den 1960er-Jahren unter den bedeutendsten Schriftstellern deutscher Sprache. „Na ja, ich lebe da unten in der Stadt. Bin aber nicht von hier.“ – „Na sehen Sie: Keine Heimat. Es gibt keine Heimat.“ Dazu ein Glas Weißwein, und Handke reicht ein Stück Backhendl über den Tisch. „Nehmen Sie’s. Bitte. Ich kann nicht mehr.“

Das also ist er, der scheue Dichter, von dem alle so tun, als wäre er unerreichbar. Im Schatten einen Tisch weiter: das Interview. Handke ist in der Stadt, wo er jahrelang gelebt hat, weil bei den Salzburger Festspielen sein Text „Bis dass der Tag euch scheidet oder Eine Frage des Lichts“ aufgeführt wird. Ein Echo auf Becketts „Das letzte Band“ ist der Text (siehe Premierenkritik rechts).

SN: Warum haben Sie dieses Echo auf Samuel Becketts „Das letzte Band“ verfasst?
Handke: Ja, warum . . . Auf „warum“ kann man oft nicht antworten. Das wird man spüren. Das tut dem gut, dem Beckett-Stück. Das versäumte Leben, das da erscheint und das doch nicht versäumte Leben, das der alte Krapp gelebt hat. Das tut gut, dass da ein Licht, ein anderes Licht dazukommt.

SN: Im Programmheft sprechen Sie in einem Text der Literaturwissenschafterin Elisabeth Schwagerle davon, dass Sie sich immer wieder vorgenommen haben, alles schwarz zu sehen. Und kaum, dass das Schreiben beginnt, kommen Ihnen diese Schwarzbilder abhanden. Nun hellen Sie auch den Beckett auf. Ein Scheitern also?
Handke: Alle meine Texte sind Ausdruck meines Nicht-Gelingens. Alle. Eine sehr fragwürdige Situation ist das, und natürlich gewagt, auf Weltliteratur, auf ein großes Stück zu antworten.

SN: Klingt nach Ehrfurcht.
Handke:
Ehrfurcht nicht. Das ist das einzige Stück von Beckett, das ich ganz und gar vollkommen find’.

Und es ist etwas anderes noch dabei, was ja in meiner Antwort mitspielt: Es ist immer noch ein Hintersinn, eine Allegorie von Existenz drin.

SN: Wenn Beckett sich in dem Text etwa auf Theodor Fontane bezieht, beziehen Sie sich auf Neil Young.
Handke: Haben Sie das gemerkt?

SN: In dieser Situation, eine Frau am Ende, kann – wenn sie „Helpless Helpless“ sagt – nur der Song von Neil Young gemeint sein aus dem Jahr 1970. Wie sehr hallt die Musik dieser Zeit in Ihnen nach?
Handke: Natürlich ist das so. Ob ich’s immer noch höre? Ich hör’ es nur, wenn ich von fern zufällig wo vorbeikomme. Und wenn man dann ein paar Takte von diesen Rhythmen mitkriegt, von etwas, das einem so viel bedeutet, dann würd’ ich das Gefühl noch einmal wiederholen. Das ist, glaub’ ich, aber eine falsche Nostalgie.

SN: Der Song „Helpless“ ist wohl einer der zärtlichsten Ausdrücke von Hilflosigkeit in der Popmusik.

: Handke: Ja, ja. Sie sagen das . . . Schön. Ja, das ist Zärtlichkeit, von einer Zartheit ist das, eine Zartheit wird da zur Zärtlichkeit.

SN: Der Song ist ein Resultat von Woodstock, wo Crosby, Stills, Nash and Young auftauchen in der sogenannten Goldenen Ära der Popmusik. Vieles in Ihrem Werk ist voller Zitate und Anspielungen auf Helden dieser Zeit. In „Bis dass der Tag euch scheidet . . .“ heißt es: „Ich höre nicht die Spulen von gestern an. Reagiere nicht auf meine Stimme vor Jahrzehnten.“ Wie ist es mit der Musik?
Handke: Es war eine große Zeit, für mich hat es das, diese drei, vier Jahre, danach nimmer gegeben. Ich mach’ da keinen Unterschied zwischen Bea tles und Stones, Yardbirds, Small Faces, The Who – ja sogar die Hollies oder Hermans Hermits! „No Milk Today“ war eines der für mich schönsten Lieder. Das waren ein paar Jahre, da stand die Welt offen durch diese Lieder. Und die Welt ist immer noch offen, aber sie wird halt nicht mehr benutzt, diese Offenheit. Ohne all dem Rhythmus, dem Klang – wer weiß, was aus mir geworden wäre, ich hab ja alle Singles gekauft damals.

