John Cage: Der Zufall ist ein großer Künstler
Von Clemens Panagl | 13.07.2012 - 14:11

Künstler mit Katze. John Cage in seiner New Yorker Wohnung, 1990. Bild: SN/MDM/Herzogenrath
Vielleicht wird das Mozart-Bildnis gleich neben den Tierpräparaten aufgehängt. Vielleicht kommen die Schuhe von Marcus Sitticus neben einer Skizze von Robert Wilson zu stehen. Vielleicht aber auch nicht. Wie auch immer es in dem Sonderraum im Museum der Moderne (MdM) aussehen mag, dessen Inhalt wöchentlich wechselt - Kuratorin Tina Teufel kann es gelassen sehen. In jeder anderen Ausstellung wäre es ihre Kuratorenpflicht, so wenig wie möglich dem Zufall zu überlassen. Bei einer Schau über John Cage darf der Zufall mitregieren.
Der 100. Geburtstag des US-Komponisten, Künstlers und Philosophen (1912-1992) wird heuer weltweit gefeiert. In Salzburg stellt das Museum der Moderne auf dem Mönchsberg das - vergleichsweise selten wahrgenommene - bildnerische Werk von John Cage in den Mittelpunkt einer großen Ausstellung. Die Schau "John Cage und..." ist in Zusammenarbeit mit der Berliner Akademie der Künste entstanden. Dass es vor allem um die Einflüsse geht, die Cage ausgeübt oder in sich aufgenommen hat, schwingt im Titel mit.
In Berlin sei ein Teil der Ausstellung zu sehen gewesen, erläutert Tina Teufel. Die vollständige Umsetzung in Salzburg füllt nun alle drei Ebenen des Museums auf dem Mönchsberg. Einen wichtigen Platz nehmen etwa die großformatigen Malereien ein, die John Cage zwischen 1988 und 1990 im Zusammenarbeit mit dem "Mountain Lake Workshop" schuf. Innerhalb von drei Jahren entstanden 120 Aquarelle. Mit Studenten führte er das Prinzip seines vom Zen-Buddhismus beeinflussten "Ryoanji"-Zyklus weiter. Auch die "Ryoanji"-Zeichnungen sind in der Ausstellung präsent.
Für die Umsetzung des anfangs erwähnten "Museumcircle" hat das MdM sechs andere Salzburger Sammlungen gebeten, je zwölf Leihgaben zur Verfügung zu stellen. Welche Werke im "Museumcircle"-Raum zu sehen sind und welche im Schaudepot darauf warten, ausgestellt zu werden, darüber hat Tina Teufel das chinesische Orakel "I Ging" entscheiden lassen.
Eines der Prinzipien, mit denen John Cage die Musik- und Kunstgeschichte revolutioniert hat, ist damit schon angesprochen: Immer wieder stellte er den Kunstbegriff und die Rolle des Künstlers infrage. Immer wieder gab er mit seinen Arbeiten nur einen Rahmen vor, der neue Blicke ermöglichen sollte. Im Klavierstück "4’33’’" spielt der Interpret vier Minuten und 33 Sekunden lang keinen Ton - so werden die Geräusche, die in diesem Zeitraum zu hören sind, zur Musik.
Kein Zufall ist freilich das übergeordnete Konzept der Schau: "Der Titel und viele der Ideen gehen noch auf John Cage selbst zurück", erläutert Tina Teufel. 1991 arbeitete Wulf Herzogenrath, der Gastkurator der Schau, mit Cage an einer Ausstellung, in der die wechselseitigen Einflüsse in seinem Schaffen dokumentiert werden sollten. "Es existiert noch ein ganzes Heft mit Cages Anregungen und Notizen." Als Cage 1992 starb, kam es nicht mehr zur Umsetzung. Eine andere Schau, die der Direktor des MdM, Toni Stooss, 1991 in Zürich kuratierte, sollte die letzte zu Cages Lebzeiten bleiben, die sich mit seinem bildnerischen Werk befasste. Zum Jubiläum sei nun eine Kooperation naheliegend gewesen.
Sein Frühwerk als Maler hat John Cage gern verschwiegen, zu den frühesten Exponaten zählen daher grafische Partituren aus den 1930er-Jahren. Verbindungslinien führen zu seiner frühen Begeisterung für Paul Klee und die Gruppe der "Blauen Vier". Für ein Bild von Alexej Jawlensky leistete Cage etwa eine Anzahlung von einem Dollar - den Restbetrag stotterte er in kleinen Raten ab. Die Freundschaft mit Marcel Duchamp führte zur Beschäftigung mit dem Zufall und der Frage nach der Verknüpfung von Kunst und Leben.
Vom Vorbild zur Hommage: Auch Werke von Nam June Paik und Yoko Ono sind Teil der Ausstellung. Ein Stockwerk ist der Beziehung zwischen Cage und Merce Cunningham gewidmet, für dessen "Dance Company" er komponierte und deren Choreografien er aufzeichnete. Das Erdgeschoß bietet Platz für Installationen, die auf Cage Bezug nehmen, wie "Two Times 4’33’’" von Manon de Boer.
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