Bob Dylan: Schlendernd in den Untergang
Von Bernhard Flieher | 07.09.2012 - 06:30
Sanftheit schlendert als beschwingte Melodie daher. Es geht durch nächtliche Straßen - eine Bande aus Huren und Rausschmeißer-Typen kommt daher. Bedrohlich. Ihnen voran: Bob Dylan, der 71-Jährige. Hände in den Taschen geht’s durchs Video von "Duquesne Whistle", mit dem Anflug eines verschmitzten Lächelns, das sagt: Alles da gewesen - und ich immer dabei! Trotzdem erzählt er noch einmal alles: oft von Abgründen, selten von der Erhebung aus Furchtbarkeiten des Daseins.
Vor 50 Jahren, im März 1962, war Bob Dylans Debütalbum erschienen. Die Castros regierten schon Kuba. In der Zwischenzeit betrat der erste Mann den Mond - und starb vor Kurzem. Songwriter Dylan, der rund 600 Songs veröffentlichte, wurde seither zu einem der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts - mindestens.
Sein neues Album "Tempest", das heute, Freitag, 17406 Tage nach dem Debüt, erscheint, bestätigt dies eindrücklich. In zehn Songs werden Fiktion und Fakten zu klingenden Kunstwerken, die über alles und zu allen sprechen. "Ein Songschreiber schert sich nicht darum, ob etwas wahrheitsgetreu ist", sagte er kürzlich dem "Rolling Stone"-Magazin. "Es geht um die eigene Form der Wahrheit." Und diese Wahrheit entspricht bei Dylan immer einem Rätsel, das literarisch wie musikalisch aus beängstigend einleuchtenden und unergründlich tief greifenden Bildern besteht.
Die Sanftheit der ersten Takte erweist sich als trügerisch, weicht nach 40 Sekunden rumpelnder Aufbruchsstimmung. Wie der Eröffnungssong "Duquesne Whistle" bricht auf dem Album schier jede Zeile. Stimmungen wechseln plötzlich. Das liegt an Dylans Stimme, die seine Lyrik variantenreich drehen und Sätzen tonnenschwere Bedeutung geben kann. Wo Desaster nahe ist, erzählt er stoisch (etwa die Mördergeschichte "Tin Angel"). Wenn die Melodie poppig eine heile Welt herbeifunkelt, schauen wir in Schönheit, die bloß Einbildung ist ("Scarlet Town").
Gebaut wird auf Tradition: Countryrock, Bluegrass, Folkig-Balladiges, Rock. Dylan weicht nicht von der Linie, die er seit Jahren auch live bietet. In den vergangenen 20 Jahren spielte er rund 2000 Konzerte. Neue Dylan-Alben sind bei aller Kraft und Bedeutung Momentaufnahmen eines rastlosen Gesamtwerks.
Am Tag der Veröffentlichung seines 35. Studioalbums in Europa (in den USA erscheint es am 11. September - ungläubiger Thomas, wer bei diesem Datum Zufall vermutet!) tritt er in Holyoke, Massachusetts, auf. Und vor ein paar Tagen trat er in einem Amphitheater in Bethel auf, wo einst das Woodstock-Festival stattfand - nicht zuletzt wegen Dylan, der dort wohnte. Das Festival aber fand ohne ihn statt. Er hatte sich damals, als die Pop- und Bürgerrechtsbewegung der 1960er-Jahre ihre medienwirksamste Party feierte, schon der Gier der Öffentlichkeit nach dem "wahren" Dylan entzogen.
Womöglich, so zittern Dylanologen, könnte "Tempest" nun das letzte Album sein. Immerhin hieß das letzte Drama von Überdichter Shakespeare "The Tempest". Eben, sagt Übersongwriter Dylan: "The Tempest" und nicht "Tempest": "Das sind verschiedene Titel." Im Titelsong sinnt Dylan über die Titanic-Tragödie. Umbarmherzig schauen wir dem Schiff beim Sinken und den Menschen beim Untergang zu. Schon durch ihre Länge verweist die Ballade auf eine Dimension jenseits der Schiffstragödie: 13 Minuten, 54 Sekunden. 45 Strophen. Schonungslos, wie es Picasso bei "Guernica" malte, besingt Dylan die Wunden des Menschseins.
Vergleichbar ist das mit "Desolation Row" von 1965. In dem Song war auch schon von der Titanic die Rede: "The Titanic sails by dawn/everybody’s shouting: Which side are you on?" Um diese Grundfrage tobt "Tempest". Noble Helden gibt es und Versager, elende Hurensöhne und selbstlose Träumer. Sie alle dampfen dem Ende zu. Und es dampft die Assoziationsmaschine. Freilich kann ein Schöpfer wie Dylan dabei längst aufs eigene Werk zurückgreifen: In seiner Titanic-Geschichte lässt er etwa einen "Leo mit Skizzenbuch" mitspielen. Im Film "Titanic" sagte Leo DiCaprio: "When you got nothin’, you got nothin’ to lose" - ein Dylan-Zitat aus "Like a Rolling Stone".
Historische Tragödie, die subjektive Wahrheit jeder Erinnerung, die Aufarbeitung von Ereignissen durch die Geschichtsschreibung, Literatur, Popsongs oder Kino mischen sich. Dylans Kunst geistert zwischen allem. Er bewegt seine Geschichten in altertümlichen Settings, aber immer im Jetzt. Schlendernd, wie er in das Album trat, verlässt Dylan es wieder. Mit dem Blick eines, dessen Herz gebrochen ist, schaut er in "Roll On John" auf John Lennon. Die Ballade für den ermordeten Freund erweist sich wie das ganze Album als Lehrstück, wie Lebende die Erinnerung ans Vergangene wachhalten können: mit Respekt, ohne in Verklärung und Sentimentalität zu versinken und mit wachem Blick auf die Gegenwart.
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