Amnesty: Politik greift nach dem Pop
Von Bernhard Flieher | Aktualisiert vor 106 Tagen

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Wo Popmusik explizit politische Aussagen trifft, rast sie oft in die Peinlichkeit, wo aber die künstlerische Qualität dem sozialen Anlass nicht unterliegt, passiert auch Erstaunliches. Solches Erstaunliches gelingt - wieder einmal - der Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Amnesty kann seit langem auf Unterstützung aus dem Popszene zählen. U2, R.E.M., Green Day, Bruce Springsteen oder Tracy Chapman gingen für Amnesty schon auf Tour. Es gab bereits in den 1970er Jahren die legendär besetzten Secret-Policemen’s-Konzerte. 2007 erschien "Instant Karma: The Amnesty Campaign to Save Darfur", wofür Songs von John Lennon verwendet werden durften.
Nun gibt es Neues: 80 Künstler haben für eine CD-Box 76 Songs von Bob Dylan aufgenommen. 70 wurden extra eingespielt. Der Rest stammt aus Archiven. "Chimes of Freedom - The Songs of Bob Dylan Honoring 50 Years Of Amnesty International" heißt das Werk, das am Wochenende veröffentlicht wurde.
Dylan und Amnesty haben in etwa eine gleich lange "Karriere". Als Amnesty 1961 in London gegründet wurde, machte sich Dylan in New Yorker Musikclubs einen Namen. Und freilich sind auch die grundsätzlichen Ideale in Dylan Musik, sein genauer, kritischer Blick auf die Entwicklung der Gesellschaft vergleichbar mit Amnestys Wachsamkeit beim Kampf für die Menschenrechte.
400 Songs gab Dylan für das Projekt frei. Produzent Jeffer Ayeroff suchte für Amnesty nach Künstlern. Sie alle bezahlten die Aufnahmen selbst. Es gibt ein paar übliche Verdächtige - Joan Baez, Pete Seeger, Kris Kristofferson. Vor allem aber gibt es überraschende Gänsehaut-Momente - die intensivsten liefern zwei Frauen: Patti Smith und Kesha. Smith wählte eine raue, altersweise Version von "Drifter’s Escape", in der Verzweiflung fühlbar wird. Dance-Popperin Kesha kriecht a cappella förmlich in "Don’t Think Twice It’s All Right". Allein im Schlafzimmer hat sie den Song aufgenommen und es ist, als spreche der Song mehr zu ihr als dass sie ihn singe. Pete Townsend liefert eine karge Version von "Corinna Corrina". "Ich möchte, dass der Song ein Symbol ist für eine Person, die irgendwo allein in eine Zelle gesperrt ist, ein Opfer eines repressiven Regimes", sagt er. Ein Generationen übergreifendes Projekt entstand. Die jüngste Künstlerin ist Miley Cyrus mit 19 Jahren, ältester ist Pete Seeger mit 92. Der Klang reicht vom Soul Adeles, über die gebetsartige Ruhe von Sinead O’Connor bis zu hartem Rock und schrägen Kombination - etwa Lenny Kravitz mit einer Brass-Band von den Bahamas.
Die Bandbreite ergibt einen frischen Blick auf Dylans Werk, ist aber nicht reiner künstlerischer Selbstzweck. Die aufwändige Angelegenheit muss schließlich auch einem ganz handfesten Zweck dienen: Es soll eine möglichst breite Käuferschicht angesprochen werden. Es geht um Geld für den weltweiten Kampf gegen Menschenrechtsverletzungen.
"Dieses Album rettet Leben", steht auf der Amnesty-Homepage.
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