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Vegane Ernährung bei Jugendlichen Risikofaktor

Der Bericht über einen Vortrag von Sibylle Koletzko beim Pädiatrischen Symposium in Obergurgl habe die Vortragende nicht richtig wiedergegeben.

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Vegane Ernährung bei Jugendlichen Risikofaktor

Symbolbild: SN/Ratzer

Da dieser Bericht von der Nachrichtenagentur APA übermittelt wurde, haben wir die Agentur zu einer Stellungnahme aufgefordert, die bis Dienstag erwartet wird. Bis zur Klärung geben wir hier die Gegendarstellung der Referentin und zu Dokumentationszwecken den ursprünglichen Agenturbericht wieder.

Gegendarstellung

Der Bericht in den Salzburger Nachrichten über meinen am 18.1.2013 beim Pädiatrischen Symposium in Obergurgl gehaltenen Vortrag über restriktive Diäten ist sachlich falsch und irreführend. Die von mir wiedergegebenen wörtlichen Zitate habe ich so nie geäußert. So habe ich beispielsweise zu keinem Zeitpunkt von Ernährungsfanatikern gesprochen und auch nicht gesagt, dass die vegane Ernährung bei Jugendlichen eine besondere Gefährdung bedeutet. Ich habe die Gefahren sowohl einer selbstgewählten restriktiven Ernährung als auch einer medizinisch indizierten Restriktionsdiät herausgestellt.

Auch habe ich sachlich auf die möglichen gesundheitlichen Vorteile einer vegetarischen und einer veganen Diät sowie auf potentielle Gesundheitsrisiken einer Ernährung ohne tierische Produkte hingewiesen, besonders wenn keine Supplementierung mit Mikronährstoffen wie Vitamin B12 erfolgt.

Vor allem habe ich auf Risiken restriktiver Diäten hingewiesen, die aufgrund fehlender oder nicht abgesicherter diagnostischer Tests von Ärzten und Heilpraktikern bei Verdacht auf Nahrungsmittelunverträglichkeit empfohlen werden. Dieses ist dann besonders einschneidend, wenn schon eine vegetarische oder vegane Diät verzehrt wird und/oder keine Beratung durch eine Ernährungsfachkraft erfolgt. Patienten mit restriktiven Diäten laufen auch Gefahr, dass ihre Beschwerden auf die Diät zurückgeführt werden und zugrunde liegende Organerkrankungen übersehen, nicht oder erst verzögert erkannt werden. Bei einem von mir bei dieser Ärztetagung diskutierten, vollständig anonymisierten Falles eines jugendlichen Mädchens mit veganer Ernährung hatte erst die unbegründete Elimination von Getreideprodukten und Soja aufgrund nicht zuverlässiger Testverfahren bei einer nicht erkannten, zugrundeliegenden Organerkrankung zu einer Mangelernährung geführt.

Die psychosozialen Folgen einer restriktiven Diät wurden von mir nicht in Zusammenhang einer veganen Ernährung diskutiert. Als Beispiele für Verhaltensauffälligkeiten, soziale Isolierung und Essstörungen wurden Bespiele und Studien von Kindern mit multiplen Nahrungsmittelallergien, Stoffwechsel- und anderen Organerkrankungen genannt, bei denen eine spezielle Diät medizinisch notwendig ist. Umso wichtiger ist es, dass restriktive Diäten bei Kindern und Jugendlichen nicht aufgrund unzuverlässiger Diagnostik eingesetzt werden.

Ich bedaure sehr, dass von der Nachrichtenagentur apa ein Tagungsbericht verbreitet wurde, der meine Ausführungen falsch wider gibt. Von diesem Bericht erhielt ich erst durch die weiter veränderte Widergabe in den Salzburger Nachrichten Kenntnis, ohne dass ich Gelegenheit zur Stellungnahme oder Korrektur hatte.

