Wo die Bagger nicht mehr stillstehen
Von Michael Smejkal | 08.11.2012 - 11:42
So richtig hat das Schloss mit seinen roten Backsteinmauern noch nie nach Schladming gepasst. Im Jahr 1884 ließ Prinz August, Herzog von Sachsen-Coburg-Gotha, ein Jagdschloss errichten, das seit 1940 der Gemeinde gehört und heute als Rathaus dient.
Wenn in drei Monaten die alpine Ski-WM in Schladming beginnt, dann wird das historische Gebäude als eines der wenigen Häuser daran erinnern, dass es auch einmal eine Zeit vor der WM 2013 gegeben hat - denn Schladming wurde grundlegend umgegraben. Feste Schuhe sind folglich Pflicht bei einem Lokalaugenschein, Ohrenschutz und ein Helm können auch nicht schaden. Für die WM wurde so ziemlich alles neu errichtet, vom Bahnhof über die neue Stadteinfahrt Nord bis hin zu den Hotels und Appartementhäusern, die wie Pilze dort in die Höhe schießen, wo vor Jahren noch Einfamilienhäuser aus den 70er-Jahren vom ersten Profit des Wintersports zeugten. Und viele Baustellen in Schladming könnten Geschichten erzählen. Denn wo und wie Spitzhacke und Bagger eingesetzt worden sind, war mitunter heftig umstritten.
Als Symbol dafür durfte der Loop dienen, jener blaue Bogen, der das Zielgelände in Schladming überspannt hat. Für die Schladminger war es so etwas wie ein Wahrzeichen, für den die WM veranstaltenden Österreichischen Ski-Verband (ÖSV) eine echte Fehlplanung. Denn der Loop stand den Tribünen im Wege, die der ÖSV in Schladming einziehen muss, um mit der WM auch den erhofften Millionengewinn (siehe Kasten) zu machen. Auch diese Kraftprobe ist ausgegangen wie alle anderen in Schladming zuvor: ÖSV-Boss Peter Schröcksnadel ließ den Loop am 30. Oktober abreißen und beeilte sich mitzuteilen, dass der ÖSV die Kosten übernehmen werde.
Bau hat Wunden hinterlassen
Zwei Steinwürfe von den Großbaustellen entfernt liegt das Büro der WM-Veranstalter. Reinhold Zitz ist Geschäftsführer, er ist seit bald drei Jahrzehnten ein Weggefährte von Schröcksnadel und fungiert hier als Statthalter für den ÖSV-Boss, ohne dessen Wissen und Zustimmung hier nichts läuft. Zitz ist abkommandiert, um das Hauptziel zu erreichen: Gewinn. Beiläufig erwähnt er im Gespräch, dass die komplette Büroausstattung von einem Sponsor kommt. Wenn er nach den Befindlichkeiten im Ort gefragt wird, antwortet er verblüffend offen. "Jede WM lässt sich in Phasen einteilen. Die erste Phase ist die gemeinsame Bewerbung und die Euphorie, wenn man den Zuschlag bekommt. Die zweite Phase ist geprägt vom Kampf um das Geld und Zuständigkeiten und in der dritten Phase rauft man sich wieder zusammen. Wir sind in Phase drei", sagt er.Aber auch die Phase zwei wirkt noch nach in Schladming. Der Abriss des Loops und eines Hauses im Zielhang, das zuvor von der öffentlichen Hand um 581.000 Euro gekauft worden war, haben ebenso wie die plötzliche Abberufung des Bergbahnen-Chefs Ernst Trummer (wie Bürgermeister Jürgen Winter im Dauerclinch mit ÖSV-Boss Schröcksnadel) einige Wunden in Schladming hinterlassen. Auf diesem Boden blühen Gerüchte und Verschwörungstheorien, die jedem, der in Schladming recherchiert, offenherzig zugetragen werden. Fast skurril mutet an, dass zuletzt gar die gemeinsame Präsentation eines WM-Dirndls scheiterte.
Zitz spricht lieber über die positiven Kräfte. Wie die neue Herzlichkeitsoffensive im Tourismus. "Ich bin im März weg", sagt Zitz, "aber in Schladming muss es auch dann noch weitergehen".
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