Zurück in die Zukunft mit "Hugo Cabret"
Von Magdalena Miedl | Aktualisiert vor 105 Tagen
Bei den Oscars wird dieses Jahr möglicherweise ein Film abräumen, der ganz und gar ungewöhnlich wirkt: "Hugo Cabret" (elf Nominierungen) ist die Verfilmung des Kinderbuchs "Die Entdeckung des Hugo Cabret" von Brian Selznick, einer Mischung aus Bilderbuch, Abenteuergeschichte und Comic.
Der Film handelt von dem Waisenkind Hugo (Asa Butterfield), das im Paris der 1930er-Jahre im Dachstuhl eines gigantischen, verwinkelten Bahnhofs lebt. Um nicht ins Waisenhaus zu kommen, muss Hugo sich versteckt halten. Täglich zieht er alle Uhren des Bahnhofs auf, und dazwischen versucht er, einen besonderen Automaten zu reparieren, den ihm sein Vater (Jude Law) hinterlassen hat. Dafür klaut er im ganzen Bahnhof Einzelteile, etwa bei dem Spielzeughändler George (Ben Kingsley), der ihn allerdings erwischt.
Zum Glück ist aber Isabelle (Chloë Grace Moretz) auf Hugos Seite, die abenteuerlustige Enkelin des Spielzeughändlers. Sie geht mit dem staunenden Hugo ins Kino, er zeigt ihr seine geheime Welt im Inneren der Uhren des Bahnhofs. Gemeinsam versuchen sie, den Automaten wieder in Gang zu bringen, und stoßen dabei auf ein Geheimnis, das sie auf die Spur des Stummfilmpioniers Georges Méliès bringt.
"Hugo Cabret" ist der untypischste Film von Martin Scorsese, dem Regisseur von Klassikern wie "Goodfellas" und "Taxi Driver", und zugleich möglicherweise jener, der ihm selbst am nächsten ist: ein spektakulärer Kinderfilm für ältere Herrschaften. Der Film ist durchsetzt mit Zitaten und Filmausschnitten aus den frühesten Jahren der Lichtbildkunst, als fahrende Kinovorführer auf Jahrmärkten Projektionen von einfahrenden Zügen zeigten und eben auch Méliès’ surreale Fabeln um Mondfahrten und Elfen.
Scorseses Leidenschaft für das frühe Kino ist bekannt, und "Hugo Cabret" ist eine Hommage an diese Kunst, ausgerechnet mit modernster Computertechnik und im 3-D-Verfahren umgesetzt: eine Feier der technischen Möglichkeiten eines verspielten Kinos, das jenseits von Actionkracherei die Fantasie stimuliert.
Ein Filmprojekt, bei dem sich scheinbare Gegensätze begegnen und als nah verwandt erweisen, klingt hoch spannend, und doch: Die Figuren bleiben seltsam seelenlos, die Vielzahl der Erzählstränge aus dem Kinderbuch überfordern im Kino.
Alles scheint nur zu geschehen, um zu demonstrieren, wie einfallsreich die Filmpioniere waren. Das macht "Hugo Cabret" jedoch nicht automatisch zu einem guten Film. Nicht der Erfindungsreichtum, der immer die Seele des Kinos war, steht im Mittelpunkt, nein: Sobald die Kinder auf die Spur von George Méliès gekommen sind, geht es um einen enttäuschten Filmemacher, dessen Werk fast verloren gegangen wäre und der daran zerbrochen ist.
Bestimmt ist "Hugo Cabret" reizvoll als magisch-realistisches Kinomärchen für eingeweihte Cineasten. Als eigenständiger Kinofilm enttäuscht er aber.
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