Sting-Konzert in Wien: "Back To Bass"
Von Sn, Apa | Aktualisiert vor 93 Tagen
Also gut: "Zurück auf Anfang" ist etwas übertrieben. Denn sonst hätte Sting in einem Club-Lokal spielen oder mit einer Jazz-Bigband auftreten müssen. Tat er aber nicht. Und das Police-Lineup war am Sonntag im ausverkauften Wiener Gasometer auch nicht auszumachen. Aber da hätte er eigentlich zur Gitarre greifen müssen. Wie auch immer: Wohltuend zu sehen, dass er noch kann, was er immer schon konnte: Einfach saugute Musik machen. Viel Neues war aber nicht dabei. Doch das ist wohl das Wesen einer retrospektiven Konzert-Überschrift.
Das wurde aber auch Zeit! Nach Abstechern ins Symphonische, Folkloristische und Mittelalterliche schwang der "Polizist" a. D. endlich wieder seinen optisch schon ziemlich ramponierten Tieftöner, durchstreifte in feiner Spiellaune seinen Solokatalog inklusive einer Handvoll Police-Nummern und hatte Mut zur Lücke: Kein einziger Titel seines 80er-Meisterwerks "Nothing Like The Sun" wurde wiederbelebt, und auch "Roxanne" erstrahlte nicht im Rotlicht der Scheinwerfer. Dafür schimmerte eine lang verschollene Songperle, die Fuchspärchenballade "End Of The Game" wie nur was, denn stimmlich - gestochen unscharf wie eh und je - präsentierte sich der charismatische Nordengländer in Bestform.
"All This Time" eröffnete themengerecht die Zeitreise in die Zeitlosigkeit, die sich ausschließlich der Musik widmete. Sämtliche Songs wirkten ballastbefreit, die melodischen Kernsubstanzen schienen herausgeschält. Auch Bühne und Beleuchtung erfüllten lediglich Grundfunktionen: Stehen können und gesehen werden. Selbst Stings Outfit unterstrich die Geradlinigkeit des Gebotenen: Jeans und ein eng anliegendes T-Shirt, das die Fitness des 60-jährigen Körpers wahrlich gnadenlos betonte und den Schreiber dieser Zeilen in seiner Entscheidung bestätigte, doch den Schlabberpulli angezogen zu haben.
So mancher Begleitmusiker bediente ebenfalls den Nostalgiefaktor. Nach langer Pause wieder mit dabei: Vinnie Colaiuta, einer der arriviertesten Session-Schlagwerker mit Hang zu hohem, selbstauferlegtem Schwierigkeitsgrad, begleitete Sting erstmals vor 20 Jahren. Noch länger musiziert Gitarrist Dominic Miller schon an des Meisters Seite, allerdings nahezu durchgehend. Miller brachte diesmal sogar sein Erbgut ein, versorgte doch Sohnemann Rufus die Darbietung mit Background-Vocals und Gitarre. Noch dazu - Kinder wie die Zeit vergeht! - haben Sting als Solist und besagter Rufus als Neugeborener nahezu zeitgleich den ersten Plärrer in die Welt getan. In der Hintermannschaft glänzte mit Geige und Stimme die Australierin Jo Lawry, die schon bei der vorangegangenen "Symphonicities"-Tour ihr Organ spendete, und Peter Tickell erwies sich als virtuoser Violinist, vor allem bei den zwei sehenswerten Soli, wo er die Geigensaiten nahe an den Schmelzpunkt schmirgelte. Allerdings wurde unverzeihlicherweise der traditionelle Tastenmensch eingespart, und da gab es in der Vergangenheit durchwegs großartige. Und ganz zum Schluss, ganz allein, "Message In A Bottle". Da griff Sting dann doch zur Gitarre. Also doch: "Zurück auf Anfang"! Ha!
Mit rund 1800 Konzerten in seiner Solokarriere ist Sting als volksnaher Superstar zu bezeichnen. Herumsitzen und Langeweile erträgt er nicht, somit wird die nächste Tour nicht lange auf sich warten lassen. Doch vorher - bitte! - ab ins Studio und wieder mal was Neues auf Platte bringen. Wäre ein Wunsch.
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