SN: Und die spielen Sie noch?
Handke: Nein, meine älteste Tochter hat die, glaub ich, immer noch. Bis Creedence Clearwater Revival – und dann bin ich von der Szene verschwunden.

SN: Aber wieso eigentlich?

Handke: Sie beschuldigen mich!

SN: Nein. Es lässt sich aber doch vieles in Ihrem Werk bis heute mit dem Rhythmus, mit Musik vergleichen. Für mich wirkt das oft wie die Arbeiten des irischen Sängers Van Morrison, wenn Sie . . .
Handke: Ja. Van Morrison. Egal welcher, der Politische, der Stille. . . Dann ist er auch auf den Funk gekommen, den Blues.

Vielleicht kommt er auch noch einmal auf die Poesie, die einsame Poesie.
SN: Van Morrison, so schrieb Popjournalist Lester Bangs, schaffe auf kleinstem Raum wie „besessen jede Menge Information“.

Und doch scheint es darauf nicht anzukommen. Im Grund stellt Van Morrison doch Gefühl und Rhythmus über das Wort, das „Wie“ über das „Was“.
Handke: Aber was er sagt, wird doch erst intensiv, wie er es macht. Er hat ein großes Gefühl – und dann werden „Was“ und „Wie“ doch eines.
SN: Ja, wenn man es kann . . .
Handke: Wenn man ein großes Gefühl hat, dann kann man alles. Wie sagt der Kafka einmal mit lauter Scheinheiligkeit? Er muss ein Jahr in sich suchen, bis er eine wahre Empfindung in sich spürt. Aber er hat das natürlich übertrieben. Aber wenn jemand ein wahres Gefühl . . . das wird dann Form. Oder auch nicht. Und dann wird der Mensch unglücklich. Ein großes Lied, das ist etwas Unglaubliches, etwas sehr Seltenes. Das Ideal der Menschheit, das ist ein großes Lied.

SN: Sind Sie neidisch auf Musiker?
Handke: Bin ich. Ja, bin ich. Manchmal. Aber schön neidisch! Diesen Neid hab’ ich gern. Ein großes Lied . . . naja, ein großes Buch ist auch etwas, auch das ergreift einen. Aber Buch, Lied . . . Elvis, Buddy Holly, Dostojewski, Beatles, Stendhal, mittelalterliche Epen – alles gehört zusammen. Ich hätt’ nie ein Lied schreiben können.

Ich hab ja Singen gehasst in der Schule, das Singen meiner Mutter. Bei Elvis hab ich mich ja geschämt, dass ich das gemocht habe. Aber ab den Beatles hab ich aufgehört mich zu schämen. Da hab ich gedacht: Das ist es!

SN: Dass alles zusammengehört, wie Sie sagen, ist wohl ein Resultat dieser Tage in den 60er-Jahren.
Handke: Ja. Endlich war mal dieser Unterschied nicht mehr da. Das ist für immer vorbei. Dieser blöde Ausdruck von E- und U-Musik. Alles, was aus der Tiefe kommt, auch wenn es zugleich wieder oberflächlich wird, wie Pop, hat Schönheit. Das ist alles unsterblich.

SN: Wünschten Sie sich, manchmal etwas oberflächlicher wahrgenommen zu werden?

Handke. Ja, Sie haben recht. Ich würd’ mir wünschen, dass einige meiner Stücke als Boulevard stücke wahrgenommen werden.

SN: Passiert aber nicht. Vielleicht auch, weil Sie ja so ein Art Heiligkeit umgibt, der Dichter jenseits von jedem, der im Wald um Paris Schwammerl sucht, sich manchmal provokant zu Wort meldet. Das ist doch nicht schön, nur so – als Schwieriger – wahrgenommen zu werden.
Handke: Natürlich ist es ein Dilemma heutzutage für einen, der ernsthaft Literatur schreibt, Träume formuliert, vielleicht wirke ich da manchmal nicht so ernsthaft, sondern etwas flapsig, aber die Frage ist tatsächlich immer schwieriger zu beantworten: Wo habe ich meinen Platz als Schreiber? Es ist eine schwierige Situation, ein Dilemma, das nie größer war als in dieser Zeit.

SN: Woran liegt das?
Handke: Wir werden immer in ein bisschen ein seltsames Licht gerückt. Und das ist ja auch normal. Aber die meisten Schriftsteller und Schreiber sind ja längst unglaublich tüchtige Bankiers und Produzenten und Regisseure und auch die Conferenciers ihrer selbst. Ich hab’ das schon auch zwischendurch ein paar Mal versucht zu machen, Aber ich hab’ bemerkt: Ich bin da nicht gut darin.


