Welt | Chronik

"Die Aufsicht hat nicht funktioniert"

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Nach dem Atomunfall steht Japans politische Klasse vor dem Umbruch. Auch in der Energiepolitik werde sich manches ändern, sagt Japan-Experte Florian Coulmas im SN-Gespräch.

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Naoto Kan machte im Krisenmanagement keine gute Figur – er trat im August 2011 zurück.

Naoto Kan machte im Krisenmanagement keine gute Figur – er trat im August 2011 zurück.

Kan im Katastrophengebiet.

Kan im Katastrophengebiet.

Gequältes Lächeln vor den Kameras.

Gequältes Lächeln vor den Kameras.

Ungläubige Blicke des Entsetzens.

Ungläubige Blicke des Entsetzens.

Der Moment, als klar war: Im Kernkraftwerk tobt eine Kernschmelze.

Der Moment, als klar war: Im Kernkraftwerk tobt eine Kernschmelze.

Der Regierungssprecher, der bald den Hut nehmen musste.

Der Regierungssprecher, der bald den Hut nehmen musste.

Kan macht sich von oben ein Bild von den Verwüstungen.

Kan macht sich von oben ein Bild von den Verwüstungen.

Der Premier in der Kommandozentrale.

Der Premier in der Kommandozentrale.

Mit Einsatzkräften im Norden des Landes.

Mit Einsatzkräften im Norden des Landes.

Hilflos und überwältigt von der Katastrophe.

Hilflos und überwältigt von der Katastrophe.

Trauerminute für die Opfer.

Trauerminute für die Opfer.

Zu Besuch bei Vertriebenen.

Zu Besuch bei Vertriebenen.

Kan erklärte im Herbst des Vorjahres seinen Rücktritt.

Kan erklärte im Herbst des Vorjahres seinen Rücktritt.

Inmitten seiner Parteifreunde.

Inmitten seiner Parteifreunde.

Der Abgang von Kan.

Der Abgang von Kan.




Heute, ein Jahr nach der großen Katastrophe, lehnen 70 bis 75 Prozent der japanischen Bevölkerung die Atomenergie ab. Noch 2005 haben laut einer Umfrage der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien 80 Prozent der Japaner auf die Atomkraft gesetzt. "Das ist ein sehr drastischer Umschwung," konstatiert Florian Coulmas, Direktor des Deutschen Instituts für Japanstudien in Tokio. In seinen Augen hat sich inzwischen erwiesen, "dass der große Atomkonsens in Japan hauptsächlich auf einer sehr erfolgreichen PR-Arbeit der Regierung und der Versorgungsbetriebe beruht hat".

Japans Politik hingegen hat sich nach dem Eindruck von Coulmas noch nicht von der Atomenergie verabschiedet, weder die Regierung noch die Opposition. Die Abhängigkeit von der Atomkraft zu verringern, hat Premier Kan zu seiner Sache gemacht - "ein Grund dafür, dass er abgesägt wurde". Sein Nachfolger Noda sagt realistisch nur, dass im Moment und in näherer Zukunft keine weiteren Kraftwerke gebaut würden. Das läuft laut Coulmas auf ein Szenario hinaus, das "dem Schweizer Modell ähnlich" ist: kein abrupter Ausstieg, aber ein langsamer Abbau und eine allmähliche Ersetzung der Kernkraft durch erneuerbare Energien.

Im Sommer will Japans Regierung ein neues energiepolitisches Konzept vorlegen. "Ginge es nach der politischen Elite," sagt Florian Coulmas im SN-Gespräch, "würden die inzwischen fast alle abgeschalteten Atomkraftwerke wieder in Betrieb genommen werden". Dazu braucht man freilich die Zustimmung der lokalen Politik, also der Präfektur-Gouverneure und der Bürgermeister jener Gemeinden, auf deren Gebiet die Reaktoren stehen. Das wird schwierig, solange sich der Widerstand in der Bevölkerung gegen die Atomenergie hält.

Vor der Katastrophe hat Japan ein Drittel seines Energiebedarfs mit Atomstrom gedeckt. Der Grund, seit Anfang der 70er Jahre so stark in Kernenergie zu investieren und diese auszubauen, war ja, wie Coulmas erläutert, "die Abhängigkeit vom Öl zu verringern". Denn der Inselstaat Japan importiert derzeit einen großen Teil seines Energiebedarfs. Fällt die Atomenergie als Stromquelle weg, muss die weltweit drittgrößte große Volkswirtschaft Energie-Einfuhren steigern. "Das wird sich vor allem auf dem internationalen Gasmarkt durch ganz rasante Preissteigerungen auswirken," prognostiziert Coulmas.

Energiesparen war eine Antwort der Japaner auf den Atomunfall. Inzwischen kann Coulmas von der etwas gedämmteren Beleuchtung in der Metropole Tokio nicht mehr viel bemerken. Deshalb zweifelt der Experte daran, dass die ersten Reaktionen der japanischen Bevölkerung nach der Katastrophe tatsächlich den Auftakt zu einer Änderung des Lebensstils markiert haben.

Aber Coulmas ist davon überzeugt, "dass sich in der Energiepolitik manche Dinge ändern werden". Denn in seinen Augen hat sich die enge Verflechtung von Politik, Wirtschaft und Technik gerade auf dem Energiesektor, wo kaum Konkurrenz herrscht, verhängnisvoll ausgewirkt. Der Staat hat zehn Quasi-Monopolisten viel Raum gelassen; die Aufsicht funktionierte nicht. So konnte es geschehen, dass der AKW-Betreiber Tepco alle Warnungen in den Wind schlug und seine Reaktoren nicht durch Schutzwälle gegen hohe Tsunamiwellen sicherte - "ein absolut unverzeihlicher Fehler" (Coulmas). "Das für die Sicherheitskontrolle der ganzen Atomindustrie zuständige Ministerium war das gleiche Ministerium, das für die Förderung der Atomindustrie sorgen sollte. Dieser Konstruktionsfehler ist bereits beseitigt worden. Das garantiert künftig eine größere Unabhängigkeit der Kontrolle."

Das Vertrauen der Japaner in Politik, staatliche Institutionen und Technik habe dadurch stark gelitten, stellt der Experte fest. "Ein großes Dilemma für Japan - denn das sind ja tragende Säulen der Gesellschaft."

Japan habe auch große Stärken, betont Coulmas: eine außerordentlich potente Industrie, eine disziplinierte, motivierte Bevölkerung. Das Land sei technologisch auf vielen Gebieten führend in der Welt, die Nr. 1 bei der Vergabe von Patenten. Doch zu viel hänge von der Politik ab, sagt Coulmas. So ist er nicht sicher, ob die aktuelle Krise tatsächlich zu einem Katalysator werden kann, damit Japan mit den Problemen fertig wird.

 
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