Richter: Konzentrat aus Tausend
Von Gerald Felber | Aktualisiert vor 102 Tagen
"Es gibt Dinge, die man nicht erklären kann. Sie kommen in die Welt, entfalten ihre Wirkung, und man hat keine Worte dafür." Damit meinte Udo Kittelmann, Direktor der Berliner Nationalgalerie, die Gerhard-Richter-Retrospektive, die ab morgen, Sonntag, zu sehen ist. Berlin ist nach London, vor Paris die mittlere von drei Stationen der jeweils anders um einen Kernbestand gruppierten Schau.
Faszinierend, wie die Weite des Raums genutzt wird, um Korrespondenzen über 30, 40 Meter hinweg zu bilden - mit einigen von Richters Glasscheiben-Skulpturen als Raumteiler. Fernblicke, die sich im Nahegelegenen reflektieren: Das ergibt ein Panorama - so heißt die Ausstellung - auch im elementar räumlichen Sinn.
Daraus resultiert nicht nur eine "Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen" (Kittelmann) zwischen abstrakten und figurativ angelegten Werken, sondern auch die Suggestion einer verschwenderischen Fülle über das Gezeigte hinaus: Als hätte man die knapp 140 gezeigten Werke wie Lego-Steine aus einem viel größeren Fundus nach Belieben kombinieren können, bis sich monochrom Graues zu expressiv Buntem und Formate zwischen Aktentasche und Lkw-Aufbau zu faszinierenden Rhythmisierungen fügen konnten.
Das im Entstehen befindliche, mit dem (auch in Berlin gezeigten) "Tisch" von 1962 beginnende Richter-Werkverzeichnis läuft auf die Nummer 1000 zu. Die auf dem Kunstmarkt weltweit verstreuten Arbeiten zu einem Konzentrat zu bündeln, in dem alles miteinander ins Sprechen kommt, was Richters Bild in der Kunstwelt ausmacht, gelang meisterhaft. Da korrespondieren altmeisterlich stille, auf Caspar David Friedrich oder Vermeer anspielende Landschaften und Porträts mit abstrakten Großformaten, deren wellenschlagende oder farbnebelwallende Flächen wild-zärtliche Traumsinnlichkeit ausstrahlen. Die Grauton-Kompositionen, mit denen der Künstler in den 1960er- und 1970er-Jahren seine Zeitungsausrisse und Städteschluchten gestaltete, werden beantwortet durch Acryl-Hinterglasmalereien der jüngsten Zeit ("Aladin") deren irisierende Pracht an überdimensionale Edelsteinschnitte erinnert.
Angesichts eines vordergründig disparaten Oeuvres weiß man dennoch sofort: Es ist trotzdem ein Mann, ein Geist - ausgestattet mit einem enormen Sinn für Atmosphärisches und einer hingebenden Liebe zur Stofflichkeit der Erscheinungen, der unerschöpflichen Vielfalt der Bildgründe und Pigmente, die gerade in den abstrakten Kompositionen eine Art Eigenleben gewinnen und deshalb auch mit der raffiniertesten Drucktechnik nur unvollkommen wiedergegeben werden können.
Die diesbezügliche Neugier des 80-Jährigen ist noch lang nicht am Ende: Gerhard Richters jüngste in Berlin gezeigte Arbeit sieht aus wie ein überdimensionaler Barcode mit scharf getrennten Farbbahnen; entstanden aber ist sie nicht mehr mit dem Pinsel, sondern mittels Digitaldruck am PC.
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