SN: Warum?
Handke: Ich bin als öffentlicher Mensch einfach nicht gut. Und das ist auch ganz richtig so. Heute gehen die Öffentlichkeit und der Schriftsteller nicht mehr gut zusammen. Da spielen sicher einige sehr gut – so wie der Herr Kehlmann das macht. Der ist ja fast dafür geboren, aus dem Mutterleib geschlüpft und war schon ein kleiner Showman. Warum auch nicht?! Für mich ist das nichts.

SN: Was ist etwas für Sie?
Handke: Für mich ist die Sprache, der Umgang damit etwas anderes, etwas Gewaltiges, etwas das nicht selbstverständlich ist – wie ein gutes Lied von Van Morrison oder von Dylan, oder ein gutes Stück Prosa, oder zwei, drei Repliken in einem Stück. Da erscheint das Leben. Drei, vier Sätze, und man ist nicht nur getröstet, sondern auch gekräftigt.

SN: Merken Sie das, wenn Sie schreiben?
Handke: Vorher merk ich’s, bevor ich schreibe. Und dann schreib ich’s halt auf.
SN: Das klingt ja einfach.
Handke: Naja. Kommen Sie, jetzt lassen wir’s, oder? Trinken Sie noch einen Wein.

SN: Nur das noch: Im Text „Bis dass der Tag euch scheidet oder Eine Frage des Lichts“ kommt eine Autobahnstation vor, sonst gibt’s keine Orte. In solchen Zwischenräumen, Nichtorten, halten sie sich da am liebsten auf?

Handke: Ich sage dazu immer Schwellenräume, Schwellenbereiche, wenn man in einem Übergang ist von einem Bereich zum anderen, wo man spürt, wie die Welt vielleicht gegliedert sein könnte oder gegliedert ist. Ja, Grenzen? Wo sind die Grenzen? Da entstehen viele innere Grenzen, die sind nicht so spannend, die inneren Grenzen der Menschen. Aber mir kommt vor, es gibt viel mehr innere Grenzen, als es je gegeben hat. Schauen sie, das ist Europa.

SN: In dem Text „Am Felsfenster morgen“ schreiben Sie mit Blick auf Salzburg, auf Dauer könne Ihnen ein Ort nur etwas bedeuten, wenn Sie sich auf Dauer von ihm entfernten. Nun leben Sie schon seit fast zwei Jahrzehnten südwestlich von Paris. Drängt es Sie nicht weg?
Handke: Nein es drängt mich nicht weg. Ich fühle mich verantwortlich für den Garten. Da kann man nicht weg – wenn man Besitzer ist, ist man schon ein halbes Arschloch. Aber ich hab das ja auch gerne, den Garten und . . .


SN: Das klingt doch nach Idylle.
Handke: Es ist keine Idylle. Es gibt keine Idyllen in dieser Welt. Nirgendwo. Ein Idylle ist ein Gefühl von Menschen, das ist alles Täuschung.

SN: Und man kann sich auch keine Idylle schaffen – so mit Haus und Garten?
Handke: Nein. Nie hat’s Idylle gegeben. Nie. Es gibt vielleicht Atemräume für einen Moment. Und es ist vielleicht ein Vorteil, einen Garten zu haben, um dort lesen zu können. Aber es hat nichts mit Idylle zu tun. Der Garten kann Ort es größten Dramas sein oder des schönsten Dramas. Vielleicht gibt’s solche Momente, wenn der Wind durch die Kastanien geht. Aber Idylle ist das nicht. Vielleicht ein Aufatmen und dann denkt man: Jetzt ist jetzt. Das ist ja eine Gabe, das sagen zu können.


SN: Das klingt nach einem Grundprinzip der Rockmusik: Immer genau hier, immer genau jetzt passiert, was wichtig ist.
Handke: Aber bei mir ist das vorbei. Ich kann nicht mehr sagen: Jetzt ist jetzt. Ich spür’ das nicht.

Ich krieg’ sofort eine Wehmut, weil ich weiß, dass es gar nicht wahr ist, also nicht mehr wahr ist. Aber ich wünsch’ allen, die jünger sind, dass sie das sagen können, dieses: „Jetzt ist jetzt“.


SN: Das ist also eine Altersfrage?
Handke: Ja, weil man nicht mehr glaubt, das halten zu können. Früher glaubt man; Jetzt! Und sagt sich: Merk’ dir diesen Moment, diesen Augenblick.

Das war dann aber auch schon vorbei, aber es hat nachgewirkt und Kraft geben. Und jetzt . . . jetzt hab ich keine Kraft mehr.

© SN/SW

 
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