„Dann müssen die Griechen eben Insolvenz anmelden“

19. März 2010 | 09:16 | | Karin Zauner |
Interview. Der Deutsche-Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin meint, Griechenland sollte ein abschreckendes Beispiel werden.
Thilo Sarrazin hielt diese Woche einen Vortrag in Salzburg. (Bild: SN/Kolarik).

Thilo Sarrazin hielt diese Woche einen Vortrag in Salzburg. (Bild: SN/Kolarik).

Karin Zauner
Thilo Sarrazin ist Vorstand der Deutschen Bundesbank und bekannt für seine scharfen Äußerungen. Der Management Club Salzburg hat ihn zu einem Vortrag über die Unzulänglichkeiten von Prognosen eingeladen. Die SN sprachen mit ihm bei dieser Gelegenheit über das Dilemma mit Griechenland und den Euro.

SN: Die EU-Staaten haben sich zumindest schon auf Hilfsmechanismen verständigt, wie den Griechen geholfen werden könnte. Was halten Sie davon?

Sarrazin: Griechenland hat ein Haushaltsloch in der Höhe von 25 Prozent seiner Ausgaben. Als ich 2001 in Berlin Finanzsenator wurde, hatte ich auch ein Haushaltsloch von 25 Prozent. Am Ende hatte ich nach fünf Jahren einen Überschuss. Jetzt haben wir nicht im Entferntesten den Fall, dass man sagen könnte, Griechenland habe alle objektiven Möglichkeiten ausgeschöpft, um seinen Haushalt im Lauf der nächsten Jahre zu sanieren. Das heißt, es besteht gar keine Notwendigkeit über Hilfen nachzudenken.

SN: Was ist, wenn Griechenland seine Schulden nicht mehr refinanzieren kann?

Sarrazin: Dann muss Griechenland das tun, was jeder Schuldner tut – es meldet eben Insolvenz an.

SN: Aber das ist doch für viele ein Schreckgespenst. Unter anderem, weil dies eine große Gefahr für den Euro wäre.

Sarrazin: Das hat mit dem Thema Währung nichts zu tun. Dass General Motors in die Insolvenz gegangen ist, hat den Dollar nicht beeinträchtigt. Wieso soll es den Euro beeinträchtigen, wenn Griechenland mit 300 Milliarden Euro insolvent geht? Dann würde Griechenland mit seinen Gläubigern über Schuldverzicht oder Zinsaussetzungen verhandeln müssen. Das ist nicht die Sache der Staaten. Dies wäre das richtige abschreckende Beispiel für alle übrigen potenzielle unsoliden Staaten.

SN: Die da wären?

Sarrazin: Die Niederlande, Deutschland, Österreich, Belgien und Luxemburg werden nicht diese Probleme bekommen, weil sie eine andere Mentalität haben. Wir werden es am Ende immer irgendwie schaffen, unsere Haushalte solid zu gestalten. Bei Griechenland geht es nicht um die Frage der objektiven Unmöglichkeit. Wenn es in Griechenland ein schweres Erdbeben gegeben hätte, würden die Milliarden zu Recht fließen.

SN: Aber manche argumentieren, dass im Fall Griechenland nun auch eine Sondersituation herrsche, die für eine Ausnahme herhalten könnte.

Sarrazin: Die politische Unmöglichkeit, sich in einem Land in seinen demokratischen Organen im Dialog mit den Bürgern auf vernünftige Maßnahmen zu einigen, ist keine objektive Unmöglichkeit.

SN: Bringt Griechenland den Euro in Gefahr?

Sarrazin: Unmittelbar besteht für den Euro überhaupt keine Gefahr. Aber wenn EU-Hilfe die einzige Sicherung ist, die wir dagegen haben, dass einzelne Länder eine dauerhafte unsolide Finanzpolitik und damit ein Übermaß an Schulden machen, dann ist das eine Gefahr, aus der unabsehbare Risken wachsen. Stellen wir uns vor, wir helfen jetzt Griechenland und dann läuft der Wirtschaftsaufschwung nicht so recht. In vier oder fünf Jahren hätte eine große Zahl der Euroländer Schuldenprobleme. Dann würde ein Riesendruck auf die Europäische Zentralbank entstehen, die Geldpolitik so locker zu machen, dass man die Schulden auch mit Inflation abwenden kann. Das war lang der übliche Weg in Frankreich Spanien und Italien, um die Probleme zu lösen.

SN: Warum ist Deutschland bei Griechenland so zögerlich?

Sarrazin: Deutschland hat nach dem Krieg durch die Kombination einer starken Industrie und einer relativ zurückhaltenden Lohnpolitik letztlich ein Modell geschaffen, bei dem die eigene Währung sehr stark war. Das führte dazu, dass die Deutsche Bundesbank die Geldpolitik für ganz Europa gemacht hatte. Das war für Franzosen ein moralisch unerträglicher Zustand. Darum wollten sie die Währungsunion haben. Dann wurde aber das deutsche Modell auf europäische Ebene übertragen. Die Franzosen müssen nun erkennen, dass sie zwar das Währungsproblem gelöst haben, aber nicht das mit der Wettbewerbsfähigkeit ihrer Wirtschaft.

SN: Jetzt kritisieren aber gerade die Franzosen Deutschland wegen ihrer Exportüberschüsse und meinen, Deutschland erziele auf Kosten anderer Erfolge. Können Sie dieser Kritik etwas abgewinnen?

Sarrazin: Die Lohnkosten in der deutschen Industrie sind auch nicht niedriger als in Frankreich. Die der Franzosen waren allerdings vor zehn Jahren niedriger. Sie haben dann das Gesetz missachtet, dass sie, wenn ihre Wirtschaft nicht so produktiv ist wie die der Deutschen, nicht die
gleichen Löhne zahlen dürfen.
Die Kritik hat aber einen wahren Kern. Kein Land kann dauerhaft große Exportüberschüsse haben. Deutschland hat kein Problem der zu niedrigen Löhne, sondern des zu geringen internen Verbrauchs.

SN: Braucht es dafür nicht höhere Löhne?

Sarrazin: Nein. Wenn es gelänge, einen Teil der deutschen Arbeitslosen in Arbeit zu bringen, dann gäbe es mehr interne Absorption.

SN: Klingt angesichts steigender Arbeitslosigkeit zynisch.

Sarrazin: Die Wirtschaft braucht mehr Flexibilität. Wenn man sich informeller von Mitarbeitern trennen könnte, würde man sie auch informeller anstellen. Das geht tief an deutsche und österreichische Mentalitäten. Da stehen wir uns selbst im Weg. Das erklärt einen Teil unserer Exportüberschüsse. Aber zu sagen, wir erhöhen unsere Löhne so, dass Renault besser mit uns in China konkurrieren kann, ist nicht Sinn der Sache.

© SN/SW

 
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Andreas Koller

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