Ausnahmen vom Blabla

15. November 2009 | 16:21 | | Alexander Purger
Große Reden. Barack Obama hat die politische Rede

wieder salonfähig gemacht. Ein neues Buch erinnert

an seine berühmtesten Vorredner.

Alexander Purger
Können Sie sich an eine große Rede oder einen großen Ausspruch eines österreichischen Politikers erinnern? Gut, da war das „Es reicht!“ von Wilhelm Molterer, mit dem er 2008 die Große Koalition beendete (oder eben nicht). Da war das „Ein guter Tag beginnt mit einem sanierten Budget“, mit dem Karl-Heinz Grasser sein Nulldefizit verkündete. Aber sonst?

Große Reden sind im deutschen Sprachraum lange Zeit diskreditiert und mit dem Hautgout der Demagogie, der Volksverführung behaftet gewesen. Politiker in unseren Breiten schienen und scheinen es daher sogar als Verdienst anzusehen, grottenschlechte Redner zu sein. Weshalb ihnen auch keiner freiwillig zuhört.

Umso überraschender war es, als 2008 mehr als 200.000 Deutsche zur Berliner Siegessäule pilgerten, um begeistert der Rede Barack Obamas zu applaudieren. Der Präsidentschaftskandidat und nunmehrige US-Präsident hat mit seinem „Yes, we can!“ das Stilmittel der politischen Rede eindrucksvoll wiederbelebt.

Aus diesem Anlass versucht der Journalist Gerhard Jelinek in seinem neuen Buch „Reden, die die Welt veränderten“ der Frage auf den Grund zu gehen, was denn eine große Rede ausmacht: Ihre Brillanz? Ihre Aussage? Ihre politischen Folgen? Die mit ihr verbundene Geschichte?

„Eine große Rede spiegelt nicht immer die Wahrheit einer Epoche wider“, schreibt Jelinek. „Es sind auch die großen Lügen, die Geschichte machen. Worte haben Kriege begonnen und Frieden geschaffen. Sie künden von großer Weisheit und fatalen Irrtümern.“ Was ihnen aber allen gemeinsam ist: „Große Reden zeigen ihre Brillanz in der Einfachheit. Große Reden werden vom Publikum verstanden. Dem Redner gelingt es, mit seinem Publikum eine Gemeinschaft zu bilden.“

Jelinek bringt in seinem Buch 35 Beispiele für Reden oder Aussagen, die Geschichte schrieben: Von der Bergpredigt Jesus Christus’ bis zu Joseph Goebbels’ „Wollt Ihr den totalen Krieg?“. Von Marc Antons „Denn Brutus ist ein ehrenwerter Mann“ bis zu Winston Churchills „Blut, Schweiß und Tränen“-Rede. Von John F. Kennedys „Ick bin ein Berliner“ bis zu Günter Schabows kis „Das tritt nach meiner Kenntnis . . . ist das sofort, unverzüglich“, mit dem die DDR-Führung wider Willen den Fall der Berliner Mauer erklärte.

Der kurzweilige Streifzug durch die gesprochene Weltgeschichte hält auch bei zwei Politikern der Zweiten Republik – bei Leopold Figl und Bruno Kreisky.

Figls Weihnachtsansprache 1945 zählt zum Berührendsten, was man je von einem Politiker gehört hat. Noch heute rinnt es einem kalt über den Rücken, wenn man die Worte hört: „Ich kann Euch zu Weihnachten nichts geben. Ich kann Euch für den Christbaum, wenn Ihr überhaupt einen habt, keine Kerzen geben, kein Stück Brot, keine Kohle, kein Glas zum Einschneiden. Wir haben nichts. Ich kann Euch nur bitten, glaubt an dieses Österreich!“

Aus diesen gepressten, mit belegter Stimme gesprochenen Sätzen aus dem Munde des dem KZ entronnenen ersten Bundeskanzlers der Zweiten Republik meint man, das ganze Leid des Weltkrieges, die grenzenlose Not der Nachkriegszeit, aber auch die beinahe weihevolle Stimmung des Neuanfangs heraus zu hören.

Allein: Die Worte, wie wir sie im Ohr haben, wurden nicht 1945 gesprochen, sondern 1965. Denn die Bänder der originalen Weihnachtsansprache 1945 sind im Rundfunk verloren gegangen. Erst zwei Jahrzehnte später, knapp vor seinem Tod, kam Figl ins Funkhaus, um seine damalige Ansprache, die aus dem Gedächtnis neu zusammen gestellt wurde, für eine Tonaufnahme nochmals zu halten.

Die Wirkung war überwältigend, wie Jelinek schreibt: Als die Rede 1965 bei einer Feier zum 20. Jahrestag des Kriegsendes in Wien vorgespielt wurde, waren die 40.000 Zuhörer am Stephansplatz tief erschüttert. Auch Figl selbst schluchzte.

Geschichte schrieben auch Bruno Kreiskys Sätze: „Und wenn mich einer fragt, wie denn das mit den Schulden ist, dann sage ich ihm das, was ich immer wieder sage. Und zwar, dass mir ein paar Milliarden mehr Schulden weniger schlaflose Nächte bereiten, als ein paar hunderttausend Arbeitslose mir bereiten würden.“

Kreisky gab dieses Bekenntnis zur Schuldenpolitik – vorgetragen in seinem tiefen, langsamen, beruhigenden Bass – im Nationalratswahlkampf 1979 oft und oft ab, bevorzugt bei seinen Betriebsbesuchen in den damals noch verstaatlichten Betrieben. Aufgenommen und der Nachwelt überliefert wurde es von der „Zeit im Bild“ bei einem Wahlkampfauftritt Kreiskys im 15. Wiener Gemeindebezirk.

Die Sätze bescherten Kreisky im Mai 1979 die größte Mehrheit, die je ein Kanzler in der Zweiten Republik errang. Später wurde seine Politik des „Deficit spending“ als falsch erkannt, weil dadurch die Schulden und die Arbeitslosenraten stiegen. Doch in der aktuellen Finanzkrise feiert diese Politik – um einige Zehnerpotenzen vergrößert – eine Wiederauferstehung.

Gerhard Jelinek: Reden, die die Welt veränderten. 310 Seiten, Ecowin Verlag, Salzburg 2009.

© SN/SW

 
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