Sibylle Koletzko, München

Ursprünglicher Bericht

Restriktive Diäten können Kinder und Jugendliche gefährden - beim Ernährungsstatus, der sozialen Kontaktfähigkeit und in der psychologischen Situation. Das sagt die Ernährungsexpertin Sibylle Koletzko.

Unabhängig davon, ob diese aufgrund von "Lebensstil" oder infolge von vermeintlichen oder wirklich durch Ernährungsfaktoren (ko-)verursachten Gesundheitsproblemen eingehalten werden. Besonders risikoreich erscheint eine strikt vegane Ernährung bei Kindern und Jugendlichen. Das ging Freitagvormittag aus einem Vortrag der deutschen Expertin Sibylle Koletzko (München) beim 39. Internationalen pädiatrischen Symposium in Obergurgl in Tirol (bis 19. Jänner) hervor.

"Restriktive Diäten (Auslassen einer oder mehrerer wichtiger Ernährungskomponenten, Anm.) begegnen wir immer häufiger", sagte die Expertin von der Kinderklinik und Poliklinik im Dr. von Haunerschen Kinderspital (Ludwig-Maximilians-Universität). Ursachen und Motivation sind unterschiedlich: "Unkritisch selbst gewählte Ernährung aus weltanschaulichen oder ähnlichen Gründen"; Beschwerden, die (vor)schnell auf die Ernährung zurückgeführt und ohne wissenschaftliche Evidenz mit solchen Diäten "behandelt" werden - und schließlich die wirklich medizinisch angezeigte Eliminierung eines oder mehrerer bestimmter Nahrungsmittel. Auch letzteres kann potenziell gefährlich Auswirkungen haben.

Sybille Koletzko stellte den frappierenden Fall einer 15-Jährigen dar, die am 4. Jänner dieses Jahres nach einem Jahr starker Bauchschmerzen, mit starkem Untergewicht (BMI von 14) und bereits ausbleibenden Monatsblutungen in ihre Klinik gekommen war. Fünf verschiedene Ärzte plus ein Psychotherapeut hatten sie bereits betreut. Seit zehn Monaten hatte sich die aus einer Familie vegetarischer Ernährung nur noch vegan (rein pflanzliche Produkte) ernährt. "Sie ernährte sich fast nur noch von Reiswaffeln", sagte die Expertin.

Die tägliche Kalorienzufuhr betrug mit 1.180 Kilokalorien nur noch 47 Prozent des Soll. Beim Fett kam sie auf 32 Prozent, bei den Kohlehydraten auf 52 und beim Protein auf 82 Prozent. Es bestand auch teilweiser Vitaminmangel. Der schließlich objektiv festgestellte Grund für die Bauchschmerzen und Verdauungsprobleme, die mit der immer restriktiveren Ernährung "behandelt" worden waren: eine chronische Gastritis durch eine Magenkeim-Infektion (Helicobacter Heilmanii) - offenbar erworben von der Hauskatze. Und dieses Tier hatte die Familie, obwohl die Jugendliche auch eine Tierhaarallergie aufwies.

Die Expertin: "Patienten und Familien mit restriktiven Diäten sind häufig 'auffällig'." Sie hätten ganz eigene Erklärungsmodelle für Gesundheit und Krankheit und würden auch schnell "zu Ärzten mit alternativen Heilmethoden neigen". Statt einer wissenschaftlich fundierten Abklärung - die Magenkeim-Infektion ließ sich zum Beispiel eben nur durch entsprechende Untersuchungen belegen -, kommt es laut den Erfahrungen der deutschen Expertin leicht dazu, dass die Betroffenen immer engeren Ernährungsratschlägen immer fanatischer folgen - mit erst recht negativen gesundheitlichen Konsequenzen. Durchaus leicht behebbare Krankheitsursachen können dabei leicht übersehen werden.

Völlig ungeeignet - so die deutschen Empfehlungen (in den USA nur bei entsprechender Substitution sonst fehlender Nahrungsbestandteile als geeignet angesehen) - ist eine rein pflanzliche Ernährung für Schwangere, Stillende und im gesamten Kindesalter. Vitamin B-Mangel kann hier sogar zu bleibenden Gehirnschäden führen. In einer niederländischen Studie, so die deutsche Expertin, schnitten Kinder aus Familien mit makrobiotischer Ernährung in einer Langzeitstudie anhaltend schlecht bei den kognitiven Leistungen als die Kinder einer Vergleichsgruppe ab.

Bei Kindern von Ernährungsfanatikern kommen aber auch noch andere negative Faktoren zum Tragen: soziale Isolierung durch den Gruppenstress in der Familie, Angst vor Diätfehlern, überprotektives Verhalten vor allem der Mütter, schlechtes Gewissen beim "Naschen" und ein höheres Risiko für die Entwicklung von echten Essstörungen.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

da dieser Bericht über eine Tagung enormes Interesse, aber auch eine sehr kontroverse Diskussion ausgelöst hat, hier eine kurze Stellungnahme der Redaktion:

Wir beobachten die Diskussion und den Aufruf der "Vegane Gesellschaft Österreich" unter dem Titel "Katastrophaler Text in den Salzburger Nachrichten - bitte nutzt die Kommentarfunktion unterhalb des Textes oder schreibt Leser_innenbriefe" seit sie entstanden ist.

Wir halten uns als Redaktion bei der Diskussion bewusst zurück, da es sich um einen Agenturbericht handelt, der einen Vortrag einer Ärztin am 39. Internationalen pädiatrischen Symposium in Obergurgl in Tirol wiedergibt. Dieser Bericht ist in gleicher Form auch auf anderen Websites zu finden.

Wir sehen im dargestellten Fall keine Verletzung von Persönlichkeitsrechten, da der geschilderte Fall völlig anonymisiert ist.

Wir als Medium geben gerne Raum für Diskussion, so sie nicht beleidigend ist oder Persönlichkeitsrechte verletzt werden.

Wir werden daher dieses Forum weiter offen halten - so die Diskussion in geordnetem Rahmen bleibt.

Mit freundlichen Grüßen

Die Redaktion

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KOMMENTARE (142)
 

Ulrich Neumeister

01.02.2013 
16:09 Uhr

Weil die China-Study immer wieder dafür herhalten muss, wenn es darum geht, die vegane Ernährung als gesund zu verkaufen, möchte ich folgendes klarstellen: Bei der China-Study geht es gar nicht um Veganismus, sondern um Chinesen, die vergleichsweise geringe Mengen an tierischem Protein verzehrten. Daraus den Schluss zu ziehen, der Mensch könne komplett auf alle tierischen Produkte verzichten (z.B. auch auf Butter) ist ziemlich naiv: selbst in China lebte noch nie ein Mensch vegan!

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Ulrich Neumeister

29.01.2013 
16:46 Uhr

Es ist auf jeden Fall korrekt, wenn man die vegane Ernährung als eine "restriktive Diät" bezeichnet, weil Veganer kategorisch alle tierischen Produkte ablehnen!!! Dass das langfristig vorteilhaft für die Gesundheit sein soll, ist ein großer Irrtum: Der Veganismus ist genau betrachtet die Kulmination sämlicher Ernährungslügen der letzten 100 Jahr! Dazu gehört z.B. die irrige Annahme, dass tierische Fette die Cholesterinwerte erhöhen oder dass man von einer fettreichen Ernährung dick wird.....

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Ulrich Neumeister

29.01.2013 
11:08 Uhr

Obwohl ich nicht für Nestlé arbeite, kann ich nur eindringlich davor warnen, sich vegan zu ernähren! Ihr werdet kaum jemand finden, der sich so intensiv mit dieser Ernährung befasst hat, wie ich es getan habe: Keine Ernährung ist derart ungesund und wider die Natur wie der Veganismus!!.Das lässt sich ganz leicht wissenschaftlich belegen, was ich z.B. in diesem Forum ausführlich getan habe: http://www.naturkost.de/cgi-bin/yabb2/YaBB.pl?num=1333147598/15#15

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